Music is storytelling: Barbara Butler Masterclass - TrumpetScout

Music is storytelling: Barbara Butler Masterclass

Barbara Butler ist Professorin für Trompete an der Rice University in Houston und – vorneweg und ohne Umschweife – eine pädagogische Rakete. Der TrumpetScout hat sich von einem inspirierenden Youtube-Masterclass-Clip mitreißen lassen und dessen Inhalt als Kurzlektüre aufbereitet.

 

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Barbara Butler bei der ITG Conference 2013. Foto: ITG.

Eine singuläre Erscheinung ist Barbara Butler, die sowohl als Solistin und Orchestermusikerin als aber auch als Professorin tätig ist (sie war u.a. langjährig an der renommierten Eastman School of Music), nicht nur wegen ihres Geschlechts, mit dem man in der maskulin dominierten Welt der Trompeter noch immer auffällt, sondern auch wegen ihrer Art und Weise der Wissensvermittlung und Veranschaulichung dessen, um was es beim Trompetenspiel und der Musik im Allgemeinen geht. Der TrumpetScout hat eine knapp zweistündige Aufzeichnung einer Master Class mit dieser Dame mit Begeisterung verfolgt und möchte die wichtigsten Inhalte hier komprimiert wieder geben. Nichtsdestotrotz – das Anschauen des gesamten Videos lohnt sich auf jeden Fall, da einige der Studenten interessante Stücke vortragen und der Referatsstil von Barbara Butler äußerst unterhaltsam ist.

Be special! Die eigene und einzigartige Stimme finden

„Es wird immer einen geben, der ein bisschen höher oder schneller spielen kann.“ Sich nur an Superlativen zu orientieren und nach diesen zu streben, bringt nichts und frustriert nur, meint die Amerikanerin. Vielmehr müsse man daran arbeiten, durch Spielweise und Ton einzigartig zu werden: „Find your personal and unique voice.“ Wie ein Sänger kann man sich mit eigener Stimme wohltuend von anderen Spielern unterscheiden. In der Werbebranche würde man sagen: „Sei eine eigene Marke, ein eigenes Produkt. Mach dich unvergleichbar.“

Was gute Spieler ausmacht: 4 Komponenten des Erfolgs

    1. Talent Das nennt Barbara Butler zwar an erster Stelle, räumt aber umgehend ein, dass es am wenigsten wichtig ist (wenn auch erforderlich für den ganz großen Erfolg). Viele haben es – klar, es kommt drauf an, was man damit anstellt.
    2. Work ethic Eine gesunde Arbeitsmoral ist die Grundvoraussetzung (wie überall). Wer glaubt, nichts tun zu müssen, um viel zu erreichen, scheitert. Der Punkt ist aber gleich abgehandelt, denn auch damit sind im Prinzip alle ausgestattet, die ein Musikstudium beginnen (sie wendet sich zuvorderst an angehende Profis) oder ernsthaft als Trompeter weiterkommen wollen. Geübt werden muss.
    3. Intelligence of work Mit Fleiß alleine ist es aber nicht getan. Wer (große) Fortschritte machen möchte, muss nicht nur viel, sondern vor allem clever üben, also effizient. Und dabei geht es gar nicht darum, den richtigen Übeweg über das Ziel zu definieren, sondern auch an sich selbst, dem Spieler, auszurichten. „DNA-designed practice“ nennt sie das und gestehtdamit jedem Spieler seine Einzigartigkeit zu. Den einen Weg, der für jeden passt, gibt es also nicht.
    4. Perseverance Wer Talent hat, fleißig ist und dabei noch durchdacht übt, kann trotz alledem scheitern. Dann kommt der Charakter zum Tragen. Beharrlichkeit oder stärker: Hartnäckigkeit ist das, was einen nach einem Rückschlag nicht aufgeben lässt. Auf diese Eigenschaft kann man als Profi unmöglich verzichten. Als Amateur mag sie nicht die große Rolle spielen, da sich die Ganz-oder-gar-nicht-Frage nicht zwingend stellt. Die Grundeinstellung „Dranbleiben“ ist aber selbstverständlich auch in den unbezahlten Ligen ungeheuer hilfreich.

