Q&A mit Steve Dillard: The Horntrader im Interview

Steve Dillard ist den meisten bekannt als der ‚Horntrader‘. Auf seinem Youtube-Kanal stellt er neue, aber mit Vorliebe alte Trompeten vor, die man bei ihm erwerben kann. Dabei glänzt er nicht nur mit seinem Wissen um die Instrumente, sondern vor allem auch mit großem spielerischen Können. Wie es dazu kam? Der TrumpetScout hat ihn gefragt.

Steve Dillard, der kalifornische Online-Trompetenhändler mit schlohweißem Haar, fasziniert den TrumpetScout seit Jahren und dürfte durch seine Youtube-Videos in der ganzen Trompetenwelt bekannt sein – vor allem unter seinem Pseudonym ‚Horntrader‘. Nach jahrelangem Hin und Her ist es nun gelungen, mit dem Mann, der sich nicht nur sehr gut mit Trompeten auskennt, sondern auch spielerisch topfit ist, ein Interview zu führen. Der TrumpetScout kann daher mit Fug und Recht den Eingangssatz aus allen Horntrader-Videos übernehmen: „My special guest today is… Steve Dillard.“

So kennt man ihn: Der Horntrader auf einem Sessel vor der Kamera.

 

Steve, was für ein Jahrgang bist du und woher kommst du? 
Geboren wurde ich 1954 in Los Angeles County, genauer gesagt in Gardena. Mein Geburtstag ist der 5. Februar, ich bin jetzt also bereits 66 Jahre alt.

Wie sah dein musikalisches Umfeld aus: Gab es Musiker in der Familie oder andere frühe Vorbilder?
Mein Vater spielte während seiner High School-Zeit Tuba, ansonsten gab es zunächst keine Musiker in der Familie. Meine Mutter begann dann allerdings Bariton zu spielen. Als ich mit 10 Jahren anfing, Trompete zu lernen, konnte wir deshalb gemeinsam Duette blasen.

 

Apropos Anfang: Wie kamst du zur Trompete?
Ein Blechbläserensemble kam zu uns an die Grundschule. Meinem Vater sagte ich daraufhin, dass ich Posaune spielen wolle, weil ich den Posaunisten so lustig fand. Daraufhin stieg mein Vater auf den Dachboden unserer Garage und holte eine alte Trompete aus einem muffigen Koffer. Er sagte, ich solle versuchen, einen Ton heraus zu bekommen. Gleich der erste war wunderschön! Also begann ich Trompete zu spielen und habe nie wieder über diese Entscheidung nachgedacht.

Wolltest du professioneller Trompeter werden? Was hast du eigentlich gelernt?
Ich habe zwar Trompete gespielt, wollte aber eigentlich Meeresforscher werden – wie Jaques Cousteau! Über eine Profikarriere habe ich niemals nachgedacht, auch wenn ich großen Spaß an den ganzen Ensembles hatte, in denen ich als Jugendlicher spielte. Also begann ich als Praktikant 1979 bei Calicchio. Anderthalb Jahre später arbeitete ich dann bei Benge. Dort machte ich Stimmzüge, war zuständig für die Qualitätsüberwachung vor dem Zusammenbau der Teile, habe poliert, im Versand gearbeitet und manchmal auch in der Lackierung bzw. der Galvanisierung ausgeholfen. Auch war ich der Verbindungsmann zu den Künstlern und habe kleine Botengänge erledigt. Über ein Leben als Trompeter begann ich mit 24 Jahren ernsthaft nachzudenken. Aber ich hatte keine wirkliche Anleitung und konnte nicht besonders gut Noten lesen. Meine spielerischen Fähigkeiten waren nicht übel, ich wusste aber, dass ich deutlich zulegen musste, wenn ich vom Spielen leben wollte. Ich habe mich daraufhin in so vielen Junior College Bands eingeschrieben wie nur möglich und nahm bei jedem Stunden, der mich unterrichten wollte.

„Als ich bei Benge war, ging die Arbeit um 7 Uhr los. Ich glaube, dass ich es kein einziges Mal rechtzeitig dort war. Man hat mir deshalb ständig gedroht, aber mich niemals gefeuert. In jeder Pause habe ich dort übrigens geübt. Üblicherweise spielte ich Duette mit einem anderen Freelancer, der in der Lackierabteilung arbeitete.“

Und wer hat dich geprägt und zu dem Spieler gemacht, der du heute bist? Du scheinst dich ja sowohl im Jazzbereich wie auch in der Klassik sehr gut auszukennen.
Die Liste meiner Lehrer ist lang! Als 13-Jähriger bekam ich Unterricht von Roger Fenn, der die dritte Trompete bei den Tulsa Philharmonic spielte. Rückblickend hat mir das sehr viel gebracht. Die beiden wichtigsten Lehrer waren wohl James Hill, der mich für Jazz begeistern konnte, und John M. Wilds, dem zweiten Trompeter im South Dakota Symphony Orchestra, der mir half, die klassischen Vorspielstellen zu meistern. Darüber hinaus ist Howie Shear zu nennen, der ein toller Allround-Spieler war und mich dazu inspiriert hat, das Thema Jazz-Improvisation weiter zu verfolgen. Daneben nahm ich auch Stunden bei einigen ganz berühmten Lehrern wie Claude Gordon, Harold “Pappy” Mitchell, Uan Rasey und natürlich Bobby Shew. Als ich bei Calicchio arbeitete, kam ab und an Conte Condoli vorbei und testete Trompeten. Dann habe ich immer meine Mittagspause gemacht – und das hat sich dann wie eine Unterrichtsstunde angefühlt 🙂

Ein Bild aus älteren Tagen.

