Leichtigkeit des Seins: Zum Tod von Clark Terry

Gerne mühen sich Trompeter an ihrem Instrument ab: die Stirn in Falten, der Kopf rot oder krampfartige Verrenkungen beim Improvisieren. Das Ergebnis bleibt oft mau. Einer dagegen sah stets aus wie ein freundlicher Museumswächter mit 20-Stunden-Woche, klang dabei aber wie ein junger Gott – Clark Terry. Er starb vorgestern im Alter von 94 Jahren.

Clark Terry zeigt Kunststückchen bei einem seiner Besuche in Wien. Foto: Jens Lindworsky.
Live im Jazzland! Clark Terry zeigt Kunststückchen bei seinem letzten Besuch in Wien. Foto: Jens Lindworsky.

94 Jahre sind ein stolzes Alter. Erst recht für einen Jazzmusiker. Das liegt möglicherweise nicht nur an guten Genen, sondern auch an einer gesunden Lebenseinstellung. Wo andere mit sich und der Welt haderten (man denke an all die großen Namen wie z. B. Charlie Parker oder Chet Baker, deren schweres Gemüt eine lange Karriere verhinderte), lächelte Clark Terry – und versuchte stets besser zu werden. Gesund heißt also nicht, früh ins Bett zu gehen und bei Junk Food und Drogen abzuwinken. Gesund heißt, positiv zu denken und aus jedem Rückschlag eine Tugend zu machen.

Clark Terrys Spiel wirkte unendlich routiniert, deshalb aber nicht öde, sondern himmlisch leicht.

Bei Clark Terry machte es vielleicht deshalb den Eindruck, dass das fortschreitende Alter seinen Ausdruck immer noch weiter purifizierte. Sein Spiel wirkte unendlich routiniert, aber deshalb nicht öde, sondern sicher und himmlisch leicht. Genau diesen Zustand der Entspanntheit durch Können und ein unerschöpfliches Reservoir an Erfahrung, verschafft wohl erst die Möglichkeit, die eigene Musikalität entfalten zu können. Ein Clark Terry suchte keine Töne mehr, er entließ sie von seiner in unsere Welt, so einfach, als würde man das Fenster öffnen. Diese, seine Musik hat jedem gefallen, ohne gefällig zu sein, war dabei aber kreativ, ohne die Grenzen zu einer anstrengenden und exklusiven Avantgarde zu überschreiten.

 



 

Doch nicht nur auf der Bühne hat dieses Ausnahmetalent gestrahlt, das ebendort mit so vielen anderen Legenden wie Count Basie oder Ella Fitzgerald und mittlerweile selbst legendären Schülern wie Quincy Jones gewirkt hat. Auch abseits schien Clark Terry Herzen zu öffnen – davon zeugen viele Aussagen von Kollegen (darunter auch ehemalige Konkurrenten!), Wegbegleitern, Schülern, Veranstaltern und anderen Menschen, die ihn persönlich getroffen haben. Bis zuletzt unterrichtete er, durch die Diabetes bereits erblindet (die Beine wurden ihm schon vor Jahren amputiert), vom Krankenbett aus.

Lebensmotto als Filmtitel: „Keep On Keepin‘ On“

Ein besonderer Schüler Terrys war der sehr junge und ebenfalls blinde Pianist Justin Kauflin, der dem Altmeister, sehr ans Herz gewachsen schien. Ihren gemeinsamen Weg als Magister und Adlatus beleuchtet die wunderbare Dokumentation des australischen Schlagzeugers Alan Hicks, der selbst mit CT auf Tour war. Ihr Titel ist bezeichnend für das Leben des Stehaufmännchens: „Keep On Keepin‘ On“.

 



 

Was bleibt vom Mann mit dem Samtsound, von diesem unglaublich musikalischen, stilvollen und nicht zuletzt – das wird bei begnadeten Improvisieren gerne vergessen – auch technisch extrem versierten Trompeter? Über 900 Aufnahmen, die von seiner ganz eigenen Klasse zeugen, mehrere Bücher und ein Film. Vielleicht noch wichtiger die Lektion für’s Leben: Nach dem Hinfallen kommt das Aufstehen und dazwischen bleibt Zeit zu lachen. So stellt sich irgendwie das Gefühl ein, dass selbst das Sterben ihm nicht schwerer fiel als „All of me“ in C-Dur.

 


 

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