Playing lead trumpet - und was es dazu braucht

Playing lead trumpet …und was es dazu braucht

Auf seiner bahnbrechenden Platte „New Concepts of Artistry and Rhythm“ vergleicht Stan Kenton seinen Leadtrompeter Buddy Childers mit einem „Workhorse“, also einem Arbeitstier. Das stellt den physischen Aspekt dieser besonderen Position in der Big Band in der Vordergrund. Aber geht es dabei nur um Kraft? Natürlich nicht. Der TrumpetScout hat bei Haderer, Gansch und Moschberger nachgefragt, was den guten Leadplayer ausmacht.

Um Stan Kenton gleich vom Verdacht der Indifferenz freizusprechen: Selbstverständlich sind auch für ihn körperliche Kraft und Stehvermögen nicht alles. Technik und vor allem Erfahrung nennt er genauso als Grundvoraussetzung, nur war Kenton für Trompeterverschleiß berühmt wie kein Zweiter. Vor der Ernennung des damals 16jährigen (!) Buddy Childers hatte er kolportierte drei Lead-Spieler gefeuert, da sie während der Stücke eigenwillig Pausen einlegten, um die Konzerte zu überstehen. Anscheinend ist sogar Childers selbst einmal auf der Bühne zusammengebrochen, so fordernd war das Programm. Die Aura von entfesselter Naturgewalt umgibt also nicht von ungefähr das Amt der ersten Trompete in einer Big Band. Viele Bewunderer sprechen deshalb fast logischerweise von einem starken Leader – nicht abwertend, sondern voller Bewunderung – als Stier, Ochse oder schlicht Tier.

Vorbild für Viele: Buddy Childers war bei Stan Kenton, Snooky Young (Foto) bei Count Basie und Thad Jones/Mel Lewis angestellt.
Vorbild für Viele: Buddy Childers war bei Stan Kenton, Snooky Young (Foto) bei Count Basie und Thad Jones/Mel Lewis angestellt.

Das Männliche spielt bei dieser Mythifizierung wohl eine große. Das Bild des bulligen Typen haben manche großformatigen Musiker vor allem aus den USA hervorragend verkörpert. Wer aber genau hinschaut, merkt, dass die Statur kein Rolle spielt (Adam Rapa, Andy Haderer, Christoph Moschberger – das sind eher Athleten mit smartem Trainingsplan als brachiale Bären), genauso wenig das Geschlecht und überhaupt, der Kopf viel wichtiger ist als der Körper.

 

1. Time: Metronom sein, aber mit Gefühl

Oft gehört, nicht so leicht umzusetzen: in time spielen. Was heißt das eigentlich? Prinzipiell gilt, dass etwas gut gespielt ist, wenn man es zusammen spielt, egal wie. Es gibt die Achse zwischen Schlagzeuger und Leadtrompeter, die stehen muss. Damit keiner dem anderen hinterherspielt, müssen beide „synchron ticken“. Je besser die Chemie zwischen den beiden Polen, desto besser klingt die Band. Thomas Gansch macht aus der Linie ein Dreieck : „Ein Weltklasse-Leadtrompeter führt die Band zusammen mit der Bassposaune und dem Drummer zur größtmöglichen Perfektion.“ Warum? Die Bassposaune spielt oft rhythmisch komplementär. Wichtig ist bei aller Akkuratesse, die Musik zu fühlen. Bei der Swing-Musik mit den nicht immer klar fixierten Zählseiten spielt das Gespür für Musik und Erfahrung eine große Rolle (Gansch: „Ein Leader swingt immer.“). Aber auch Koloraturen wie ein situatives Laid-Back (also das beabsichtigte Hinterherhinken) dürfen keinen Time-Ausfall bewirken.

