Solid as a rock: der Trompeten-Athlet Jörg Brohm

Er ist einer der meistbeschäftigten Trompeter Deutschlands und dabei auf unterschiedlichsten Gebieten im Einsatz. Seine Erscheinung ist durchaus mit soldatisch zu bezeichnen, seine Spiel hat etwas Ballistisches. Das verwehrt Jörg Brohm jedoch nicht, im Interview auch ganz sanfte Töne anzuschlagen.

Auch als Stabsfeldwebel kann man freundlich schauen. Und bei Jörg Brohm ist das nicht nur Fassade.

Jörg Brohm ist ein Hüne. Alleine seine Körpergröße setzt ihn visuell an die Spitze der meisten Trompeten-Sections. Dazu kommt ein sehr aufrechter Gang. Ein Wohlstandsbäuchleins ist nicht im Ansatz zu erkennen (obwohl Brohm in diesem Jahr bereits seinen 50. Geburtstag feierte!) und auch seine bloßen Unterarme sind beim Begrüßungshändedruck respekteinflößend. Die kurzen Haare und die Sportuhr runden das prototypische Bild eines Berufssoldaten ab. Denn formal gesehen ist Jörg Brohm ein solcher. Genauer gesagt ein Stabsfeldwebel.

Jörg Brohm ist quasi omnipräsent

Von der Bedeutung her ist er jedoch alles andere als ein Soldat. Wenn einer bei der Bundeswehr als Musiker angestellt ist, hat er so viel mit der Landesverteidigung zu tun wie ein Fußballer von Bayer Leverkusen mit der Aspirin-Herstellung. Also: Außen Gardist, innen Artist. Neben seiner Haupttätigkeit als Lead-Trompeter der Big Band der Bundeswehr stellt Brohm seine Trompetenkunst aber auch in den Dienst von Ernst Hutter und dessen Egerländer Musikanten, tourt, wenn es der Dienstplan erlaubt, mit dem Pepe Lienhard-Orchester, dem Jazz-Bariton Tom Gäbel und der „Sonnenbrille der Nation“, dem Schlager-Urgestein Heino. Zwischendurch hilft er hier und da aus, wo man einen soliden Trompeter braucht, dem lange und anstrengende Passagen nicht viel anhaben können und ist auch öfter für Studioaufnahmen gebucht. Gefühlt ist Brohm die omnipräsente deutsche Trompete. Bleibt da auch noch Zeit für die Familie und Freunde? „Ich bin zwar unregelmäßig zuhause, dafür aber auch manchmal länger. Dann mache ich gar nichts und freu‘ mich an meinem Garten“, relativiert der Ehemann und Vater dreier Kinder.

Brohm und die Big Band: von Jiggs Whigham erweckt

Dieser Garten befindet sich übrigens in der Eifel, unweit vom für Musiker wichtigen Arbeitsplatz Köln. Geboren ist der Rheinländer in Siegen, nicht einmal 100 Kilometer östlich von der deutschen Musik-, Medien- und Karnevalsmetropole. Dort begann er mit zehn Jahren, also 1977, mit dem Erlernen der Trompete. Schon in jungen Jahren wurde Brohm von Fritz Nöh, einem Posaunisten bei Kurt Edelhagen, den er als frühen Förderer bezeichnet, zu den Proben verschiedener Blaskapellen in der Region mitgenommen. Mit 16 Jahren durfte er bereits bei der Big Band der Universität Siegen mitspielen, die von keinem geringeren als Jiggs Whigham beleitet wurde. „Da ging so e’n Feuer an“, kommentiert Brohm mit rheinischer Bedächtigkeit dieses Erweckungserlebnis. Von jenem Amerikaner, der so zahlreiche Jazz-Karrieren in Deutschland mitprägte, erhielt der junge Trompeter auch viele wichtige Aufnahmen in Kassettenform, die man sich damals noch nicht so einfach zugänglich machen konnte wie heute. Das wiederum formte seinen Stil und sein Phrasing. Nach Brohm kann man beides nämlich nicht durch Übungen erlernen, sondern nur durch Imitation. Und dabei steht am Anfang natürlich das wachsame Hören.

