Gábor Tarkövi – Leben und Lehren eines Spätzünders

Manchmal muss man Dinge aufgeben um weiterzukommen. Das wusste schon Hans Gansch, der seinen Dienst als 1. Trompeter bei den Wiener Philharmoniker zugunsten einer Lehrstelle und dem Leben als Solist quittierte. Einer seiner Schüler tat es ihm jetzt gleich: Gabor Tarkövi hat bei den Berliner Philharmonikern aufgehört.

Baden-Baden ist ein kleiner, aber mondäner Kurort am Fuße des Schwarzwaldes, bekannt für seine Thermen, die Pferderennbahn vor den Toren der Stadt, natürlich sein prächtiges Casino und auch dafür, vornehmlich bei Russen sehr beliebt zu sein. Doch auch Musikfreunde zieht es öfter in die Stadt mit dem eineiigen Zwillingsnamen, denn das dortige Festspielhaus ist ein Garant für große Namen, in erster Linie im klassischen Genre. Die diesjährigen Osterfestspiele brachten – wieder einmal – die Berliner Philharmoniker nach Mittelbaden. Besonderheit jedoch im Jahre 2019: Es war der letzte offizielle Besuch des Orchesters mit seinem etatmäßigen ersten Solotrompeter Gábor Tarkövi. Der 50-jährige Ungar hängte seinen Job vor der nächsten Spielzeit an den Nagel. Für Viele vor der Zeit. Für Tarkövi selbst dürfte wohl alles zum rechten Zeitpunkt geschehen. Dem TrumpetScout erklärte er seine Entscheidung.

Frühsport hinter den Kulissen: Gábor Tarkövi beim Warm-up am Vormittag.

Rückblick: Es ist Ostermontag, späterer Vormittag, als der TrumpetScout Gábor Tarkövi vor dem Künstlereingang trifft. Er kommt weder aus seinem Hotel noch einem Café, sondern aus dem Lagerraum der Berliner Philharmoniker. Irgendwo hinter den Kulissen hat er sich eingespielt. „Das mache ich jeden Tag so, nur ein bisschen, eine Stunde bis anderthalb.“ Das ist kein Understatement, auch wenn er dazu neigt, schließlich übt Tarkövi täglich zwischen drei und vier Stunden. Höflich ist er, der Mann, dessen Augenbrauen oft eine leichte Besorgnis signalisieren. Freundlich, nicht aufgesetzt und überschwänglich, aber eben so, wie man einem Fremden gegenüber ganz einfach sein sollte, wenn man nicht nur an das Schlechte im Menschen glaubt. Nach einem kurzen Abstecher in den Überaum mit den großen schwarzen Reiseschränken des Orchesters suchen wir im Labyrinth des Gebäudes nach einem freien und ruhigen Raum. Viele Türen sind verschlossen und so steigen wir durch die Kulisse von „Otello“ ins lichtdurchflutete Foyer und plaudern dort, wo abends der Champagner fließt.

Darum hört Tarkövi auf

Zu Beginn die brennendste Frage: Wieso machen Sie Schluss? Tarkövi lächelt, blickt schräg nach oben, überlegt und antwortet wie ein Aphoristiker: „Eine Professur muss man dann nehmen, wenn sie frei ist.“ Da ist also zumindest ein Grund: Tarkövi wechselt das Fach. Denn seit 2018 unterrichtet er an der Universität der Künste in Berlin und besetzt somit die seit fünf (!) Jahren vakante Stelle seines Vorgängers Konradin Groth, bei dem z.B. auch Matthias Höfs Unterricht erhielt. Aber warum denn nicht spielen und lehren? Auch wenn Tarkövi während des Gesprächs erklärt, dass der Stressfaktor beim Unterrichten gering und reine Lehrtage im Vergleich zu Auftrittstagen beinahe erholsam seien, so macht er doch klar, dass auf Dauer beides nicht parallel funktionieren kann. „Für die Solotrompete muss man wahnsinnig viel üben. Im Satz ginge es vielleicht, so ist es viel zu viel.“ Ein Unterrichtstag brauche zudem einen eigenen Kopf und das komme der Orchesterarbeit in die Quere. Die Entscheidung für das Ende als Trompeter bei den Berliner Philharmonikern fiel deshalb bereits im Frühjahr 2018.