 

2. Interpretation: Persönlichkeit entwickeln, Geschichten erzählen

Gespür, Gefühl, Erfahrung. Da sind wir schon bei der nächsten wichtigen Sache. Andy Haderer plädiert dafür, dass die Entwicklung eines eigenen Stils, einer trompeterischen Handschrift, ein wichtiges Ziel auf dem Weg zum guten Leadtrompeter sein sollte. Vibrato, Phrasing, Ton – der individuelle Mix aus Besonderheiten macht große Leadtrompeter einzigartig. „Maynard Ferguson, Chuck Findley, Jon Faddis sind alles Leute, die man sofort erkennt.“ Anders als in der Klassik geht es also nicht darum, möglichst genau das zu spielen, was in den Noten steht. Zwar gibt es laut Haderer auch extrem akkurate (und gute!) Leadplayer wie z.B. Derek Watkins, aber auch das extreme Gegenteil (weniger akkurat, aber genauso gut). Wichtig ist es, ganz ähnlich wie beim Solo, eine Geschichte zu erzählen. Wer ein besserer Leader werden will, sollte also auch beim Solo-Spiel ansetzen.

 

3. Erfahrung: Mehr als Noten lesen

Wer viel erlebt hat, kann auch viel erzählen. Erfahrung ist deshalb kein zu unterschätzender Aspekt, wobei hier nicht auf das nackte Alter des Spielers rekurriert wird. Wer viel Musik hört, hat viele Klänge und Spielweisen im Kopf (die Vorstellung des Leadsounds ist essentiell!), die er abrufen und leichter reproduzieren bzw. sich zu eigen machen kann. Wer zudem noch viel Lead spielt, kann sich (ergänzend!) durch Praxis einen größeren Erfahrungsschatz ansammeln. Aus dieser angewandten Lead-Wissenschaft resultiert später ein leichterer Zugang zu neuem Repertoire. Christoph Moschberger schwärmt hier von der Fähigkeit seines Professors Andy Haderer, der beim ersten Blick auf das Notenpapier bereits das ganze Stück begreift und sogleich Phrasen spielt, als wären Sie schon lange im Programm.

 

High Noter, Leader, aber auch hervorragender Solist - und Abstauber: "Mr. Reliable" Derek Watkins. Foto: Youtube
High Noter, Leader, aber auch hervorragender Solist – und Abstauber: „Mr. Reliable“ Derek Watkins. Foto: Youtube

 

4. Überzeugen: Den Ton angeben und mitreißen

Zuerst stand hier als Überschrift „Autorität“. Das klingt aber schnell nach autoritär und Ellenbogen. Genau das macht einen guten Leadplayer aber nicht aus – zumindest nicht notwendigerweise. In einer professionellen Section ist die stilistische Unterordnung in der Regel kein Problem. Auch der erste Mann kann sich natürlich einmal verspielen, wenn er aber beim zweiten und dritten Mal, einen Ton kürzer spielt als in den Noten verzeichnet oder einen anderen länger, dann macht er dies mit Bedacht. Diese interpretatorischen Wünsche müssen irgendwie kommuniziert werden. Entweder non-verbal (eben beständig am eigenen Phrasing festhalten) oder verbal („Ich will das so haben.“). Hier gibt es natürlich ein Potenzial für Unstimmigkeiten. Der ideale Leadtrompeter ist am besten natürlich auch eine Art Moderator (wenn nicht gar Entertainer – aber das liegt nicht jedem), der allgemein für gute Stimmung sorgt, damit Eskalationen vorbeugt und im gleichen Aufwasch noch seine Absichten verfolgt. Thomas Gansch resümiert das wunderbar: „Er ist humorvoll, freundlich zu seinen Kollegen, weiß genau was er will und artikuliert das auch.“

 

