Rick, der Täufer: Rick Baptist plaudert gern - TrumpetScout

Rick, der Täufer: Rick Baptist plaudert gern

Den meisten ist seine Arbeit aus Film und Fernsehen geläufig, gesehen haben sie ihn aber noch nie. Und wenn man ihn sieht, glaubt man, ihn aus „Der Pate“ Teil 1, 2 oder 3 zu kennen. Doch auch wenn er wie ein ehemaliger Kino-Killer aussieht, so ist er doch ein Mann, der gehört werden will – tonal und verbal: die LA-Studiogröße Rick Baptist. Der TrumpetScout hat eine Youtube-Plauderstunde mit ihm zusammengefasst.

Die Haare dürften wohl schon gefärbt sein. Im Herzen aber ist er ein Junge geblieben zu sein: Rick Baptist. Foto: Youtube.
Die Haare dürften wohl schon gefärbt sein, im Herzen aber scheint er ein Junge geblieben zu sein: Rick Baptist. Foto: Youtube.

Der TrumpetScout hat Rick Baptist nicht auf ein persönliches Gespräch eingeladen – zu viel Informationen sind bereits zu seiner Person im Internet zu finden. Das heißt nun aber nicht, dass bereits alles gesagt ist – im Gegenteil! Der Trompeter, der am Soundtrack zu mehr als 1.250 (!) Filmen (darunter die unglaubliche Musik zu „The Incredibles“) und mehr als 5.000 (!!!) Cartoons (z.B. „Family Guy“ oder „Pinky und Brain“) mitwirkte und seit 30 Jahren die Lead-Stimme in der Oscar-Band spielt, hat nach eigener Bewertung eine „große Klappe“ und benutzt diese auch dazu, um auf wunderbare Weise Geschichten aus seinem nun doch bereits recht langen Musikerleben zu erzählen. Rick Baptist ist heute immerhin schon 67 Jahre alt (ohne Gewähr: Jahrgang 1948).

Über Youtube wurde vor kurzem ein Video zugänglich macht, das ihn bei einer Master Class an einer Hochschule in Pennsylvania im März 2015 zeigt. Ganz ohne Trompete schafft es da der Altmeister die um ihn gescharte Horde von mutmaßlich nur Trompetern zu elektrisieren. Diese 90-minütige Aufzeichnung des offensichtlich freien Vortrags kann der TrumpetScout nur jedem wärmstens empfehlen. Baptist gibt nicht nur wertvolle Ratschläge für Trompeter und verschafft interessante Einsichten in das Filmmusik-Business, sondern zeigt als Anekdoten-Reißer erster Güte, dass er das Sprachrohr Trompete eigentlich gar nicht nötig hat. En passant und obendrauf hinterlässt dabei den Eindruck, ein äußerst herzlicher Mensch zu sein. Wer die anderthalb Stunden Zeit nicht hat oder mit dem Englischen nicht auf Du und Du steht, dem hat der TrumpetScout eine kleine Zusammenfassung destilliert.

 


 


 

 

Kurz zu seinem Leben: Beim jungen Rick wurde Asthma diagnostiziert. Auf Anraten eines Arztes fing er mit zehn Jahren an Trompete zu spielen – das sollte die Lungen kräftigen. (Dass er diesem Arzt heute sehr dankbar ist, versteht sich von selbst.) Er begann klassisch, entdeckte aber natürlich in den späten 50er und frühen 60er Jahren den Jazz für sich, als dieser extrem angesagt war. Das Spielen fiel ihm leicht, er klang alsbald gut, wurde gehört und landete in Unterhaltungsorchestern, spielte im Zirkus und in Casinos. Dass er von Anfang an viel zu tun hatte, störte seine Qualitätsentwicklung nicht: „Ich habe nie gern geübt. Der Gig war meine Probe.“

1971 ging er, in seinen frühen Zwanzigern, nach Las Vegas, also in einer Zeit, in der noch jedes Hotel eine Big Band und ein eigenes Streichorchester hatte. Sein Job: Lead-Trompeter in der „Springerband“, die durch alle Hotels getourt ist und den dortigen etatmäßigen Musikern einen Pausentag verschafft hat. Auch deshalb hat er mit vielen großen Künstlern schon sehr früh zusammenarbeiten dürfen – und kann heute fantastische Geschichten von Bühnenmissgeschicken zum Besten geben. Beispiel gefällig? „Es war einmal eine Show mit einem Elefanten und einem Model. Der Elefant hatte aber etwas Schlechtes gegessen…“

Baptists früher Wunsch war, Studiomusiker in L.A. zu werden.