Anfang 2019 feierte Gábor Tarkövi seinen 50. Geburtstag. Zufällig prangt diese Zahl auch auf seinen Flight Case.

Darüber hinaus sucht Tarkövi weitere Herausforderungen. „Ich habe neue Aufgaben immer gern gehabt. Und die Mahler-Sinfonien kenne ich schon!“ Ja, immerhin spielt der 50-jährige Ungar bereits seit 28 Jahren im Orchester und 15 Jahre davon bei den Berliner Philharmonikern. Höher hinaus kann es nicht mehr gehen, eben nur länger.

Die Last des ersten Trompeters

Aber wie sieht es mit dem Druck aus, der auf der ersten Trompete lastet? Hat dieser Aspekt mit der Entscheidung wirklich nichts zu tun? Tarkövi windet sich nicht, auf diese Frage einzugehen: „Die Verantwortung eines ersten Trompeters ist viel größer als die eines zweiten. Man muss es mögen, viele Soli zu haben und man muss sich gut vorbereiten. Konditionell ist die Erste viel anstrengender. In der ‚Alpensinfonie‘ z.B. spielt die zweite Stimme nur halb so viel. Hinzu kommt, dass man es nicht nur schaffen muss, es sollte auch noch gut klingen, weil man von den Berlinern auch nichts anderes erwartet.“ Im Stile Wladimir Kaminers setzt er nach und erklärt, dass man in Berlin ganz schnell bekannt werde, wenn man etwas nicht gut spiele. Bringe man hingegen immer seine Leistung, werde man nur langsam bekannt. „Oder vielleicht gar nicht.“ Konkreter wird er beim Stichwort ‚Digital Concert Hall‘, womit das Live-Streamen von Aufführungen direkt aus dem Konzertsaal in Bild und Ton gemeint ist. „Durch die Medien ist unser Beruf stressiger geworden. Es wäre falsch, das zu leugnen. Es ist so.“ Doch jeder Beruf habe seine Schattenseiten, nur habe er sich nie auf die Schattenseiten konzentriert, sondern eher auf das Schöne.

Summieren wir die Antworten: Neuer Job, neue Aufgaben und auch ein bisschen weniger Stress. Sicher könnte Tarkövi noch viele Jahre an alter Stätte ohne Einbußen an Spiel- sowie Lebensqualität weitermachen. So routiniert ist er. Aber warum sollte ausgerechnet ein Solotrompeter sich bis in die Rente zwingen und jeder andere darf seinen Beruf davor wechseln? Nicht jeder muss als Orchestermethusalem den Bühnengraben verlassen wie einst Bud Herseth oder Maurice Murphy. Und wenn die Belastung des Jobs der Hauptgrund für Tarkövis Entscheidung gewesen wäre, dann hätte er die Ausfahrt Hochschule bereits früher nehmen können. „Die Stelle wurde ausgeschrieben als ich 45 Jahre alt war. Damals war es aber für mich viel zu früh und nicht denkbar, im Orchester aufzuhören.“ Heute scheint es, als habe die freie Stelle ihre richtige Besetzung bereits seit Längerem gekannt und bis zur Entscheidung vor circa zwei Jahren einfach geduldig gewartet.

„Ich war immer schon spät dran.“

Geduld und ja, vielleicht sogar Langsamkeit dürften sowieso in Tarkövis Leben so etwas wie ständige Größen sein. Immer wieder sagt er, dass er „spät dran“ war sowie fleißig sein und sich Fähigkeiten langwierig erarbeiten musste. Aber wo zeigte sich das genau? Lassen wir das Musikerleben des Ungarn einmal da capo im Schnelldurchgang Revue passieren.

 

Tarkövi ist Sohn einer der vielen ungar-deutschen Familien, die man als Donauschwaben bezeichnet und die im 18. Jahrhundert mit dem Schiff über den großen Strom nach Osten gekommen sind. Ein Teil stammte wohl aus dem Elsass (und somit war der Aufenthalt in Baden-Baden fast so etwas wie ein Heimatbesuch!), ein anderer aus Niederösterreich. Deshalb wurde zuhause auch nicht ungarisch gesprochen. „Deutsch haben wir sogar in der Grundschule gelernt. Bei uns sprechen im Dorf noch 90% den deutschen Dialekt meiner Eltern.“ Da ist es wenig verwunderlich, dass auch die Musiktradition keine genuin-ungarische ist, sondern eine böhmische.

