Selmer Radial 75 – Maurice André und die Fächertrompete

Der Name Henri Selmer Paris steht vornehmlich für herausragende Saxofone. Doch auch die Trompeten, die mit dieser Gravur versehen wurden, haben es in sich, denn die französische Manufaktur war schon immer handwerklich solide und experimentierfreudig. Eines dieser Experimente führte zur Radial-Serie: Trompeten mit fächerförmig angeordneten Ventilen.

Wenn Holzblasinstrumentenhersteller plötzlich Trompeten bauen… kann das ziemlich gut gehen! So geschehen nämlich bei Henri Selmer, der 1931 mit dem Kauf eines französischen Blechblasinstrumentenerzeugers in die Welt der Kesselmundstücke einstieg und bereits zwei Jahre danach die bekannten Balanced-Trompeten vorstellte, von denen später auch Louis Armstrong eine spielte. Die Nachkriegsjahre brachten die berühmten und geschätzten K-modified-Instrumente, über deren ganz eigene Geschichte der TrumpetScout in einem früheren Test bereits berichtete, und ab 1968 fand das Produkt der Zusammenarbeit mit Jahrhunderttrompeter Maurice André seinen Weg in die Auslagen der Instrumentenhändler: die Trompeten der Radial-Serie. Um einen Typ aus dieser Konzeptfamilie (erhältlich waren B-, C- und auch C/D bzw. D/Es-Trompeten) geht es in diesem Vintage-Test – die Radial 75.

Radikal neu: die radiale Ventilanordnung

Was sofort ins Auge sticht und als unikales Merkmal der Modellreihe seinen Namen gibt, ist der strahlenförmig konstruierte Ventilblock. Verlängert man die einzelnen Zylinder über gedankliche Linien durch deren Längsachse, so schneiden sich diese unter der Trompete und entfernen sich über ihr voneinander. Sind bei ’normalen‘ Ventilstöcken die Pumpen parallel angeordnet, wurden sie bei Selmer einst um je zwei Grad zu einander geneigt.

Deutlich zu erkennen ist das Auseinanderlaufen der Ventile. Durch diese Abweichung wirkt die Trompete in sich verzogen, da es kaum rechte Winkel und insgesamt weniger Parallelverläufe gibt.

Dieser Winkel soll ungefähr dem entsprechen, in dem die Fingerachsen zueinander verlaufen, wenn Ring-, Mittel- und Zeigefinger von natürlicher Streckung in entspannte Beugung wechseln. Dass dadurch tatsächlich ein Bedienungsvorteil unter orthopädischen Gesichtspunkten gegeben ist, scheint unwahrscheinlich. (Wenige Trompeter klagen über Probleme mit ihren Fingergelenken und bedürfte es hier einer dringenden Lösung, wären mehr Trompeten so gebaut. Nützlicher erscheint da eher das Konzept des weiter nach links versetzen zweiten Ventils, das Olds 1941 bei der Super Recording vorstellte und später bei der Recording anwandte. Hier wird dem längeren Mittelfinger Rechnung getragen. Augenblick lässt Adams diese Idee wieder aufleben.) Aber: Durch die zusammenlaufenden Ventile kann die linke Hand das Instrument sehr angenehm halten, sofern man nicht versucht, alle Finger unter das Schallstück zu quetschen. Das geht durch den Fächer und die enge Wicklung nur bei kleinsten Händen.

Mit ‚3-Punkt-Griff‘ gibt es definitiv Komfortvorteile.

Von der Ergonomie abgesehen: Das Auge spielt beim Verkauf unweigerlich eine Rolle und deshalb sollte der Ventilfächer Ende der 60er Jahre zumindest Aufmerksamkeit erregt haben – denn er tut es noch heute.

Selmer Radial: 3 Bohrungsvarianten

Aber kommen wir nun von vom Äußeren des Ventilstocks zu seinen inneren Werten. Selmer bot drei Bohrungsweiten an: 11,66, 11,75 und 11,99 Millimeter, was den gängigen Kürzeln ML, L und XL entspricht. Die Nach-Komma-Stelle gibt dem jeweiligen Modell demnach die genaue Bezeichnung. Während die Radial 66 und 75 bei der Bohrung also sehr nahe beieinander liegen (9 Zehntel Differenz), setzt sich die 99 mit weiteren 24 Zehntelmillimetern sehr deutlich ab.