Studium bei der Bundeswehr: für Brohm Sicherheit und Möglichkeit

Whigham wollte dann später auch, dass Brohm zu ihm an die Musikhochschule nach Köln komme. Zu der Zeit hatte der junge Mann aber nach seinem Pflichtdienst bei der Bundeswehr dort bereits einen Arbeitsvertrag unterschrieben und war in das Ausbildungsmusikkorps nach Hilden (weiter nördlich bei Düsseldorf) gewechselt. So konnte er unbesorgt studieren und sich zusätzlich außerhalb der Hochschule noch bei „guten Leuten“ Rat holen. Diese guten Leute waren unter anderem Andy Haderer und der wahrscheinlich wichtigste Jazz-Trompetenpädagoge der Welt: Bobby Shew. Das Studium schloss er dann 1990 mit Orchesterdiplom ab.

Jörg Brohm, wie ihn die meisten kennen: in der weißen Uniform seines Arbeitgebers, der Bundeswehr-Big Band. Foto: JB privat

Nachdem er ein halbes Jahr beim Luftwaffenmusikkorps in Münster spielte, wurde die Stelle bei der Bundeswehr Big Band frei. Seit 1991, nun also schon 26 Jahre, ist der Name Jörg Brohm mit diesem sehr populären Ensemble fest verbunden.

Egerländer Musik – eine ganz andere Welt

Ein Orchester, mit dem man Brohm ebenfalls stark assoziiert, bewegt sich in ganz anderen Gefilden – wenn auch mit wahrscheinlich noch größerer Anhängerschaft. Als Trompeter stieg Jörg Brohm 2002 bei Ernst Hutter und seinen Egerländer Musikanten ein. Der damals 35-Jährige hatte zwar wie die meisten Blechbläser in Deutschland eine Vergangenheit in der Blaskapelle, war aber ansonsten unbedarft, was diese Musikrichtung anbelangte. „Ich dachte mir: ein paar Signale und F3s – und das war’s.“ Dass er damit falsch lag, merkte er bei der ersten Probe, noch bevor überhaupt ein Ton gespielt wurde. Schlagzeuger Holger Müller, der Brohm als Big Band-Trompeter kannte, sah den großen Mann und fragte forsch: „Wat willst denn du hier?“

Jörg Brohm im Dienste von Ernst Hutter und den Egerländer Musikanten. Foto: JB privat

Zum einen war Brohm selbst der eigene Ton zu hell, was er mit einem Mundstückwechsel zu ändern versuchte. Zum anderen machte ihm auch der Zungenstoß Probleme – und das ist für einen Interpreten an der sogenannten Obligatstimme natürlich nicht gerade beruhigend. Die ersten Signale klangen noch wie *da-da-daa-daa* und wenn er die Doppelzunge einsetzte, hatte Brohm das Gefühl, er verschlucke sich und der Luftstrom werde einfach nur ungelenk gestaut, statt kurz unterbrochen. Aber: „Ich habe mir viele Aufnahmen angehört und mir das ausgecheckt. Jetzt spiele ich wie auf weicher Luft.“ Die 15 Jahre in dieser hochklassigen Besetzung und an dieser per se solistischen Stimme machen glaubhaft, dass er „da gut reingewachsen“ ist.

Dennoch hat sich Brohm den Respekt für andere erhalten. So lobt er z.B. einen jungen Kollegen, in dem er sagt: „Ich habe noch nie über dem C3 mit Doppelzunge gespielt, geschweige denn ein F3 mit Triolenzunge. Der [Sebastian] Höglauer, der kann das vielleicht. Und vom Es dann noch rauf aufs As ziehen!“

Wie und was übt Jörg Brohm?