Eine Familie hauptberuflicher Hobbymusiker

Die Musik spielte in der Familie schon immer eine große Rolle. Bereits der Großvater unterrichtete quasi alle Instrumente, die es gab und durfte – er war kein Parteimitglied – in den 70er Jahren seinem ‚hauptberuflichen Hobby‘ nicht mehr nachgehen. Der Vater war nominell Elektriker, aber das auch nur, weil die Großmutter verbat, einen unsicheren Job zu ergreifen. Nebenbei formierte er eine Hochzeitskapelle und war damit stets viel unterwegs. Und: Er spielte Trompete genauso wie Gabors sechs Jahre älterer Bruder. Das machte natürlich Eindruck.

Ein teil von Tarkövis Vorfahren stammt aus dem Elsass. Baden-Baden ist deshalb schon fast ein bisschen Heimat.

Mit 12 Jahren offenbarte der jüngere Filius, dass er mit Musik sein Geld verdienen wolle. Dem entgegnete der Vater nur lapidar: „Dann musst du in ein Orchester gehen und dafür sehr viel üben.“ Danach schien der weitere Weg vorgezeichnet. Erstaunlich ist dennoch, dass Tarkövi Junior erst mit 18 Jahren anfing, klassische Musik ernsthaft zu erlernen. Denn wie Orchesterstellen stilistisch funktionierten, wusste damals im direkten Umfeld keiner.

Gábor Tarkövi: von der Musikakademie abgelehnt

Als das Musikgymnasium sich dem Ende neigte, folgte vor der Erleuchtung erst einmal die Ernüchterung. An der Musikakademie in Budapest wurde Tarkövi abgelehnt. Mit dem Anflug eines Lächelns, aber keineswegs die damaligen Begutachter belächelnd, blickt er heute auf diesen Umstand zurück, der manch anderem moralisch vielleicht das Genick gebrochen hätte: „Ich war talentiert, aber ein Riesentalent war ich nicht.“ Nun, ein Talent kann man nicht werden oder sich aneignen, das kann man nur sein oder haben. Und talentiert war Tarkövi schon immer mit Blick auf seine Musikalität. Trompeterisch hingegen, das räumt er unverhohlen ein, sei er kein Überflieger gewesen. Zu seinen Stärken gehörten aber Fleiß und Willensstärke. So begann der damals 18-Jährige einfach ein Studium an der pädagogischen Hochschule bei György Geiger, bei dem er erste Solostellen lernte und neben dem er im Rundfunkorchester aushelfen durfte. „Mein Idol zu jener Zeit“, beschreibt er seinen Lehrer jener Tage, der heute noch immer spielt.

Eine kleine Ansatzstudie

Das frühe Studium ist ein guter Zeitpunkt, um die natürlichen Schwächen als Trompeter im Detail zu eruieren. Sofort listet Tarkövi auf: die Ausdauer. Auch hatte er damals eine sehr langsame einfache Zunge und musste diese jahrelang üben. Noch dazu: die Höhe. „Im Grunde alles, was kommt, wenn man keinen stabilen Ansatz hat.“ Erst im Nachhinein wurde ihm klar, dass sein Problem die Luftführung war. Und die bekam er erst mit Mitte 20 einigermaßen unter Kontrolle.

Das zeigte sich auch in der Beherrschung der Standardliteratur. „Erst mit 21 habe ich das erste Mal Haydn gespielt. Tomasi und Jolivet, was die wirklich Guten bereits mit Anfang 20 beherrschen, konnte ich erst deutlich später.“

Tarkövi: „Ein schöner Haydn hilft!“

Dass Tarkövi das Standardwerk im Bereich klassische Trompete – eben Haydns Konzert in Es-Dur – nicht schon als Kind mühsam erlernen musste und dadurch Altlasten mit sich herumtrug, gereichte ihm nach eigener Einschätzung später zum Vorteil. „Für mich war es nie schwer und deshalb ein großer Bonus bei Vorspielen. Haydn war immer schön, dafür die Orchesterstellen nicht so sehr.“ So bekam er zwar seine ersten Anstellungen nie direkt, sondern stets nur unter Vorbehalt. Im Endeffekt verfehlte der Vortrag des Haydn-Konzerts a piacere seine Wirkung bei den Juroren aber nicht. „Stilistisch hatte ich aber immer noch keine Ahnung, wie viele Orchesterstellen richtig gespielt werden.“ Das hat sich erst geändert, als Hans Gansch in Tarkövis Leben trat.

