Pitch & Slotting: Stimmung und Einrasten bei der Trompete

Die Stimmung muss gut sein. Dann ist bei der Party schon alles geritzt und beim Musizieren immerhin eine wichtige Grundlage gegeben. Was aber meint man eigentlich genau, wenn man sagt, eine Trompete stimmt? Und was verbirgt sich hinter dem Fremdwort Slotting? Hängen Intonation und das sogenannte Einrastverhalten gar zusammen?

Mit der Intonation ist es eine schwierige Sache. Geht man streng physikalisch vor und sieht Intervalltöne als festgelegte Frequenzvielfache zu einem Grundton, braucht man viele Trompeten, am besten eine für jede Tonart – und müsste auf keine Modulationen im Verlauf eines Stückes hoffen. Das System der gleichförmigen Halbtonschritte, das wir in aller Regel benutzen, ist also ein pragmatischer (nicht immer praktischer!) Kompromiss. Man kann sich denken, was das für Musiker bedeutet, die kein Instrument spielen, das einfach auf Knopfdruck einen Ton produziert: Das „Schicksal der Stimmung“ liegt in den eigenen Händen bzw. im Falle der Trompete „irgendwo“ im eigenen Mund.

Nur ein Teil: die Verbindung Ohr – Hirn – Mund

Um stets richtig zu intonieren, braucht es also ein Messgerät und einen Regler. Das Messgerät sind die Ohren und das angeschlossene Hirn, der Regler ist (wiederum) das Hirn und der angeschlossene Mund. Gerade bei Intervallsprüngen ist es deshalb wichtig, den richtigen Abstand im Ohr (also Hirn) zu haben, kurz bevor und während man den Folgeton spielt. Bewusst geschieht dieses „Kopfhören“ nicht, durch unsere Hörerfahrung bildet es sich aus und ist mit einer gewissen Routine unausweichlich vorhanden. Erst dadurch ist es dem Spieler möglich, zu erkennen, dass etwas stimmt oder eben nicht. In der Regel funktioniert dieser Soll-Ist-Vergleich gut. Die Schwierigkeit besteht dann aber darin, auf das Fehlersignal adäquat zu reagieren, also den Ton anzupassen. Außerdem wird es zunehmend diffiziler, richtig zu hören, mit je mehr Musikern man zusammenspielt (An wem orientiert man sich? Schlittert man beim Annähern nicht aneinander vorbei?).

Der Anteil der Trompete an der Stimmung

Es gibt Situationen, in denen man klar hört, dass man falsch liegt, kann aber nur schwer etwas dagegen tun. Denn was wie eine herrliche Ausrede klingt, ist eine Tatsache: Eine Trompete kann in sich nicht stimmen und damit einem Musiker das Leben sehr schwer machen. Man sollte sich hier nichts anderes einreden lassen.

Oft ist auch die Kombination aus Lieblingsmundstück und Trompete eine stimmungsgefährdende, wie der TrumpetScout während einer Instrumenten-Test-Odyssee schmerzvoll erfahren musste. Der Abstand zwischen Ende des Mundstückschaftes und Anfang des Mundrohres hat eine erhebliche Auswirkung auf die Stimmung des gesamten Instruments. Die Lücke, gerne ‚Gap‘ genannt, ist ein neuralgischer Punkt. Wer das Problem googelt, wird viele Meinungen zu diesem Thema finden, u.a. auch die Aussage, dass mehr als zwei Millimeter Abstand definitiv zu Problemen führen. Interessant ist dieser Artikel vom Mundstückhersteller Bob Reeves. So oder so, eine vertretbare Empfehlung kann lauten: Wer Trompete oder Mundstück nicht wechseln will, kann mit diesem Stellrädchen über Hülsen oder das Abtragen von Material experimentieren.

TrumpetScout_Widerstand_Gap

Wer aber die Trompete definitiv als Verursacher schlechter Stimmung identifiziert hat, muss bei ihr auch ansetzen, also das Instrument tauschen oder – das beherrschen aber nur die wenigen ausgebufften Blechprofessoren in exquisiten Ateliers – Modifikationen am Instrument selbst vornehmen lassen. Herzchirurgen gibt es im Vergleich mit den Spezialisten, die dazu fähig sind, aber wie Sand am Meer. Schauen wir uns aber zunächst an, was „trompeteninduzierte Dissonanz“ eigentlich heißt.

