Trompeter: die Egoisten im Kollektiv? - TrumpetScout

Trompeter: die Egoisten im Kollektiv?

Höher, schneller, lauter – viele Trompeter schreiben sich das ungeniert auf die Fahnen und demonstrieren damit nichts anderes, als dass für Sie nicht die Musik im Vordergrund steht, sondern die Heißwachsbehandlung ihres buchstäblich aufgeblasenen Egos. Ist das ein reines Trompetenproblem? Ist das ein reines Laienproblem? Der TrumpetScout hat nachgeforscht.

Anscheinend hat das Wynton Marsalis gesagt. Was ist dran am Mythos der Kampfhähne mit Blechschnabel?
Anscheinend hat das Wynton Marsalis gesagt. Was ist dran am Mythos der Kampfhähne mit Blechschnabel?

Viele kennen das Problem: Der erste Trompeter klebt an seinem Sessel oder Pult, für ihn kommt keine andere Position in der (Big) Band in Frage. Doch statt diese Position mit vorbildlichem Spiel und zumindest der Absicht, sich in den Dienst der Band zu stellen, zu rechtfertigen, scheinen ein paar laute Passagen und oktavierte Schlusstöne zur Untermauerung mehr als auszureichen. Sicher, so ein Verhalten ist nicht die Regel – eine Singularität aber leider auch nicht. Ausgang dieser Betrachtung sind Beobachtungen, die der TrumpetScout während seines eigenen Trompeterdaseins als Laie machen konnte, und Erfahrungen bekannter Profis.

Ego-Shooter: ein reines Trompeter-Phänomen?

Wenn man selbst Trompeter ist, liegt der eigene Fokus verständlicherweise auf der Trompete und denen, die sie spielen. Das verzerrt natürlich die Wahrnehmung. Aber warum gibt es so viele Trompeterwitze auch außerhalb der eigenen Zunft? „Wie grüßen sich zwei Trompeter? – Hi, ich bin besser als du.“ So plump und verbal konkret geschieht das zwar in der Wirklichkeit nicht, aber ein bisschen was ist schon dran an der oberflächlichen Leistungsdemonstration und der Vergleichsabsicht. Man(n) will sich messen und lässt beim Einblasen gerne ein paar besondere Licks fallen oder deutet seine Höhenqualitäten an. Warum das gerade bei der Trompete gefühlt besonders häufig der Fall ist, kann verschiedene Gründe haben, über die hier spekuliert werden soll.

1. Testosteron

Wie bereits angedeutet ist da das Geschlecht. Noch immer hinkt der Frauenanteil bei der Trompete dem bei anderen Instrumenten hinterher. Das fördert eventuell ein Behauptungsverhalten – das Revier will unter Gleichen markiert werden.

Definitiv die Ausnahme: die reine Frauen-Section. Ob es da ähnlich zugeht wie bei den Herren?
Definitiv die Ausnahme: die reine Frauen-Section. Ob es da ähnlich zugeht wie bei den Herren?

2. Der sportliche Ehrgeiz:

Hoch und laut geht nicht einfach über die Lippen und ist bei den Trompetern vielleicht noch schwerer umzusetzen als bei den Posaunisten. Diese Herausforderung spornt den sportlichen Ehrgeiz an, wird aber nur allzu gerne zur fixen Idee und zum Primärziel. Das vernebelt leider oft die Sinne für die Selbstwahrnehmung und das musikalische Ganze.

Trompetespielen als sportlichen Wettkampf - mit sich selbst und gegen die anderen.
Trompetespielen als sportlicher Wettkampf – mit sich selbst und gegen die anderen.

3. Gelegenheit macht Überschwang

Die Trompete ist in vielen Ensembles ein Lead-Instrument, der Melodienträger. Die erste Stimme bekommt da die Rosinen zugeteilt. Um hier das vermeintliche Sahnehäubchen aufzusetzen, wird noch lauter gespielt und wenn irgendwie möglich noch eine Oktave unbestellt und halbgar dazugeliefert.