Zweifelsfrei handelt es sich um eine 75er. Auf der Unterseite des Receivers ist noch ein kleines B für die Stimmung eingraviert.

Die Ventilzüge sind innen aus Messing und außen aus Neusilber. Ein Trigger war an beiden Modellen, die der TrumpetScout schon besaß, auf dem ersten Ventilzug montiert. Es gibt aber auch (möglicherweise spätere) Varianten mit einem Daumensattel. Der dritte Ventilzug verfügt über einen verstellbaren Fingerring und einen herausnehmbaren Bogen (wie bei den Stradivarius-Trompeten von Bach).

Entweder war der Trigger eine Zusatzoption oder bei den frühen Modellen Standard. Es gibt auch Radial-Modelle ohne dieses Feature.

Schwer und durchsetzungsstark: Ist die Radial die französische Strad?

Was beim ersten Griff auffällt: Das Ding ist schwerer als es aussieht. Die Waage zeigt 1.147 Gramm an und damit ist die lackierte Radial 75 fast exakt so schwer wie eine versilbert Bach Stradivarius 37 und deutlich schwerer als eine 190S37. Nun, den Trigger könnte man entfernen und so ein wenig Ballast abwerfen. Das unsichtbare Gewicht – immerhin gibt es keine klobige Mundstückaufnahme, keine zweite Stütze beim Stimmzug und keine Zugführungen – dürfte vom Becher herrühren und ist somit unveränderlich. Die Glocke wirkt sehr massiv, vielleicht wurde gar 0,50er (oder dickeres) Blech verwendet. Wahrscheinlich deshalb fühlt sich die Trompete deutlich kopf-, will sagen becherlastig an. Das ist unter ergonomischen Gesichtspunkten nicht optimal, kann aber für eine gute Projektion und eine hohe Tondichte sorgen.

Der Becher ist einteilig, aus Messing gefertigt und weist einen Trichterdurchmesser von 124 Millimetern auf. Der Verlauf ist wie immer schwer, da nur über das Auge, zu prüfen. Die 37er Form könnte dem entsprechen.  Im Netz spricht man von verschiedenen Bechern in Verbindung mit den verschiedenen Bohrungen. Da Selmer 2011 seine Blechblasinstrumentenproduktion einstellte und die Trompeten aus Paris auch zuvor bei Weitem nicht die Popularität der Saxofone teilten, ist die Informationslage etwas schwieriger. Ein TS-Leser gab jedoch an, bei seiner Radial 99 einen 130er Becherumfang gemessen zu haben.

Gegen den Luftstrom werfen wir nun erst einen Blick auf den Stimmzugbogen, der – wieder ähnlich zu einer Bach – in D-Form ausgeführt ist, und dann auf das Mundrohr: Das ist prinzipiell aus Neusilber gefertigt, scheint bei der Testtrompete aber aus einem anderem Material gemacht zu sein. Zumindest schimmert es anders als die Neusilberaußenzüge, jedoch auch minimal anders als der Receiver aus Messing. Möglicherweise gab es auch hier verschiedene Konfigurationen.

Wie spielt sich eine 50 Jahre alte schwere Trompete?

Das Testinstrument ist laut Seriennummer aus dem Jahr 1969 und damit exakt ein halbes Jahrhundert alt. Das sieht man dem Zustand nicht unbedingt an, jedoch dem Design, das noch den Hauch einer – auch aus der Perspektive der Produktionszeit – nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit versprüht. Ein bisschen Empire mit Ventildrückern, die wie Säulenkapitelle aussehen, ein bisschen Jugendstil in der floralen Bechergravur und ein bisschen Art Déco beim Rest. Aber darum geht es nicht. Beginnen wir beim Faktor Gewicht. Für eine Trompete dieser Zeit ist dieses vergleichsweise hoch. (Zwar gab es mit der Connstellation und den bereits erwähnten Bach Strads auch damals schon schwere Hörner, das Zeitalter der Monette-Monster war aber noch fern.) Das macht sich auch in der Ansprache bemerkbar. Die ist nicht schlecht – aber wäre in der gleichen Konfiguration mit dünnerem Becherblech deutlich zuvorkommender. Es muss eine gewisse Hürde genommen werden, was man vor allem mit einem flachen Mundstück im Pianissimo spürt.