5. Mentale Stärke: Abliefern, wenn es zählt

An der ersten Stimme kann man sich nicht verstecken. Glänzen muss man fast immer, ist dabei aber an die Notenvorgaben gebunden. Es gibt keinen echten solistischen Freiraum, es gibt keine zweite Chance für die geplante Figur im nächsten Chorus. Man ist an der ersten Stimme ein „hitman of the horn“, also ein Auftragskiller mit einer Kugel im Lauf, oder wie Thomas Gansch illuster formuliert „ein kaltblütiger Vollstrecker beim Abliefern seiner Parts – ein Leadtrompeter ist für die Big Band, was der Mittelstürmer für den Fußballverein ist.“ Man kann nun nicht sagen, dass alle Super-Leader von gleichem Charakter sind. Der eine ist von Natur aus ruhig, der andere ist ein Paradiesvogel, ein Dritter lebt intensiv, der Vierte macht Yoga. Aber egal, ob Alkohol oder Atemübung. Alle großen Leadtrompeter haben sich Strategien zurechtgelegt, um auf der Bühne oder im Studio nicht zu Versagen. Und dazu zählt nicht nur die technische Beherrschung des Instruments.

 

6. Kraft: Oft überschätzt, aber wichtig

Im letzten Punkt kommen wir auf das zu sprechen, was für viele an erster Stelle rangiert: Ausdauer, Höhe und Lautstärke. Ohne Frage, Ausdauer ist von Vorteil, denn die erste ist, vielleicht abgesehen von der Solo-Stimme, die kräftezehrendste, da (zumindest in der Big Band-Ära seit den 60er Jahren) die höchste. Ein Tonumfang, der sicher abrufbar bis über das C3 reicht, beschert dabei die Souveränität und Leichtigkeit, die es erst ermöglicht, die Noten der ersten Mappe in Musik zu verwandeln und die Zuhörer zu elektrisieren. Nur wer nicht mit jedem Ton kämpft, kann auch in der Höhe geschmackvoll spielen, wirklich swingen und eben auch in time spielen (siehe Punkt 1 bis 3). Lautstärke hingegen ist allgemein überschätzt, der Satz sollte ausgeglichen spielen und der Leader einfach aufgrund seiner Tonlage hervorstechen – eben die Spitze der Section bilden, nicht alle in Grund und Boden blasen. Primär sind aber alle drei Punkte nicht: Wer gut swingt und einen schönen Ton hat, aber mit der Ausdauer Probleme hat, wechselt sich nach Möglichkeit ab und ist dennoch ein guter Leader. Wem die Phrase bis zum G3 zu hoch ist, übergibt die erste Stimme bei dieser Nummer dem Kollegen. Und viel zu leise gibt es sowieso selten. Die drei Qualitäten Ausdauer, Höhe und Lautstärke berechtigen deshalb alleine keinen Anspruch auf die erste Stimme. Thomas Gansch prangert deshalb zurecht die fatale Hybris an, zu glauben „man wäre etwas Besonderes, weil man mit dem Horn höher hinaufkommt als die Kollegen. Eine geradezu lächerliche Fehleinschätzung.“

Nicht alle Leader sind gleich, doch es gibt den gemeinsamen Nenner

Nicht einmal die größten Leadtrompeter punkten in allen sechs genannten Kategorien gleichermaßen, das ist klar. Aber jeder, der ein guter Spieler hinter dem ersten Pult in der letzten Reihe der Big Band werden will, kann sich selbst anhand dieser Liste überprüfen und schauen, wo er am meisten Luft nach oben hat – hier liegt die größte Chance sein Gesamtpaket zu verbessern. Eine Typveränderung muss übrigens keiner vornehmen, denn es gibt durchaus eine breites Spektrum an Charakteren. Mehr als ein Indiz ist Thomas Gansch dichotomische Aussage zum Big Band-Alltag: „Der beste Leader spielt meistens, oft setzt er sich aber auch demonstrativ an die 2., 3. oder 4. Trompete. Zwischen Egomanie und Understatement gibt es alles.“ Was sie hingegen eint: „Privat mögen sie oft sehr bescheiden sein, beim Spielen sind sie aber alle Machos und das ist auch gut so!“ Klar, der Leadpart ist ihr Chorus.

Zwei große Leader auf einem Bild: Wayne Bergeron und Maynard Ferguson. Foto: waynebergeron.com
Zwei große Leader auf einem Bild: Wayne Bergeron und Maynard Ferguson. Foto: waynebergeron.com