Schlechte Stimmung (bei der Trompete) – eine Definition

Wer seine Trompete über einen Naturton wie G1 oder C2 auf eine bestimmte Frequenz einstimmt, möchte, dass die anderen Töne (speziell die mit einem gedrückten Ventil) im Verhältnis auch stimmen. Wer also nach dem G1 ein D2 anspielt, erwartet, dass dies mit seinem Ton im Kopf (eine Quinte darüber) übereinstimmt. Die relative Stimmung, also das Verhältnis der Töne zueinander sollte passen. Oft ist das – gerade beim D2 mit dem ersten Ventil – nicht der Fall, der Ton hängt ein wenig. Es liegt in der Natur des Instruments, dass die perfekte Intonation (nicht vergessen: sie ist an sich ein Kompromiss!) ein Ideal bleibt. Aber: Es gibt Trompeten, die diesem Ideal näherkommen als andere.

Ist gute Stimmung nur praktisch und harmonisch relevant?

Das ist natürlich eine rhetorische Frage. Mann kann eigentlich jeden Ton stimmig machen, also einen zu tiefen höher anspielen oder einen zu hohen fallen lassen, notfalls einen Zug ziehen (bei Cis1 und D1 machen wir das fast alle bereitwillig), Hilfsgriffe anwenden (das zu tiefe D3 mit 0 genommen ist keine Seltenheit) oder sogar Hilfgriffe benutzen und dazu noch einen Zug ziehen.



Zwei Probleme bringt diese Umweg-Strategie aber mit sich: Erstens ist sie schrecklich unpraktisch. Man will schön spielen und sich nicht bewusst darum kümmern müssen, den übernächsten Ton höher anzublasen. Hilfsgriffe sind vor allem bei technisch anspruchsvollen Stellen und schnellen Passagen ein zusätzliche Fehlerquelle, schließlich hat man sich an den einen Griff so lange gewöhnt, er sitzt intuitiv. Der noch größere Nachteil ist aber der Klang eines wie auch immer gedrückten Tones. Es gibt ein natürliches (instrumentenspezifisches) tonliches Zentrum, an dem der Trompetenton am besten und vollsten klingt, und ein universelles Stimmungszentrum. Liegen diese Zentren nicht nahe beieinander (am besten natürlich aufeinander), stimmt die Trompete schlecht.

sound center ≠ pitch center → bad intonation

Jeder kennt das im Video dargestellte Phänomen: Bewegt man sich zugunsten der Stimmung vom Ton weg, den die Trompete natürlicherweise zulässt, leidet der Klang. Die Töne wirken gepresst und nasal (höre Video).

Eine Trompete, die in diesem Punkt wenig Überzeugungsarbeit seitens des Spielers benötigt, ist ein gutes Werkzeug und wichtiger Begleiter: Sie lenkt weniger vom Wesentlichen ab, nämlich der Musik, und klingt auch besser. Von allen Kriterien, die die Wahl eines Instruments bestimmen, hält der TrumpetScout deshalb die Stimmung mittlerweile für eine der wichtigsten – und hat sich aus diesem Grund auch von vielen (nur im Tonzentrum!) superb klingenden alten Calicchios und Konsorten wieder getrennt.

Slotting: die Disziplin des Instruments

Kommen wir zum zweiten Begriff dieses Artikels: Slotting. Wortwörtlich übersetzt, gelangt man zum Wort ‚Nut‘, wie man es von ‚Nut und Feder‘ aus dem Holzbau kennt. Das wiederum macht einem die Bedeutung für die Trompete verständlich: Ein Instrument, das ein gutes Slotting aufweist, gibt einem Ton nur wenig Spielraum – sein Platz ist vorbestimmt wie der der Feder in der Nut. Ein Verrutschen, also nach oben ziehen oder nach unten gehen lassen, ist dadurch erschwert. Korrekte Intonation ist dadurch aber keinesfalls gewährleistet! Wenn ein Instrument nicht stimmt, sorgt ein stabiles Einrastverhalten dafür, dass man nur noch schwerer dagegen ankommt. Wenn es dagegen stimmt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, auch bei schwierigen Sprüngen den Ton im Stimmungszentrum zu treffen.

