Theoretisch aerodynamisch: die Schilke S42L

Regulär neu kaufen kann man die Schilke S42L seit Kurzem nicht mehr. Für einen Artikel in der Vintage-Abteilung fehlen aber ein paar Jahr(zehnt)e Handelsabstinenz. Der TrumpetScout hat die Trompete dennoch getestet und versteht, warum Schilke dieses Modell von seiner Karte gestrichen hat.

Die kleine Flügelschraube unterhalb des ersten Zuges verrät das L-Modell. Gestimmt werden kann über das Schallstück.
Die kleine Flügelschraube unterhalb des ersten Zuges verrät das L-Modell. Gestimmt werden kann über das Schallstück.

Der TrumpetScout und die Schilke S42L kennen einander. Vor Jahren schon wurde einer der anderen durch einen freundlichen Händler vorgestellt. Es war Abneigung auf den ersten Kuss. Oder vielleicht sogar schon auf den ersten Blick. Denn eine Schönheit ist diese Trompete nicht, da ändert auch die hübsche silberne Haut nichts. Der schlanke Bau einer Trompete aus Chicagoer Fertigung hat zwar seine Fans, aber die Tuning Bell-Bauweise erinnert an Frankensteins zusammengenähtes Geschöpf, die Schrauben hier und da wirken ein wenig wie Behandlungsspuren bei einem komplizierten Trümmerbruch. Warum also über so ein Modell berichten? Die Story hat ihre Berechtigung…

Jeder hat eine zweite Chance verdient. Auch die S42L von Schilke.

Also, es war vor ungefähr sechs Jahren (das ist wichtig, weil sich der „Trompeten-Geschmack“ über die Zeit verändern kann), als die Schilke mit Wechselschallstück zum ersten Mal aufgetischt wurde. Sie spielte sich einfach nur wie ein enges Röhrchen. Nach wenigen Tönen war sie aus dem Rennen, eigentlich bereits nach dem ersten. Vor einem Jahr jedoch ergab sich die Gelegenheit, eine S42, also das gleiche Instrument, nur eben ohne Wechselbecher, zu probieren – die Begeisterung war spontan und immens: Das Horn sprach gut an, war weder zu groß, noch zu klein, der Ton auch im unteren Register knackig. Das Volumen war sehr groß (bis dato die wohl lauteste Trompete), nicht nur in den Ohren des Bläsers, sondern auch vor dem Instrument. Der Kern blieb durch die ganze Range, der Klang war glasklar und das Slotting überragend. Auch das schwierige A rastete sicher ein. Der Wunsch, dieses Instrument besitzen zu wollen, war trotz des stolzen Preises von über zweieinhalb Tausend Euro groß.

Ist das der Kern des Übels...
Ist das der Kern des Übels…

Als nun die S42L zum Test anstand, war die Freude groß. Vergessen schien wohl der Verdruss, die der erste Anspieltest bereitete, zu groß war das positive jüngere Erlebnis mit der S42. Abgesehen davon gibt es ja den Faktor Inkonsistenz. Vielleicht war die damalige Schilke ein Montagsinstrument? Jeder hat eine zweite Chance verdient.

Bei einer Trompete gibt es keine Kleinigkeiten. Jede Veränderung wirkt sich aus.

Um es kurz zu machen: Es gibt bei Schilke offenbar keine großen Abweichungen. Die S42L passt einfach nicht. Vielleicht eine persönliche Sache? Wieder fühlte sie sich so an, als wäre irgendwo ein Widerstand hingeschmuggelt worden, gegen den man ankämpft. Vielleicht ein Bleistift. Woran kann das aber liegen? Bei der Tuning Bell-Konstruktion, wird der Schallbecher nicht direkt an den Ausgang des Ventilstocks gelötet, er stülpt sich über ein zylindrisches Rohr nach der Maschine. Dadurch lässt sich der Becher um einige Centimeter verschieben und die Trompete stimmen, ohne dass der traditionelle Stimmbogen bewegt werden muss. Wozu? Ist der Stimmbogen ganz eingefahren, bildet sich nach dem Mundstück bis zum ersten Ventil ein langer erster Rohrverlauf ohne Sprünge und demnach weniger Verwirbelungen. Dies soll zu vermeintlich besseren Spieleigenschaften führen. Andere Hersteller (z. B. Stomvi) bauen auch solche Modelle, einzig der Erfolg hält sich in Grenzen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der veränderte Rohrverlauf nach dem Maschinenblock das Ansprechverhalten nachteilig beeinflusst.

...oder eher diese Stelle? Zwei Wunde Punkte bei der Tuning Bell-Konstruktion.
…oder eher diese Stelle? Zwei wunde Punkte bei der Tuning Bell-Konstruktion.

