Raum, Dämpfer, Gehörschutz: Taube Trompeter taugen nichts

Ohren sind das wichtigste für Musiker, weshalb man auf sie besonders aufpassen sollte. Wir Trompeter laufen durch die extreme Lautstärke, die wir mit unseren Instrumenten erzeugen, Gefahr, nicht nur auf der Bühne sondern auch im Übezimmer Hörschäden zu erleiden. Ein Versuch der Sensibilisierung mit Lösungsvorschlägen.

Muskelschmerzen können etwas Angenehmes sein, wenn man weiß, dass sie von großer, aber maßvoller Anstrengung herrühren. Ein leichtes Drücken auf dem Trommelfell hingegen ist nie ein gutes Zeichen. Man hat es übertrieben, und der Körper wird durch diese Übertreibung nicht stärker. Das fühlt der TrumpetScout aktuell am eigenen Leib. Gerade erst stand eine Probe der Trompeten- und Posaunen-Section einer Big Band an. Das Programm war anstrengend (will sagen hoch), die Kollegen (auch) laut und der Raum viel zu klein. Acht Bläser auf 10 Quadratmetern ohne ausreichendes Absorbtionspotenzial führten in Verbindung mit der richtigen Literatur zu einer unangemessenen Trommelfellpenetration. Not good at all.

Das Gehör ist kein Muskel – schone es lieber

Das Hörorgan ist kein Muskel, den man durch Stimulation stärken kann. Wenn überhaupt, dann sensibilisiert es sich durch Nicht-gefordert-Werden, ergo Stille. (Ein Hör-Training zielt nur auf das Hirn ab, dass die Schallwellen dekodiert.) Schmerzen beim Ohr kündigen also eine Schädigung an, die irreversibel sein kann und die man deshalb ernst nehmen sollte.

Einige Trompeter ignorieren solche Anzeichen gerne und zelebrieren geradezu die Lautstärke, die man dem Trompetenton mitzugeben vermag; jedoch nicht nur im Blasorchester, wo es den Klarinetten die Ohren verschlägt, oder in der Big Band, wo es die Löffel der Posaunisten nach vorne biegt, sondern auch in der heimischen Wohnung – bis der Nachbar Sturm läutet oder Molotowcocktails aus mit Sprit und Trompetenöl gefüllten Harmon-Dämpfern als unmissverständliche Kampfansage den Weg in die eigenen vier Wände finden.

Tägliches lautes Üben kann per se zu Schäden führen

Das Problem beim lauten Üben zuhause ist die (zumeist) tägliche Belastung. Denn beim auditiven Sinnesorgan gilt ebenfalls: Der stete (per se nicht übermäßig laute) Tropfen höhlt das Gehörknöchelchen bzw. zerstört Nerven. Möglicherweise üben viele Profis auch gerade deshalb mit Dämpfer und nicht nur des Friedens willen.

Die Arbeit an einem TrumpetScout-Artikel dauert im Schnitt 10 Stunden. Kompensiert wird diese Zeit nur durch Spenden der Leser. Auch du kannst helfen: paypal.me/trumpetscout Vielen Dank!

Der TrumpetScout hatte bisher fast immer das Glück, in der eigenen Wohnung frei aufspielen zu können. Kein Übedämpfer war vonnöten. Das führte jedoch gelegentlich zu einem allzu laxen Umgang mit den für Musiker so wichtigen Ohren. Die Räume waren zuletzt zwar großzügig, aber daher auch hallig. Das erhöht die Wirkung der Schallenergie. Das eigentliche Übezimmer war ebenfalls hoch, aber vergleichsweise eng, Schall absorbierende Elemente zu spärlich vorhanden. Die Folge war eine sehr hohe Belastung des Hörapparates. Bei wieder eingekehrter Stille waren sogar manchmal Phantomgeräusche (wie z.B. das vermeintliche Surren einer Klimapumpe) zu „hören“, und das Stunden nach dem Spielen. Vor allem hohe Töne machten dem Innenohr zu schaffen. Deshalb kommt in neueren TrumpetScout-Testvideos oftmals ein Ohropax-ähnlicher Pfropfen zum Einsatz, wenn High Notes aufgezeichnet werden.

Schalldruck, Schallenergie und Schalldruckpegel – was bedeutet das?

Eine Warnung zu Eingang: Der TrumpetScout ist kein Physiker, er käut in den folgenden Sätzen nur Internet-Wissen wieder, erweitert es dann aber um die eigene Spiel-, Hör und Messerfahrung.