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Oben die bildliche Darstellung einer Trompete mit weniger Slotting, unten die eines Instruments mit mehr. Die Tiefpunkte stellen das Tonzentrum dar.

Die Abbildung macht den Unterschied zwischen einer Trompete mit wenig und einer mit stark ausgeprägtem Slotting deutlich: Der blaue Kreis sollte eine Kugel darstellen, die Schalen oben und die Täler unten den Bereich, den man einem Ton zuordnet. Die Tiefpunkte sind das „pitch center“, der Ton ist weder zu tief, noch zu hoch. Bei einer Trompete, die nicht gut „slottet“, kann man leicht einen Ton tiefer oder höher anspielen (siehe oben rechts) oder zwischen Tönen fließend wechseln (siehe Video). Ist aber eine tiefe, passgenaue Nut gegeben, braucht es viel Einsatz, um „daneben“ zu spielen.

Beide Slotting-Eigenschaften haben Vorteile: Während ein gutes Einrastverhalten Sicherheit bei technischen Passagen gibt (und daher von den meisten Trompetern, nicht nur den Klassikern, geschätzt wird), ermöglicht viel tonales Spiel Effekte wie z.B. Bends, also das bewusste Biegen oder Anfahren eines Tones. Die Nachteile ergeben sich klarerweise aus den zwingenden Kehrseiten.

Was bestimmt das Einrastverhalten?

Das Slotting einer Trompete ist bestimmt durch viele Faktoren: Gap, Rohrverlauf (Schnitt, Bohrung, Winkel), Material und Gewicht. Da sich nicht alle Tuning-Maßnahmen so leicht durchführen lassen wie die Zugabe von Gewicht (und auch nicht reversibel sind), fügen viele Trompeter fügen ihrem Instrument über einen schweren Ventildeckel bevorzugt am dritten Ventil Masse zu, um das Slotting zu verbessern. Das beeinflusst aber auch den Ton, da die Trompete weniger frei schwingt.

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Ein sogenannter Heavy Cap an dieser Conn-Trompete. Sie ermöglicht über ein Schraubsystem sogar die Zugabe von weiterem Gewicht an derselben Stelle.

Einen erheblichen Einfluss hat der Verlauf des Stimmzugbogens. Wer die Möglichkeit hat, zwischen einem runden und einem eckigen Exemplar zu wechseln, wird das nachvollziehen können. Einige Hersteller bieten deshalb bereits ab Werk einen Alternativbogen an. Er verändert das Spielverhalten einer Trompete massiv. Gerade wer zwischen den Stilen hin und her springt, wir diese Instant-Modifikation zu schätzen wissen.

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Im Bild die zwei Stimmbögen einer Jupiter XO. Das Einrastverhalten mit dem Zug in D-Form ist deutlich verbessert.

Die Conclusio: Stimmung und Slotting, das sind zwei paar Stiefel. Die innere Stimmung eines Instruments, also das Zusammenfallen von Ton- und Stimmzentrum, ist extrem wichtig, das Slotting ist hingegen eine Geschmacks- und Stilfrage. Ein grundsätzlich stimmendes Instrument kann bei wenig Einrastverhalten immer noch intonatorische Überraschungen bereithalten, da man leichter daneben treffen kann. Ein solches Instrument verlangt mehr Konzentration und Spieldispziplin und wenn einem die Kraft ausgeht, wird gutes Intonieren noch schwieriger. Es gibt Maßnahmen, die das Slotting verbessern und sich auch wieder rückgängig machen lassen. Wird Gewicht als Mittel zum Zweck eingesetzt, verändert sich jedoch auch der Klang – jedes Gramm wirkt wie eine kleiner Booster, der Ton wird härter und kerniger.

 

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