Die Übestrategie von Jörg Brohm ist eigentlich schon zwischen den Zeilen lesbar. Es gibt eine Herausforderung (das Wort ‚Problem‘ wird vom Autor bewusst umgangen!) wie die Signale, und die gilt es zu meistern. Der TrumpetScout nennt das bedarfgserechtes Üben, bei dem es nur darum geht, ein Noch-nicht-Können-aber-bald-Brauchen in ein Können umzuwandeln. Brohm war nie und ist noch immer kein Besessener von Exerzitien. „Keiner übt vier Stunden – außer Thomas Gansch“, nimmt der West-Deutsche lachend Bezug auf den mittlerweile weltberühmten „spielsüchtigen“ Ost-Österreicher. (Der TrumpetScout ergänzt: Wahrscheinlich noch Adam Rapa.)

Jörg Brohm mit seinem großen Bach 1 1/2 C-Mundstück und der geliebten 25er Strad. Ansatz? Very balanced!

Bei der Frage nach einem täglichen Übeprogramm wird die Denkpause lang. Töne auszuhalten gehöre wohl dazu. Okay, überzeugender klingt da schon die Erwähnung von Kraftübungen nach Caruso, die vornehmlich die Ausdauer stärken sollen. Dennoch, ein Standardprogramm scheint es nicht zu geben.

Krisen als Trompeter? Bei Brohm bisher Fehlanzeige.

Es macht den Eindruck, als mache Brohm intuitiv alles richtig und sei auch nicht allzu besorgt, dass sich dabei in Zukunft etwas ändern könne. „Eine Krise hab ich eigentlich noch nicht erlebt, bin da eher stabil unterwegs, auch weil handwerklich alles passt.“ Dennoch gebe es natürlich Tage, an denen nicht alles so rund läuft. „Dann zehre ich aber von den Reserven.“

Trotz der 50 Lenze sieht Brohm auch keine Anzeichen von physischer Schwäche, die sein Spiel in naher Zukunft beeinträchtigen könnten. Stattdessen bekennt er ohne Umschweife, dass zunehmend der Kopf Probleme bereitet: „Ich bin angespannter als früher und habe nicht mehr die jugendliche Unbedarftheit.“ Das ist überraschend, da man schließlich davon ausgeht, dass mit der Routine und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (gerade in Brohms Alter sind viele Berufstrompeter an einem Punkt angekommen, wo Erfahrung und körperliches Vermögen sich zu einer maximalen Leistungsfähigkeit addieren) die Nervosität einen Tiefpunkt erreicht hat. Ein Grund für diese unübliche Situation dürfte in der gestiegenen Bekanntheit liegen. „Das Publikum erwartet gewisse Sachen und das setzt mich unter Druck.“

Das Interview mit Jörg Brohm fand auf einem der Camping-Plätze des Woodstock der Blasmusik statt. Die Person im Hintergrund wurde nicht speziell für das Bild drapiert.

Als der TrumpetScout Jörg Brohm am Rande des „Woodstock der Blasmusik“-Festivals traf, hatte dieser am Vorabend mit der Bundeswehr-Big Band Allen Vizzutti begleitet – nach dem Auftritt der Lucky Chops. Die Performance des Trompeters dieser Brassband bezeichnet Brohm als „supersportlich“ – und man merkt, dass ihn so ein „Vorprogramm“ anstachelt. Andererseits lenkt er sofort wieder ein und weiß, dass man sich in der Musik nicht messen sollte: „Dat is albern. Es geht nicht um Höhe, sondern ums Herz.“

Jörg Brohm und seine Trompete – eine On/Off-Beziehung

Das Wort ’sportlich‘ fällt beim sportlichen Trompeter aus der Eifel nicht selten. So z.B. auch als er über die Arrangements der Udo Jürgens-Nummern spricht, die er mit dem Pepe Lienhard-Orchester im Wechsel mit Frank Wellert spielen durfte und die von Thorsten Maaß und Jörg Achim Keller verfasst wurden. Im renommierten Schweizer Orchester beerbten Brohm und Wellert übrigens Thorsten Benkenstein. Was den athletischen Rheinländer mit dem breiten Hanseaten verbindet, ist aber nicht nur die Lead-Position, sondern auch die Vorliebe für ein bestimmtes Trompetenmodell. Benkenstein spielte jahrelang eine Bach Stradivarius 25L (die heute bei Aneel Soomary in Verwendung ist), Jörg Brohm noch immer. Zwar probiert er viel aus, experimentierte mit B&SSchagerl, hatte auch schon eine Calicchio und eine Smith-Watkins, aber kehrt eben immer wieder zu diesem in der Bach-Palette wohl unpopulärsten Modell mit kleinem Becher und großer Bohrung zurück. „Ich mag den Bass im Klang und die Projektion.“