Barbara Butler: Das Wichtigste ist der Ton

Kommen wir zurück zur wichtigsten Aufgabe: speziell zu sein. Was transportiert den Charakter eines Spielers besser als sein Ton? Nichts. Das ist ein einstimmiger Konsens aus beinahe allen TrumpetScout-Interviews und auch so etwas wie ein unwissenschaftlich erhobener gemeinsamer Nenner aus allen Youtube-Kommentaren unter Videos großartiger Trompeter. Der Klang kann einen in den Bann ziehen und sofort vergessen machen, wenn etwas anderes nicht passt. Ob ein Louis Armstrong-Timbre, eine Maynard Ferguson-Lava-Eruption oder das Oboeske einer Tine Thing Hellseth. Das Publikum muss förmlich schreien: „Mehr davon!“ Dann werden Patzer großzügigst verziehen.



An anderer Stelle merkt Butler dazu noch an, dass man es nicht nur bei seinen 20 „goldenen Minuten“ am Tag belassen darf, in denen man einen schönen Ton hat. Nein, jeder Ton soll die Begierde eines möglichen oder auch nur zufälligen Zuhörers wecken! Dazu hat die US-Amerikanerin eine kleine Hotelgeschichte parat: Als sie einmal, gerade auf dem Weg zum Frühstück, in den Lift steigen wollte, hörte sie einen Kollegen in seinem Zimmer lange Töne aushalten und war von deren Schönheit total elektrisiert. Ein Unterschied zwischen Übezimmer und Bühne soll also nicht gemacht werden.

Magie erzeugen, sich selbst und sein Publikum in Trance versetzen

Ein tolles Konzert kann dafür sorgen, dass die Zuschauer all ihre Sorgen vergessen: Probleme bei der Arbeit, was augenblicklich für privaten Stress sorgt oder was in den nächsten Tagen an unangenehmen Dingen noch erledigt werden muss. Die Musik kann und soll in eine Parallelwelt entführen. Dem Spieler, der diese Magie beherrscht, soll es selbst nicht anders gehen. Beim Spielen ist die Musik und ihre Schönheit das Wichtigste. Es darf nicht darum gehen, jemanden zu beeindrucken oder besser sein zu wollen als andere. Klar, in einem Probespiel ist es dennoch naturgemäß schwer, dieses Gebot umzusetzen bzw. Verbot zu befolgen.

Das große Versäumnis der Bläser: fehlendes Storytelling

Was Barbara Butler wunderbar an ihren Studenten illustriert, ist die Wichtigkeit von ausdrucksvoller Phrasierung. Während Sänger in Liedern ganz natürlich das betonen, was von Bedeutung ist, lernen Bläser in der Regel nur die Annäherung an eine Linie im Stile einer Planierwalze: Da-Da-Da-Da-Da-Da-Da. Alles wird gleich gespielt. Die echte Interpretationsarbeit wird leider oft auf unbestimmt später vertagt. Dabei müsse man keineswegs warten, bis der Schüler oder Student die Trompete (o.ä.) zunächst technisch gemeistert hat (das hat er sowieso nie), um mit dem Musizieren zu beginnen. Barbara Butler exemplifiziert diese Idee anhand einer chinesischen Pianistin, die für ihr Alter ungewöhnlich viel Tiefe in ihrem Spiel hatte. Der Grund? Ihr Lehrer, übrigens derselbe wie von Klavier-Weltstar Lang Lang, forderte stets ein, dass sich die junge Frau zu jedem Stück und gar zu jeder Etüde eine Geschichte, am besten mit Text, überlege. Jene sollte sie in der nächsten Stunde dann überzeugend erzählen.

Dieses Konzept kann man natürlich auf jedes Instrument übertragen. Und in der Tat: Wenn man sich beim Üben ständig vor Augen hält, dass man mit seinen Tönen etwas äußern und vermitteln will, dann wird aus Noten plötzlich wie von Zauberhand Musik.