Gründe für den mäßigen Anklang dieser Streamline-Bauweise gibt es weitere: Erstens, der höhere Preis. Zweitens, das Stimmen ist umständlich. Zwei Schrauben müssen gelöst werden, leicht und fein verschieben lässt sich das Schallstück in seinen Führungen nie so gut wie ein normaler Zug. Drittens bringt ein ganz eingeschobener Stimmzug keine spielerischen Vorteile. Im Gegenteil: Viele Spieler bevorzugen einen Widerstand vor der Maschine, sprechen sich ja bereits gegen einen Stimmbogen in reversed-Architektur aus oder präferieren einen kantige Bogenform für eine knackigere Ansprache. Der vierte Punkt wird häufig nicht gesehen: Da ein variabler Trichter eine Stütze zwischen Mundrohr und demselben verunmöglicht, bleiben gewisse Schwingungen unkontrolliert. Vor allem dort, wo für gewöhnlich die dem Mundstück nähere Verstrebung am Becher angelötet ist, befindet sich ein neuralgischer Punkt für Klang und Ansprache der Trompete. Trompetenbauer sprechen gerne von Schwingungsknoten. Auch ohne physikalischen Exkurs: Es gibt bereits gewisse Hilfsmittel wie z. B. Clip-On-Gewicht, die dieses Problem lösen sollen; was nur eines bestätigt: Es ist keine Einbildung. Diese scheinbaren Kleinigkeiten machen die S42L zu einem völlig anderen Instrument als die S42. Sie hat mit dieser Trompete spielerisch so viel Verwandschaft wie Adoptivgeschwister untereinander: Sie beschränkt sich auf den Namen.

S42, S42L, S42LF – warum Schilke ausgemistet hat

Alle drei ehemals geführten Modelle teilen dieselben Maße: Ventilbohrung mit 11,42 mm (bei Schilke Medium) und ein ML-Schallbecher aus Messing, der zwar am Ende einen großen Durchmesser von 127 mm hat, aber im Verlauf dem einer nicht sehr weiten Bach Stradivarius 37 ähnelt. Hinzu kommt die Stütze im überlappenden Stimmzugbogen. Soweit die gleiche enge Ausgangsposition. Dann gab es zunächst die hier gezeigte Version mit Tuning Bell (S42L) und auch die Spezialausgabe, die der High Note-Jazzer Jon Faddis für sich bauen ließ (ehemals S42L JF). Auch die JF hatte einen verstellbaren Becher, dazu Heavy Caps, einen zweiten Ventilzug ohne die beiden aufgelöteten Knubbel und ohne eine Wasserklappe. An diesen Maßnahmen erkennt man gut, wie feinfühlig Trompeter sind und welchen Effekt auch minimalste Anpassungen (ein ganz anderes Beispiel dafür: Ventilfedern aus Stahl) haben können. Obendrein erhielt seine Trompete einen runderen Stimmzug. Möglicherweise war selbst dem für die Vorliebe für kleines Equimpent bekannten Stratosphären-Mann der Widerstand zu groß.



Offensichtlich hat sich die S42L nicht besonders gut verkauft – genauso wenig wie der anderen S-Modelle (die S32 hatte eine ML- die S22 eine L-Bohrung). So gibt es heute nur noch die S42 und das Faddis-Modell (sicher auch kein Verkaufsschlager, aber schwer aus dem Programm zu schmeißen), das jetzt weniger klingend S42LF heißt.

Keine Liebe auf den ersten Blick, aber ein klassischer Klang

Wie man am Video merkt, sind die Testaufnahmen sehr schwer gefallen. Mit dem Lead-Mundstück (Warburton 7ESV/8) war die Trompete viel zu eng, mit dem Bach 3C ging es, doch kam trotzdem keine rechte Freude auf, die Ansprache blieb… anspruchsvoll. Die Stimmung hingegen erschien mustergültig. Eine Qualität, die man Schilke gemeinhin zuschreibt. Beim Hören dann verwunderte doch die Differenz zwischen direkter Selbstwahrnehmung und objektivem Klangerzeugnis. Das gespielte klassische Repertoire klang wohlerzogen, wie man es sich von einer Trompete für diese Musikrichtung erhofft – nicht patzig oder plärrend.

Diese Trompete stellt sich nicht in den Vordergrund sondern transportiert klar das, was der Spieler kann (oder eben nicht!). Für den Leadeinsatz ist die S42L aber viel zu brav und gibt sich zugeschnürt, wenn man die Notenlinien unter sich zurücklässt. Das mag man zwar in Person von Jon Faddis widerlegen, aber wer weiß, was an seiner Trompete noch verändert wurde und außerdem: Er ist eben ein Ausnahme mit Großbuchstaben. Für Normalsterbliche ist die Schilke S24L eher nicht zu empfehlen, auch wenn sie sich – im Sinne anderer großer Trompeter zwischen Roger Ingram und Malcolm MacNab – auf das ganz kleine Besteck eingestellt zu haben glauben.

TrumpetScout dares an educated guess
What is she offering? Rareness, nice classical tone, Frankenstein looks
Your new girl friend? Eher nicht. Sie gibt dir nicht viel als Gegenleistung. 4/10
Preis? 3.000+ Euro. Wenn man sie überhaupt noch bekommt!
Dauerbeziehung? Nur für Jon Faddis. Only for your small horn period!

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.