 

Was war dein Job als du horntrader.com gestartet hast?
Ich zunächst habe lange Zeit als Freelancer gearbeitet und hatte mir durch eine Tour ein bisschen das Reisefieber eingefangen. Wenn ich also nicht zuhause spielte, d.h. in Disneyland, beim Musical oder auf Salsa Gigs, dann war ich auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Disney war übrigens großartig! Ich habe dort einige der absoluten Spitzentalente Südkaliforniens getroffen.

„Wayne Bergeron war mein Zimmergenosse auf Kreuzfahrtschiffen und später auch an Land, als wir gemeinsam in Disneyland gespielt haben.“

Auf den Kreuzfahrten lernte ich, immer meine Leistung abrufen zu können, denn wir spielten praktisch jeden Abend. Egal ob Shows, Tanzmusik, Dixie Land oder was auch immer – ich musste stets vorbereitet sein. Um 1987 habe ich den Job dann an den Nagel gehängt und bin nach San Diego gezogen. Dort habe ich 1997 geheiratet, bin aber kurz danach nach Los Angeles gezogen, da meine Frau dort eine Arbeit fand. In L.A. fing ich an, hie und da einzuspringen. Das führte sogar zu einem Gig with Paul Anka! Das war mein Leben vor horntrader.com.

Alte Bekannte: Steve und Wayne.

 

Was hat dich dazu gebracht, Trompeten im Internet zu verkaufen?
Es war an der Zeit, nicht mehr so viel unterwegs zu sein, und das bereits bevor wir 2000 unser zweites Kind bekamen. Meine Frau schlug deshalb vor, ich solle Trompeten online verkaufen, da ich das auch schon in der analogen Zeit gemacht habe. Also baute ich mein Portal so auf, wie ich es von einer Saxofonseite her kannte, die Cybersax.com hieß, und im September 1998 war Horntrader geboren. Während bei Cybersax Reparaturen im Vordergrund standen, sah ich das Potenzial eher im Verkauf und habe darauf gesetzt – und das noch vor dem DotCom-Boom.

Ich habe mit horntrader.com sofort losgelegt, als ich herausfand, dass ein Freund meine Idee klauen wollte. Oft schon dachte ich darüber nach, aber das war der Auslöser, den ich für den Start brauchte.“

Bist du heute eher Händler oder noch immer eher Musiker?
Ich versuch die Balance zu finden zwischen Verkauf, Unterricht und Aufführung. Neben den beiden Kindern und meiner Frau habe ich noch eine große Schildkröte sowie zwei Hunde und deshalb bin voll ausgelastet. Bis zur Corona-Krise habe ich viel im Musical-Theater gespielt. Viele Broadway-Shows werden in San Diego entwickelt und ich hatte die Freude, an vielen erfolgreichen Musicals mitzuarbeiten. Flops waren auch darunter, aber da es eine gewerkschaftlich vereinbarte immer gleiche Bezahlung gibt, merke ich das nicht 🙂 Letztes Jahr verbrachte ich 38 Wochen im Theater und während des Sommers spielte ich öfter in den großen Arenen in Südkalifornien. 2019 arbeitete ich mit The O’Jays, The Temptations, Lynard Skynard und war auch mit einer Roadshow von „Hello Dolly“ unterwegs. Daneben spiele ich auch in der Kirche, nehme ein bisschen auf und mache Musik mit einer R&B -Band, die Sully And the Souljahs heißt.

 

Wie lange übst du pro Tag? Wo sind deine Schwächen, was musst du besonders trainieren?
Ich übe um die 2 Stunden am Tag. Üblicherweise immer anders, je nachdem, was ich bei den nächsten Gigs zu spielen habe. Dabei spiele ich viel auswendig, da ich manchmal gerne draußen übe. In meiner Jugend spielte ich oft in Treppenhäusern, Entwässerungsgräben, Avocadoplantagen oder am Strand. Ich habe zuletzt einige meiner Übungen aufgeschrieben. Man kann sie sich hier auf Youtube anhören und die Noten stelle ich auch zur Verfügung. Meine Schwächen? Hmmm, ich würde gerne meine Time und das Swing-Phrasing verbessern, wenn ich Jazz spiele.

Porträts und Interviews sind extrem arbeitsintensiv. Du kannst diese Arbeit mit einer Spende unterstützen: paypal.me/trumpetscout. Auch 3 Euro helfen schon sehr viel – und ab 15 Euro bekommt du sogar einen Slidestopper frei Haus zugeschickt!

Zum Schluss: Was ist deine absolute Lieblingstrompete? Ich schätze, es ist die Selmer 80J…
Richtig erraten: die Selmer Chorus 80J. Ich liebe ihren Klang und das Spielgefühl. Für die Lead-Stimme ist sie ein bisschen zu groß, aber ich mag den Ton, den diese Trompete durch alle Register produziert. Aktuell habe ich sogar 4 Stück davon, da sie nicht mehr gebaut wird. Ein paar davon haben Blessuren und dienen quasi als Ersatzteillager.

„Wenn ich auf die 56 Jahre zurückblicke, die ich Trompete spiele, muss ich sagen: Ich bereue nichts. Es war eine tolle Reise.“