Die Trompete hat laut Mikrofonindustrie den höchsten Schalldruck aller Blasinstrumente. Der Schalldruck p (wie pressure) bezeichnet die Abweichung vom Normalluftdruck hervorgerufen durch eine Schallquelle und wird in Pascal angegeben. Diese hochfrequente Abweichung (quasi die Höhe einer Schallwelle) durch einen lauten Trompetenton beträgt aber nur ungefähr ein Hunderttausendstel des Umgebungsdrucks. Bei einem Bar Normaldruck erhöht sich der auf dem Trommelfell also nur um 0,00001 Bar. Dennoch hängt von diesem Schalldruck die objektive (nicht die empfundene!) Lautstärke ab, die man mit L (für level) von p abkürzt. Einheit: die allen bekannten Dezibel (dB). Schalldruck und Schalldruckpegel stehen in einem logarithmischen Verhältnis zueinander, eine einfache Formel für die Berechnung der Lautstärke in Abhängigkeit des Drucks kann also nicht serviert werden.

Der Unterschied zwischen Laut und Leise ist gering, braucht aber viel Energie

Auch sehr interessant für uns Trompeter ist die Größe der Energie. Die Schallenergie W wird in Joule angegeben und hängt sowohl vom Schalldruck, aber auch vom Volumen des Schallfeldes ab. Um eine Erhöhung der Lautstärke (also des Schalldruckpegels) von nur 3 dB zu erreichen, muss die Schallenergie im (gleichen Raum) bereits verdoppelt werden. Ergänzen muss man, dass eine Erhöhung der Lautstärke um 10 dB allerdings einer Verdoppelung der gefühlten Lautstärke entspricht. Wer also doppelt so laut (+10 dB) spielen will, benötigt dann aber schon die zehnfache Schallenergie. Das deckt sich mit der eigenen Erfahrung der meisten Trompeter: Richtig krachend laut blasen kostet Kraft. Auf der anderen Seite ist ein nur gehauchter Ton gar nicht so viel (objektiv) leiser, kostet aber nur einen Bruchteil der Mühe. Der TrumpetScout schaffte es mit einer Mess-App gerade mal auf knapp über 60 dB mit einem „Fast-Nicht-Ton“, lag im Mezzoforte sofort bei deutlich über 80 dB und im „Megaforte“ mit rotem Schädel bei maximal 89 dB. Diese Werte dürften je nach Kalibrierung des Messgerät variieren (Blaise Bowman gibt oben über 120 dB an, manche sprechen von einem Richtwert um 95 dB für die Trompete), das Verhältnis sollte aber gleich sein. Einem pp-Säuseln gibt man demnach nur ein 500stel der Energie mit auf den Weg wie einem schreienden Ton.

Das erste Plateau ist das kleine G, die weiteren drei die Gs in den Oktaven darüber.

Kommen wir zu weiteren Erkenntnissen aus der Messung. Wer ein kleines G (also das unter dem Notensystem) laut spielt, erwirkt auf einem Schalldruckpegelmesser die exakt gleiche Dezibelzahl wie eine Oktave darüber, zwei Oktaven darüber oder sogar drei Oktaven darüber (siehe Grafik). Weh tut es aber umso mehr, je höher es geht. Biologen sagen, das hänge mit der gesteigerten Sensibilität gegenüber hohen Tönen zusammen. Eine Folge der Evolution? Zumindest dürften die meisten Menschen zustimmen: Hohe Töne erzeugen irgendwann Schmerzen, tiefe rufen maximal ein Unwohlsein aus.

Machen Dämpfer die Trompete wirklich leiser?

Mit Dämpfer lassen sich hohe laute Töne, die man tatsächlich manchmal auch üben muss, viel besser ertragen. Nach der Übeeinheit klingeln einem nicht die Ohren. Machen sie also einfach leiser? Interessanterweise nicht. Der TrumpetScout hat sowohl Töne aus der untersten als auch Töne in der obersten Lage auf drei verschiedenen Dämpfern (Harmon, Cup und Bucket) und als Referenz natürlich offen gespielt. Alle Töne waren gleich laut. Lediglich beim Harmon zeigt sich eine minimale Abweichung von maximal einem Dezibel – wenn, ja, wenn das Messgerät nahe bei der Trompete stand. Wurde die Distanz vergrößert, veränderte sich das Bild ein wenig. Beim Cup-Dämpfer und drei Metern Abstand schlug der Zähler zwar noch immer aus wie beim offenen Horn, beim Harmon-Modell fehlten aber ganze fünf Dezibel. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt, dass ein Unterschied von zehn Dezibel bereits als Halbierung bzw. Verdoppelung (siehe oben) der Lautstärke wahrgenommen wird.