Der dritte Zug verfügt über einen gesteckten Bogen, obwohl es eine Wasserklappe gibt.

Das Zusammenspiel von Becher, Rohrverläufen und Bohrung bewirkt, dass die Trompete einen angenehmen Widerstand hat. Absolutes Mittelmaß, mit dem man in unteren Lage einen großen Ton produzieren, in der Mittellage glänzen und in der oberen Region sogar besonders leicht seine Ziele trifft. Die Folge ist trotz des erhöhten Gewichts eine sehr gute Ausdauereignung. Zumindest der TrumpetScout hat auf diesem Instrument mehrstündige Gigs stets sehr gut überstanden.

Matching numbers sind das nicht, dafür fortlaufende Nummern für die Ventilsätze aus der Selmer-Werkstatt.

Die Ventile sind traditionell verlässlich, aber laut und bedürfen etwas mehr Kraft. Sowohl an Lautstärke und Ventilwiderstand kann ein Instrumentenbauer aber ohne weiteres durch Filz- und Federntausch Adaptionen vornehmen. Da artikulatorische Eigenschaften, Slotting und oft auch Stimmung mit den Ventilen zusammenhängen, gehen wir sogleich darauf ein: Mit der weiteren Bohrung ist der Anstoß nicht ganz so scharf einrastend wie bei einer Trompete mit engerer Mensurierung (hier wäre ein Vergleich mit der Radial 66 wünschenswert), das Einrasten ist hingegen gut und ebenso die Stimmung. Auch in diesem Fall lässt sich aber beobachten, was beim Thema Bohrung schon öfter attestiert wurde: Je weiter die Mensur, desto größer ist die Gefahr, in puncto Pitch daneben zu liegen. Das heißt nicht, dass die Trompete nicht stimmt, sie lässt einfach mehr Spielraum. Insgesamt ist die Stimmung des Instruments aber etwas tiefer als üblich. Wo der TrumpetScout für 440 Hz den Zug für gewöhnlich 4-5 cm ausziehen muss, reichen hier um die 2 cm.

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Die Selmer Radial 75 und ihr Sound

Konzipiert als Klassiktrompete in Zusammenarbeit mit dem Klassiktrompeter schlechthin, würde man einen dunklen, sehr breiten Ton erwarten. Das französische Ideal dürfte allerdings ein anderes gewesen sein, denn der Sound erfüllt alles, was die Komponenten (Becherverlauf, Materialstärke, Gelbmessing + Neusilber) versprechen: Die Trompete ist kernig und hell. Die flirrt nicht wie eine Lightweight-Bach, hat also genügend Substanz, ist aber amerikanisch kernig und spuckt den Ton äußerst zielgerichtet aus. Das merkt man ganz besonders im Vergleich mit anderen Hörnern. Hinter der Trompete gibt sich die Radial vergleichsweise verhalten und auch als Hörer vor dem Trichter wirkt sie moderat, wenn man sich nicht in der ‚Schusslinie‘ befindet. Zielt der Becher dann aber auf den Kopf (auch wenn der weiter entfernt ist!), ist die Trompete mit einem flachen Mundstück extrem laut und beinahe schmerzhaft penetrant. Spielt man sie im Wohnzimmer und nahen Wänden, bekommt man das durch die Reflexion deutlich zu spüren. Hier klingelte es mehr in den Ohren als bei den meisten anderen Trompeten. Dennoch kann mit einem tieferen Mundstück auch erstaunlich weich und gedeckt geblasen werden. Für diese Kombination wurde das Instrument wahrscheinlich auch entwickelt.

Wenn eine Einsatzempfehlung ausgesprochen werden soll: Überall dort, wo man auch zu einer Standard-Stradivarius greifen würde, liefert die Radial 75 keinesfalls schlechter ab. Jazz-Quintett? Schon, aber die verminderte Rückmeldung über den dickwandigen Becher dürfte sich dort aber besonders nachteilig auswirken. Das ist aber auch die einzig echte Schwäche dieser reifen Dame aus gutem französischen Hause.

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