Immer aber schon wollte Rick Studiomusiker werden. Die letzten der neun Jahre in Las Vegas nutzte er deshalb, um Kontakte zu knüpfen, die ihm beim voraussichtlichen Neustart im Studio-Mekka an der Westküste in Los Angeles helfen könnten. So dauerte es nicht lange, um auch dort Fuß zu fassen und bis heute höchst erfolgreich in L.A. zu arbeiten. Das hört sich nun leichter an als es war. Natürlich hatte der 30jährige Baptist seinerzeit auch ein bisschen Glück, da er in eine Lücke stoßen konnte, die sich durch einen Generationenwechsel auftat, aber die Konkurrenz war dennoch immens groß. Auf der anderen Seite waren die späten 70er Jahre noch immer eine goldene Zeit für den Film und die Musikbranche. Um in das lukrative (im Video werden unglaubliche Zahlen genannt!) und attraktive Berufsfeld des Studiomusikers vorzudringen und sich vor allem dort auch so lange zu halten, braucht es natürlich besondere Qualitäten. Welche? Weiterlesen!

6 Tipps von Rick Baptist an alle Trompeter

1. Spiel jeden Tag so gut du kannst

Drei Mal hat Rick Baptist in seinem Leben Jobs bekommen als er mit schwächeren Bands gespielt hat, aus denen er herausstach. „Nur drei Mal?“, mag sich mancher fragen. Es waren drei entscheidende Male, die zu längeren Zusammenarbeiten geführt  und die Karriere entscheidend geformt haben. Also: Egal, wie mies die Band ist, mit der man zusammenspielt, man darf sich nicht nach unten ziehen lassen – es könnte im Publikum oder bei den Mitmusikern jemand sitzen, der einen engagieren könnte. Ein jeder sollte jedes Konzert so spielen als sei es der Gig seines Lebens. (Danach hilft übrigens eine Aspirin gegen dicke Lippen am nächsten Morgen…)

2. Sei vielseitig

Wer weiß, wie Klassik zu klingen hat, wie Jazz, wie Funk, wie Marschmusik, der kann es auch leicht selbst spielen. Man sollte viel hören und sich eine Offenheit bewahren. Vielleicht spielt man zwar nie so gut wie ein Spezialist, aber man hat immer zu tun, weil man vielseitig einsetzbar ist. Das kann einem das Leben finanzieren, ist aber auch für den Studiojob entscheidend, bei dem man nie weiß, was von einem am nächsten Tag verlangt wird.

3. Sei konzentriert

Was die Studio-Cracks aus L.A. (neben den restlichen Top-Leuten) von den meisten anderen Musikern unterscheidet, ist die Fähigkeit sich zu konzentrieren. Sie blödeln genauso miteinander herum, wie alle anderen auch, aber wenn das rote Licht angeht, gibt es nur noch die Musik. Gewohnheit ist der Gegner der Konzentration, weshalb oftmals beim Blattspiel paradoxerweise das beste Ergebnis entsteht – hier herrscht ein natürlich hohes Konzentrations-Level. Wer sich das auf Dauer erhalten kann, hat einen großen Vorteil.

4. Sei der beste Section-Player

Auch wenn man seine Güte für verkannt hält, wenn man an der dritten Stimme spielt: „Wenn du die zweite, dritte oder vierte Stimme in einer Big Band spielst, sei der verdammt nochmal beste zweite, dritte oder vierte Trompeter, den man sich wünschen kann. Folge deinem Leader, phrasiere wie er, unterstütze ihn. Wenn du lauter oder leiser spielst als er oder ihn sonstwie sabotierst, wirst du kein zweites Mal angerufen. Wenn du selbst eine Section zusammenstellst, wählst du auch nur die aus, die dir eine Hilfe sind.“ Also, mit der Jacke an der Tür auch das Ego ausziehen. Wer der Musik dient, dient auf allen Ebenen auch sich selbst.

5. Spiele konstant

Wer die Verantwortung der Lead-Stimme trägt, macht sich Freunde in der Band, wenn er verlässlich spielt. Einmal das richtige Phrasing gefunden, sollte man es tunlichst bei den nächsten zwei oder auch 200 Mal an der gleichen Stelle nicht ändern. Das verschafft Sicherheit für das Spiel des gesamten Ensembles und ist obendrein stilbildend.

6. Finde die richtige Frau

Nicht ohne Schmunzeln erzählt Rick Baptist von Doc Severinsen, der ihm sein Leid mit mehreren zerbrochenen Ehen geschildert hat. Dessen Diagnose lautete lapidar, die Frau seien stets schuld am Scheitern gewesen. Denn sie müssten doch wissen: „Die Musik steht immer an erster Stelle.“ Einer, der seine Wahl unter diesem Gesichtspunkt weise getroffen zu haben schien, war ein Kollege Severinsens aus dem Orchester der Tonight Show mit Johnny Carson. Er hat über Jahrzehnte seine Frau überall hin mitgenommen. Die Frage nach dem Warum beantwortete der Trompeter so überraschend wie ehrlich als auch trocken mit „She’s too ugly to kiss god bye.“ Das lässt der TrumpetScout lieber unübersetzt.

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Looks like Oscar! Rick Baptist in Aktion vor einem Milliardenpublikum im Dinner Jacket und mit seiner Schilke B5.