(Wer sich und seine Umwelt schonen möchte, greift deshalb unter den vornehmlich klangverändernden Dämpfern zum Exemplar für den Miles Davis-Sound.) Dämpfer reduzieren demnach nicht zuvorderst die Lautstärke, sondern das Abstrahlverhalten. Der Schall bleibt beim Instrument und schaukelt sich in einem Raum mit viel Hall nicht zu einem Wellenbad auf. Vielleicht werden je nach Dämpfer aber auch tatsächlich gewisse Frequenzen herausgefiltert. Dazu fehlte im Selbstversuch die nötige Apparatur.

Auf vier Arten verhindert man Gehörschäden

Um bei den Exerzitien keine Hörschäden zu erleiden, gibt es neben der Option, nur sehr leise zu üben (in der Tat ist das oft sinnvoll, aber eben auch nicht immer und macht auch nicht immer Spaß, vor allem wenn man nicht so oft außerhalb des eigenen Kämmerleins zum Spielen kommt), drei weitere Möglichkeiten: Entweder baut oder stattet man seinen Proberaum so aus, das er sehr trocken ist, also wenig Schall reflektiert wird. Vorhänge helfen hier schon sehr viel, die Wand aus Eierschachteln oder Studioschaumstoff ist natürlich ideal, wenngleich eine Trompete nicht nur nach vorne, sondern auch direkt zum Bläser hin abstrahlt. Weiter kann man seine Trompete dämpfen (wobei es nicht zwingend ein Übedämpfer sein muss, selbst ein Bucket Mute hilft schon sehr viel). Der dritte Lösungsweg setzt nicht beim Austritt der Schallwellen bzw. deren Reflexion an, sondern beim Eintritt in den menschlichen Körper: Die Ohren selbst können geschützt werden.

So geht es auch: DIY-Schallschutz. Foto: rappers.in

Wer nicht dämpfen möchte, muss seine Ohren schützen

Das zusammengeknülltes Stück Taschentuch oder ein Gehörschutz aus Schaumstoff verhindern zwar eine Überlastung der eigenen Schallsensorik, verhindern aber auch, dass man das gut hört, was man als Musiker hören muss – nämlich die Tonhöhe. Wird der direkte Zugang für Schallwellen über das Ohr verstopft, gehen sie den Umweg über den Schädel, der natürlich auch mitschwingt. Dieses Umgehungshören ist aber ein anderes als das übliche. Die Intonation leidet, die Klarheit ohnehin.

Kostet nichts extra, wenn man denn schon einen Kopfhörer besitzt, und ist nicht unangenehm zu tragen. Plus: Man kann gut zu gehörter Musik spielen.

Um dieses Problem zu beseitigen, gibt es spezielle „Ohrstöpsel“, die wirklich nur den Schalldruckpegel am Ohr verringern. Man hat die Wahl zwischen günstigen Lösungen für unter 20 Euro bis hin zu individuell gefertigten Pfropfen für mehrere Hundert Euro. Der TrumpetScout hat damit noch keine Erfahrungen gemacht (wird das aber bald nachholen), benutzt zuhause (auf der Bühne geht das nicht) aber eine simple und sehr wirksame Upcycling-Lösung: Der normale Kopfhörer wird einfach als Schallschutz aufgesetzt. Man hört alles und auch ohne Verstimmungsprobleme, jedoch um ein paar – und zwar die entscheidenden! – Dezibel leiser.

Das Gehör hat auch eine soziale Komponente

Für das (schlechte) Gewissen: Wir Trompeter investieren gerne Geld in neue Trompeten, Mundstücke oder anderes Equipment, mit dessen Hilfe man noch lauter spielen kann. In der Regel haben die meisten aber ein Probleme mit dem leisen Spiel oder eben auf Dauer ein Problem mit dem Fortissimo, wenn es nämlich auf die Ohren geht. Und haben Hammer, Amboss, Steigbügel, Gehörschnecke und die zugehörigen Nerven erst einmal einen Schaden, ist es meist zu spät. Entweder hört man dann schlecht oder es pfeift einem der Wind mit Namen Tinnitus in den und nicht um die Ohren. Darüber sollte man als Trompeter nachdenken genauso wie als Musiker und als soziales Wesen, das möglichst lange an Konversationen ohne Hörgeräte (wie z.B. Hans Gansch heute eines braucht) oder Interferenzen teilnehmen will.