Die glorreichen 7 – Lorenzo Ludemann und die Hollywood Trumpet Routine

Im TrumpetScout-Interview erwähnte Lorenzo Ludemann ein Übungsprogramm, das er von Studio-Legende Gary Grant erhielt. In diesem Artikel erklärt der Trompeter im Detail, welche Übungen daraus für ihn warum die wichtigsten sind und auf was bei der Anwendung zu achten ist. Viel Spaß mit den ‚Glorreichen Sieben‘.

Vor drei Jahren besuchte Lorenzo Ludemann an der US-amerikanischen Westküste die lebenden Trompeten-Legenden Jerry Hey und Gary Grant. Mit nach Hause brachte er neben den persönlichen Eindrücken auch ein Kompendium an Übungen, die nicht nur die beiden Heroen, sondern einige ihrer berühmten Kollegen über Jahre und Jahrzehnte täglich praktizierten. Eine Daily Trumpet Routine also, die ihren Namen nicht verdienter tragen könnte.

Hier stellt der Düsseldorfer die sieben Trainingsbereiche vor, die für ihn am wichtigsten sind und deshalb an einem Übetag immer auf der Agenda stehen.

1. Herbert Clarke: Chromatik nach oben und unten

Die Übungen sind allseits bekannt und sehen wenig furchteinflößend aus. Und das ist immer ein Vorteil und am Beginn einer Trainingssession kein Nachteil.

Ludemann rät, auf jeden Fall mit Metronom zu üben und – auch wenn die Chromatik nicht als Erzfeind bekannt ist – tendenziell lieber etwas langsamer zu spielen, dafür aber ohne ‚Nudelneigung‘ und Pfuschattitüde. Die Viertel mit 100 sind okay, ehe man sich steigert. Wichtig ist nämlich ein genaues Arbeiten der Finger. Der Fokus sei aber auch auf einen konstanten und vor allem „entspannten Luftstrom“ gelegt.

Begonnen wird wie gezeigt in der Mitte, bevor man sich abwechselnd nach unten und oben bewegt. Die Spreizung wird also immer größer, der Sound und die Anstrengung sollten dabei aber gleich bleiben. Ludemann spielt die ganze Übung mit ihren insgesamt 25 Zeilen ohne abzusetzen und trainiert damit zugleich die Ausdauer. Dieses Ziel ist aber nachrangig. Pausieren ist okay, vor allem, wenn man ermüdet und verkrampft und sich somit falsch programmiert.

 

2. Herbert Clarke: Chromatik über zwei Oktaven in Varianten

Der zweite Übungsbereich weist eine Verwandtschaft mit dem ersten auf, birgt aber doch zusätzlich ein anderes Potenzial. Beim Spielen über zwei Oktaven wird das Spielen ohne ‚Umschalten‘ des Ansatzes geschult. Wieder soll auf den konstanten Luftstrom und das präzise Bedienen der Ventile geachtet werden. Wem zwei Oktaven zu viel sind, der kann natürlich auch abkürzen.

Diese Übung soll (siehe Beispiel) auch in anderen Spielarten praktiziert werden: teilweise gebunden, als Triolen, auch einfach oder mehrfach gestoßen etc. Wichtig, so Ludemann, sei es, beim Stoßen stets eine lockere Zunge zu behalten und immer sehr weich zu trennen. „Zwischen portato und legato soll nahezu kein Unterschied zu hören sein.“ Starten kann man natürlich auch tiefer oder höher.

3. Bill Adam: sich erweiternde Skalen

Der dritte Übungsbereich zielt ganz speziell auf die Erweiterung des Tonumfangs bei gleichem und gleichgroßem Sound ab. Die zugehörigen Übungen gehen auf Bill Adam, einen US-amerikanischen Trompetenprofessor, zurück und bestehen im Wesentlichen aus einem Auf und Ab, das sich stets verlängert und durch die Tonarten moduliert.