Dem muss vorangeschickt werden, dass der Ungar auf Perinetinstrumenten zu musizieren begann. In der europäischen Klassik wird aber vornehmlich auf Drehventiltrompeten geblasen. „Ich hatte immer das Gefühl, dass man darauf nicht schön spielen kann“, gibt er offen preis, was sich auch heute viele Trompeter denken, die sich nicht eingehend mit diesem Instrument beschäftigt haben. „Mir hat keiner erklärt, dass man da ein anderes Mundstück mit größerer Hinterbohrung braucht.“ Sein Weltbild auf den Kopf stellte der Besuch eines Konzerts der Wiener Philharmoniker im Berliner Konzerthaus, auf dem Plan die „Sinfonia Domestica“ von [Richard] Strauss. „Und dabei habe ich Hans gehört. So schön klang für mich bislang kein Trompeter. Nur Maurice André und Hans.“

Hans Gansch wird zum Wegweiser

Beim Bier nach dem Konzert fragte Tarkövi dann den österreichischen Meister, ob er bei ihm Unterricht nehmen könne. Der bejahte und so traf der Ungar seinen Landesnachbarn alsbald in Wien. „Natürlich war in der ersten Stunde in Riesenunterschied. Am Ende aber sagte er mir, ich solle sein Mundstück und seine Trompete ausprobieren, und das ging dann tatsächlich schon viel besser. Dann habe ich einfach sein Equipment bestellt.“ Bis dato hatte der junge Trompeter nämlich auf der Drehventiltrompete mit dem Mundstück seiner Perinetausrüstung gespielt – und das konnte nicht funktionieren.

Die Notwendigkeit der richtigen Abstimmung der Komponenten war aber selbstverständlich nicht die einzige Lektion bei Grand Seigneur Gansch. Hatte sich Tarkövi bislang nur durch das Hören von Aufnahmen auf Probespiele und Orchestereinsätze vorbereitet, gab es nun konkrete Anweisungen des Wiener Solotrompeters: „Nein, nein, das geht nicht so, sondern so.“ Die erste Stunde nahm der Schüler für sich auf und hörte das Band immer wieder ab. „Ich wusste, jetzt muss ich arbeiten. Als ich Hans nach einem halben Jahr wieder besuchte, war der Unterschied noch immer groß, aber eben nicht mehr so groß.“

Die Möglichkeit bei Pro Brass einzusteigen führte schließlich dazu, dass Tarkövi und sein Mentor bald auch außerhalb des Proberaums miteinander spielten. „Da konnte ich mir natürlich sehr viel abschauen – seine Artikulation, sein Sound, wie er eine Phrase formt, die Intensität, gerade bei langsamen Melodien.“ In dieser Phase, 1996, entstanden außerdem die ersten Drehventiltrompeten von Schagerl in Zusammenarbeit mit Hans Gansch, die, so Tarkövi, auch für ihn den beruflichen Weg spürbar erleichtert hätten.

Tarkövis Absage an das Aufgeben und eine innere Zuversicht

Damit ist man wieder beim Fleiß, also dem Willen, ein Ziel über viel Arbeit zu erreichen. Diese Disziplin oder nennen wir es im Bereich des Musikers: Übemoral ist das eine. Aber mit Niederlagen umzugehen – vor allem, wenn sie in Serie auftreten – ist ein anderes Thema. Dazu braucht man die Attitüde eines Stehaufmännchens. „Einen Wettbewerb habe ich nie gewonnen. Das hat mich traurig gemacht. Doch ich wusste, wenn ich alles für mein Ziel mache, dann muss es irgendwann klappen.“ Es gab zwei, drei Momente in Tarkövis Leben, an denen er, wie er es selbst formuliert, hätte „aufhören können“. „Ich habe aber nie aufgegeben.“ Geholfen habe ihm dabei eine innere Zuversicht: weniger ein Glaube an sich, sondern mehr ein Wissen, dass er am Ende reüssieren wird.