Die Herausforderung der Höhe reizt, auch wenn manchmal tiefer doch besser wäre.
Die Herausforderung der Höhe reizt, auch wenn manchmal tiefer doch besser wäre.

4. Genetische Ursachen?

Hier sollte noch ein halbwegs vernünftiger Grund stehen, der einen Konnex zwischen Trompete und Ego-Trip glaubhaft herzustellen vermag. Doch weder das Ego-Gen als Komplementär zum Blech-Gen wurde bisher entdeckt, noch ist die Erziehung zu Band-Egozentriker auf dem Trompetenlehrplan an Musikschulen.

Gibt es ein Gen, das sowohl für die Wahl der Trompete als auch für Egomanie verantwortlich ist?
Gibt es ein Gen, das sowohl für die Wahl der Trompete als auch für Egomanie verantwortlich ist?

Widmen wir uns also noch einmal den empirischen Beobachtungen. Bei den Saxofonen ist die Schwierigkeit der Höhe und Lautstärke nicht gegeben wie bei den Kesselbläsern. Mit schönem Ton, schnell Fingern und tollen musikalischen Ideen kann man sich auch an der zweiten Stimme in Soli zur Genüge profilieren. Wie aber sieht es bei den artverwandten Posaunen aus, die obendrein ebenfalls nicht zu reich mit Damen gespickt sind (um hier noch einmal die Testosteron-Theorie aufs Tapet zu bringen)? Aus der nicht zu üppigen, aber auch nicht streng limitierten eigenen Erfahrung kann der TrumpetScout mit Fug und Recht behaupten, dass es bei den „Bones“ kein großes Gerangel um die Stimmen in der Section einer Big Band gibt. Oft beobachtet: Stimmwechsel zwischen den Stücken oder mit den Sets. Das geschieht nicht nur um den Band-Frieden zu wahren, sondern aus ebenfalls egoistischer Absicht, jedoch einer, die der Musik dient. Denn wenn ein Spieler sich auf der dritten Stimme schonen kann, bleiben ihm mehr Reserven für die Lead-Passagen und für Solo-Parts, bei denen er besonders in Szene gesetzt wird.

Deshalb die (hoffentlich) rhetorische Frage an alle Bandspieler: Fühlt es sich nicht besser an und klingt es nicht souveräner, kurz: ist es nicht die schlicht die klügere Wahl, die Stimmen aufzuteilen, wenn Kollegen in der Section sind, die die erste Stimme zumindest annähernd so gut spielen, wie man selbst? Und ist es nicht gescheiter, an einer sogenannten Unterstimme nicht lauter zu spielen als der Leader und genauso zu phrasieren wie er oder sie? Think about it.

Pros contra Amateure: Gibt es den Rambo-Modus auch bei Profis?

Vergleicht man nun die Musikwelt in der vertikalen Dimension, also die Profimusiker mit den Amateuren, ergibt sich ein anderes Bild. Je höher man schaut, desto eher sind die Prioritäten geklärt und einheitlich: die Musik steht im Vordergrund. Darüberhinaus wissen die meisten um ihre Stärken und Schwächen bzw., was sie gut und weniger gut können. Die einzelnen Vorzüge kennen natürlich auch die Leute, die eine Band besetzen, sprich die Musiker engagieren. Potenzielles Konfliktpotenzial wird dadurch a priori bereits minimiert, abgesehen davon wird die Stimme gespielt, für die man gebucht wird. Punkt. Des Weiteren ist sich jeder der Wichtigkeit einer jeden Stimme bewusst: 1 bis 5 macht keine absteigende Aussage über die Güte als Trompeter im Allgemeinen.

Selbstüberschätzung bzw. die Fehleinschätzung der eigenen Leistung ist etwas, was sich Profis nicht lange leisten können.
Selbstüberschätzung bzw. die Fehleinschätzung der eigenen Leistung ist etwas, was sich Profis nicht lange leisten können.