Aber ist Projektion eigentlich so wichtig, wenn die Profis doch sowieso meistens nur mikrofoniert auftreten? „Ich versuche immer so zu spielen, als hätte ich kein Mikrofon. Das hab‘ ich von Thorsten [Benkenstein] gelernt: Einfach mal Luft nachschieben!“ Und in der Tat, das verändert natürlich den Sound.

Zwei Mundstücke, manchmal sogar auf einer Bühne

Für die hohen Töne greift Jörg Brohm in der Regel zu einem Warburton 5S (S steht für „shallow“, also seicht, es ginge mit ES für „extra shallow“ aber noch deutlich flacher) mit einer 8er Backbore. Ansonsten spielt er auf einem wahrlich klassischen Bach 1 1/2 C. Damit würden die hohen Töne zwar auch kommen, aber das Durchsetzungsvermögen litte doch, so Brohm. Interessant ist, dass der Soldat seine Kaliber sogar während der Auftritte wechsle, vor allem bei den Egerländern. Ebenfalls interessant ist, dass sich das gar nicht so kleine Lead-Mundstück nach einer Tour-Woche mit der Bundeswehr-Big Band „schon ziemlich klein anfühlt.“

Improvisiert ein Jörg Brohm?

Welche Ziele hat ein Trompeter wie Jörg Brohm, der als Lead-Trompeter schon sehr weit gekommen ist? Will er vielleicht kürzer treten? Das ganz sicher nicht! Und falls er noch nicht improvisieren gelernt hat, fängt er das nun vielleicht noch an? „Ja, ganz langsam.“ In älteren Tagen gab die WDR-Big Band-Legende Klaus Osterloh dem jungen Brohm zwar tatsächlich Improvisier-Nachhilfe, aber als Jazz-Solist trat dieser dennoch nie in Erscheinung. Heute möchte er dort anschließen, wo er einst aufhörte. „Ich denke mir immer, wenn ich das Zeug singen kann, dann kann ich es ja auch spielen.“ Genau, die Musik im Kopf ist auch hier die gute Grundlage.

Jörg Brohm, der Feuerwehrmann

Apropos WDR-Big Band: Der TrumpetScout hörte vor acht Jahren das berühmte Radioorchester in der Kölner Philharmonie. Gast war kein Geringerer als Arturo Sandoval. Ebenso Gast war aber auch Jörg Brohm, der für den krankheitsbedingt ausgefallenen Andy Haderer einspringen musste und davon nur einen Tag vor der Aufnahme der zugehörigen CD erfuhr. „Andy rief mich an und sagte: ‚Komm‘ lass‘ uns am Sonntag im Studio treffen, das Zeug kannste nicht vom Blatt spielen.'“ In der Tat, die vom amerikanischen Trompeter Michael Mossmann arrangierten Titel waren harter Tobak. „Du kannst dann aber nicht mehr machen als zu versuchen, die Sachen so gut wie möglich zu spielen.“

Eine der ersten Fragen des Interviews mit Jörg Brohm lautete wegen genau dieser Begebenheit, die dem TrumpetScout bekannt war: „Wenn es harte Sachen gibt, die einer verlässlich spielen muss, dann ruft man den Jörg Brohm an, oder?“ Nach einem tiefen Atemzug und einer Pause, die man eigentlich nur von Gesprächen mit Helmut Schmidt in dessen letzten Jahren gewohnt war, entgegnet der lange Herr auf einer Holzbank und unter einem Partyzelt sitzend: „Es scheint so zu sein.“ Die Relativierung folgt aber sofort und mit ein wenig Unsicherheit: „Ist schwierig, das selbst einzuschätzen. Aber ich freu mich natürlich, wenn der Andy mich anruft und mir das zutraut.“

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