Gábor Tarkövi und seine Stärken

Und damit zu den Stärken von Gabor Tarkövi. Welche sind denn das? Über seine Musikalität haben wir ja bereits gesprochen genauso wie über seinen Fleiß. „Das sind schon alle Stärken“, resümiert er mit einer Bescheidenheit, die einen lachen macht. So einer Antwort kann man nur schwer Glauben schenken. Auf ein Nachhaken ergänzt der unglaublich selbstlose Interviewpartner, dass seine Zähne auch ganz gut seien (!) und wohl auch die Nerven nicht gegen ihn sprächen. Understatement aus dem Lehrbuch. Ein gutes familiäres Umfeld – und damit meint der Vater zweier Kinder im Wesentlichen seine Frau, die ihm immer genügend Übezeit verschaffte – sei natürlich auch sehr hilfreich. „Meine persönlich größte Stärke ist aber sicher der Fleiß.“

Das rechte Maß an „Wurschtigkeit“

Dass Tarkövi nicht nur ein ruhiger, sondern auch in sich ruhender Typ ist, merkt man ihm an. Dass ihm dies in seinem Beruf dienlich ist, lässt sich leicht nachvollziehen. Doch auch einer wie er steckt den Druck der Erwartungen nicht ohne Weiteres weg. „Drei, vier Mal in meinem Leben dachte ich, jetzt ist es mir zu viel, ich halte das nicht mehr aus. Und diese Situation will man nicht oft haben.“ Als genauso simples wie effektives Mittel gegen die Nervosität nennt er die gute Vorbereitung. Die Nerven flattern natürlich weniger, wenn das Können größer und ein gewisses Niveau jederzeit abrufbar ist. Ganz nach der Philosophie Roman Rindbergers probte Tarkövi aber auch die Drucksituation ganz gezielt. „Jeden Sonntag habe ich für mich allein ein Probespiel zu einer bestimmten Uhrzeit vereinbart, vor dem ich tatsächlich auch nervös war.“

Und wie sieht es mit Medikamenten aus? „Du hast am Nachmittag geschlafen, bist gut eingespielt – und dann kommen die Kameras. Wer sich davon überrumpelt fühlt, dem schadet die Tablette vielleicht nicht.“ Diese unverblümte Antwort kommt unerwartet. „Aber natürlich nur, wenn es auch einen positiven Effekt hat! Ich habe selbst einmal im Studium Betablocker ausprobiert und es hat überhaupt nicht geholfen. Ich war in einem anderen Zustand und habe alles durcheinandergebracht. Aber verurteilen würde ich niemanden, der darauf zurückgreift.“ Alle Menschen, ergänzt er, hätten unterschiedliche Körper und benötigen daher unterschiedliche Techniken. Tarkövi hat z.B. gelernt, über die Atmung seinen Herzrhythmus zu beeinflussen. Alle Techniken? „Natürlich, Alkohol ist nicht gut.“

Wahrscheinlich ist Nervosität dennoch auch Typsache: „Es muss dir ein bisschen wurscht sein, sonst machst du dir jeden Abend in die Hose. Klar freut sich keiner, wenn er live im Fernsehen herumgiekst, aber das Leben geht trotzdem weiter und keiner ist gestorben.“ Der Lauf des Lebens verstärkte diese positive Wurstigkeit: So hat das erste Kind mit 28 hat den Fokus verändert. „Die Trompete ist eben nur ein Teil des Lebens.“

Tolle Kollegen und die Notwendigkeit einer Verbesserungskultur

Wichtig für gute Leistungen und wenig angsteinflößende Szenarien, ist aber auch das Zwischenmenschliche Gefüge in einem Orchester. „Ich hatte in meiner Karriere das Glück, immer super Kollegen gehabt zu haben.“ Das heißt, keine Intrigen, keine offenen Anfeindungen, aber auch eine gepflegte Optimierungskultur. „Man hört, wie die Beziehung zu den Satzkollegen und zum restlichen Blech ist. Nur kollegiales Spiel ist hörbar. Es passieren kleine Fehler, die man nicht ausdiskutiert, und der Satz ist dann nicht zusammen. Bei mir wird das angesprochen und ich habe gottseidank Kollegen, die das so sehen wie ich.“