Auch hier soll nicht zwischen den verschiedenen Lagen umgesetzt werden. ‚Oben‘ soll zudem klingen wie ‚unten‘. Pausen können nach Belieben gemacht werden. Da diese Übung aber irgendwann auch an die obere Grenze der Range gelangt, sollten besser mehr Erholungsphasen eingeplant werden, um nicht in eine Kompensationsmotorik zu verfallen, nur um einen hohen Ton zu erzwingen.

4. James Stamp: Bending

Zu diesem Trainingsbereich gibt es bei TrumpetScout einen eigenen Artikel. Ziel dieser Übungen von James Stamp ist es, trotz falschem Griff (im Beispiel unten das h mit 0, das Dis mit 12 und das Fis mit 0) den anvisierten Ton im Zentrum zu erwischen, und das sowohl klanglich als auch intonatorisch. Gerade in der unteren Lage ist das nicht einfach. Und dann sollte die Luft auch noch für den Rest der Zeile reichen 😉

5. James Stamp: Übungen in Oktaven

Vor Oktavbindungen graut so manchem Trompeter und sie kommen auch gar nicht so selten in der Literatur vor. Man trainiert sie deshalb besser oft!

Lorenzo Ludemann erklärt zur Übung, dass man versuchen solle, eine Verbindung zwischen den Tönen herzustellen. Die Intervalle mögen mit Luft überbrückt werden und das Erzwingen der Oktave sei zu vermeiden. Am besten sei, wenn man es natürlich geschehen lasse.

6. Übungen für den Zungenstoß

Mit diesem Übungsbereich sind wir bei der größten Schwachstelle des TrumpetScout angekommen. Aber auch all jene, die mit dem Zungenstoß weniger Probleme haben, sollten dieser Fertigkeit täglich Aufmerksamkeit schenken.

Die folgenden Übungen beginnen auf dem C2 und (wie eingangs bei Clarke) sollen sowohl tiefer als auch höher fortgeführt werden. Im Idealfall soll ein Atemzug reichen! Mit Metronom übt es sich auch hier am effektivsten und natürlich ist eine entspannte Zunge Ziel und Ausgangspunkt zugleich.

7. Max Schlossberg: Kombinierte Drei- und Vierklänge

Die letzte Übung zielt wie immer auch auf den Sound und die Flexibilität beim Spiel durch die Lagen ab. Geschult werden soll mit diesen von Jerry Hey und Larry Hall erdachten Abwandlungen bekannter Etüden von Max Schlossberg aber auch das Ohr. Es geht um bestmögliche Intonation und den reibungslosen Wechsel zwischen den Harmonien. Hinzu kommt, dass gerade die vierte Übung dieser Serie nicht auf den Grundton hinführt, sondern auf die Septime. Das ist nicht nur ungewohnt, sondern kann auch die Furcht vor der unbedingt zu erreichenden hohen Tonika nehmen. Der TrumpetScout findet, dass man hier aber auch besonders musikalisch spielen kann. Wie bereits erwähnt, soll auch keine Top Note erzwungen werden.

Ein Wort zum Schluss

Wer all diese Übungen im vollen Umfang – und der wächst natürlich mit den Fähigkeiten – täglich spielen will, der hat gut zu tun. Lorenzo Ludemann meint, dass man nach seiner Routine immer noch fit für weitere spielerische Aufgaben sein sollte. Nun, Grant, Hey und Findley starteten erst nach diesen Übungen (und  noch einigen weiteren) in ihren Arbeitstag! Sie zählten aber sicher zu den ‚hardest working‘ Bläsern dieser Erde und sind daher nicht zwingend ein Vorbild. Für den Hobbyspieler reichen ja auch einige der Etüden, möglichst aber aus allen Bereichen. Und jetzt viel Spaß beim Üben – und Hören von Lorenzo Ludemann! Der gibt übrigens auch persönlichen Trompetenunterricht und kann bei Interesse hier angeschrieben werden.

 

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