Grundsätzlich gilt aber im echten Profibereich eine ganz andere Prämisse: Leistung gegen Geld. Zwar wird auch in semi-professionellen Schichten bezahlt, doch persönliche Verbandelungen und zwischenmenschliche Gegengeschäfte spielen dort eine viel größere Rolle. Gibt es einen ausschließlichen Geldgeber und einen ausschließlichen Musikgeber, sind die Fronten viel klarer. Passt die Performance nicht, gibt es keine Aufträge mehr. Das diszipliniert enorm und bereitet dem „Nach mir die Sintflut“- und „Ich bin der Größte“-Habitus keinen guten Nährboden. Abgesehen davon sind zwar auch Trompeter, die es in der Musik weit bringen, Menschen mit starken Emotionen und (vieleicht sogar besonders) starkem Ego. Der Respekt gegenüber der musikalischen Güte ist aber ausnahmslos allen gemein.

Wechsel auch an der Spitze? Hier gibt es Kontroversen.

Ausgehend von der Lektüre des Buches von Roger Ingram mit dem tristen Titel „Cinical Notes on Trumpet Playing“ (aber umso lesenswerterem Inhalt) hat der TrumpetScout einige renommierten Profis zum Thema ‚Stimmentausch zur Entlastung‘ konsultiert. Ingram unterstreicht in einer Passage die Wichtigkeit der Selbstsicht einer Section als Team. Sie sollte immer im Blick haben, was das Beste für die gesamte Band ist. „Das beinhaltet auch, das Arbeitspensum in der Section gleich zu verteilen, indem Stimmen gemischt verteilt werden.“ Das helfe nicht nur dem Durchhaltevermögen des etatmäßigen Ersten, sondern halte auch die Moral hoch, da jeder oder zumindest mehrere in die Verantwortung genommen werden. Außerdem kann auch das swingende Phrasing eines eher improvisationsorientierten Spielers sehr befruchtend und lehrreich sein.

Wim Both wechselt sich in der WDR-BIg Band mit Andy Haderer an der ersten Stimme ab - zwischen den Stücken.
Wim Both wechselt sich in der WDR-BIg Band mit Andy Haderer an der ersten Stimme ab – zwischen den Stücken. Foto: WDR

So wird z.B. auch in der WDR-Big Band konstant gewechselt. Natürlich hängt die Notwendigkeit im Einzelfall auch mit der zu spielenden Literatur zusammen (der TrumpetScout erinnert sich an ein extrem kraftraubendes Programm der WDR-Big Band mit Arturo Sandoval – hier hat man sich beinahe zwangsläufig ablösen müssen). Es gibt hier aber, besonders unter Band-Leadern, auch Gegenstimmen. Die Wechselskeptiker sehen die Kontinuität im Phrasing durch einen Tausch an der Spitze gefährdet, was dazu führe, dass die Band (und im Speziellen auch die Satzkollegen, die direkt durch den Rollentausch betroffen sind) sich nicht auf einen „Führungsstil“ einstellen kann. Hier kann man vielleicht entgegnen, dass dem vorzubeugen wäre, wenn immer bei denselben Stücken gewechselt wird. In der Klassik scheint die Stimmverteilung sowieso fix. Die Option besteht also eher in der populären Musik und im (Big Band-) Jazz.

Der Trompeter, ein Egoist? Man weiß es nicht.

Die provokante Frage „Egoist oder nicht“ konnte zwar nicht eindeutig geklärt werden (darauf kommt aber ein eigener Beitrag zum Thema „Lead-Trompeter – eine eigene Spezies“ noch einmal zurück); doch es ist ganz klar, dass die Musiker, denen es beim Musizieren in erster wirklich um die Musik geht und um nichts anderes, das vielleicht jedem Menschen innewohnende Streben nach Selbstbeweihräucherung besser zu kontrollieren wissen als die Sport- und Showing off-Trompeter. Zum Schluss noch ein konkretes Exempel aus dem eigenen Erfahrungsschatz: Der TrumpetScout sprang in einer klassischen Swing-Band auf der dritten Stimme ein. Der erste Trompeter konnte kaum über das C3 hinausspielen und musste bis dahin schon kämpfen. Aber er hat extrem gut, genau und konsequent phrasiert und dabei mit einem schönen Ton auch die Herzen der Bandkollegen erobert. Mission music: accomplished.