Aber auch die Kommunikation zwischen dem Mann am Pult [es sind fast ausschließlich Männer] und dem Orchester bzw. dem ersten Trompeter ist von Bedeutung. „In Berlin hat man keine Angst vor Dirigenten, da sind alle sehr nett. Gute Dirigenten sind in der Regel sehr freundlich und können sich gut mitteilen.“

Der Weg von Budapest nach Berlin

Auch wenn Tarkövi nie Wettbewerbe gewann, schaffte er es dennoch bereits mit 22 Jahren als stellvertretender Solotrompeter nach Reutlingen in das Orchester der Württembergischen Philharmonie. Und das Probespiel damals gewann er tatsächlich auf Perinettrompeten. Drei Jahre später wurde er erstmals Solotrompeter in Berlin – beim damaligen Sinfonie-Orchester. Fünf Jahre darauf wechselte er 1999 nach München zum Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks. „Dort fing alles an zu funktionieren“ und Tarkövi fühlte sich pudelwohl, ja rechnete schon damit, in der Millionenstadt im Südosten alt zu werden. „Ich war so glücklich mit meiner Familie und im Orchester, dass ich zwei Mal nicht nach Berlin zum Probespiel gefahren bin. Beim dritten Mal hat man mich gefragt, ob ich wirklich nicht kommen möchte, da ansonsten die Entscheidung definitiv fällt. Dann habe ich mir am Dienstag ein Flugticket für das Probespiel am Freitag gekauft, war aber nicht gut vorbereitet. Super Haydn, aber die zweite Runde war nicht gut. Ich war zu locker und dachte schon, ich hab’s im Sack. Vor der dritten Runde hat mir ein Kollege aus Berlin dann gesagt: ‚Gabor, jetzt geht’s um die Wurst!‘“ In Runde 3 war Tarkövi dann voll da und hat das Orchester klar von sich überzeugt. Auch hier hat sein Schicksal bereits auf ihn gewartet.

Endstation Berliner Philharmoniker. Es könnte schlechter gelaufen sein.

Eine Motivation neben der Möglichkeit, auf noch höherem Niveau spielen zu können und Teil eines Orchesters von Weltruhm zu sein, war für Gábor Tarkövi auch das damit verbundene höhere Gehalt. Der Mann im Hemd und mit der alten mechanischen Uhr am Handgelenk nimmt auch bei diesem Thema kein Blatt vor den Mund und schlüpft erfrischenderweise nicht in die Rolle des Bilderbuchidealisten: „Ein Ziel von mir, der ich im Kommunismus aufwuchs, war, mehr von der Welt zu sehen. Ich wusste, wer mehr Geld hat, sieht mehr von der Welt. Und ich wollte auch alle Trompeten kaufen können, die ich mir wünschte. Bei der Wahl meiner Stellen habe ich mir deshalb schon überlegt, wo ich mehr verdienen kann.“

50 Jahre – und was kommt jetzt?

Künftig wird Gábor Tarkövi wohl bei den Berliner Philharmonikern noch aushelfen, aber er sehnt sich nach der Zeit, in der er sich nicht täglich einspielen muss – oder die Trompete auch einmal für ein paar Tage ganz zur Seite legen kann. „Das hat es bislang lediglich einmal im Jahr im Sommer gegeben.“ Und dann brauchte es stets 10 Tage bis er wieder fit war.

„Ich freu mich sehr, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann.“ Wer aber glaubt, von Tarkövi jetzt erst einmal nichts mehr zu hören, liegt komplett daneben. 2020 nimmt er ganze drei Alben auf – in Quintettbesetzung, mit einem Brass-Trio und solistisch mit Klavier. „Ich muss da wahrscheinlich genauso viel üben wie jetzt, aber es wird ein bisschen anders werden“, schmunzelt er über den bevorstehenden Orchesterruhestand.

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Ob er auch irgendwann aufhören will wie sein Freund Hans Gansch? „Bis 65 werde ich unterrichten und bis dahin möchte ich natürlich auch spielen. Was danach ist? Ob die Zähne noch wollen, dass man spielt?“ Berufsmäßig, quasi Rente da, Koffer zu, habe er jedenfalls nie gedacht. „Das Trompetespielen hat mir immer mehr Spaß als Druck gemacht. Aber wenn es mal furchtbar klingt, dann überleg ich mir das mit dem Aufhören vielleicht!“