Trompetentest Kühnl & Hoyer Sella G + Topline G

Zwei Mal kleines Geld: Kühnl & Hoyer Sella + Kühnl & Hoyer Topline

In der 1.000 Euro-Preissparte gibt es erstaunlicherweise mehrere Trompeten aus dem „Hochlohnland“ Deutschland. Darunter sogar gleich zwei Modelle eines Herstellers – und der heißt Kühnl & Hoyer. In den Testring schickt er seinen Evergreen mit Namen „Sella“ und die viel versprechende „Topline“.

Klassische Reversed Leadpipe-Trompete, aber für wenig Geld zu haben: die Topline von Kühnl & Hoyer.

Wer eine günstige neue Trompete sucht, hat sich in der Regel damit arrangiert, dass diese aus Fernost kommen wird. Schlecht muss sie deshalb nicht sein, denn die Produktionsstätten in Taiwan und China sind durchaus keine Orte des „Zusammenschusterns“ mehr, sondern schlicht der großvolumigen Fertigung. Leider sind gerade durch die Bündelung in riesigen Fabriken Komponenten vieler vermeintlich unterschiedlicher Marken gleich geworden. Der deutsche Hersteller Kühnl & Hoyer steht nicht für Containerladungen voller Trompeten, dennoch aber für Preise mit Bodenhaftung. Apropos: Die Bayern versprechen keine optischen Extravaganzen, dafür aber eine komplette Fertigung im eigenen Haus und deshalb komplett eigenständige Instrumente. Der TrumpetScout testete die beiden günstigsten Modelle aus Markt Erlbach: die Sella und die Topline.

Kühnl & Hoyer Sella: Los geht es bei knapp über 1.000 Euro

Der TrumpetScout erinnerte sich an das Modell Sonata, das einige Anfänger in seiner Heimat bliesen. Einst zu haben im mittleren dreistelligen Euro-Bereich. Ein Anruf bei Kühnl & Hoyer machte klar: Die ist aussortiert. „Eine Trompete unter 1.000 Euro, das rechnet sich nicht mehr“, so Chefin Adele Kühnl. Ehrlich gesagt wundert es, dass sogar eine Trompete „made in Germany“ für knapp über 1.000 Euro machbar ist. So viel kostet die Sella nämlich in lackierter Ausführung und mit Messingbecher. Die getestete Sella G (also mit Goldmessing-Schallstück) ist nicht viel teurer. Woher der Name ‚Sella‘ herrührt, ist nicht klar. Nach nun circa 25 Produktionsjahren, könnte man sagen, man hätte bei Einführung schon geahnt, dass die Trompete ein Dauer-Seller wird und hat diesen Umstand klanglich in die Namensgebung einfließen lassen. Ein Etikett an der Trompete wirbt mit dem gewonnen Musikinstrumentenpreis 1993. Das klingt nun schon ein bisschen angestaubt, denn als Hersteller kann man sich ja nicht wie ein Sportler mit früheren Erfolgen rühmen. Doch was in Sachen Blech 1993 gut war, kann – in der Regel anders als im Sport – auch 2017 noch ebenso glänzen.

Die Sella wird mit klarem Lack verkauft, weshalb alle Materialdetails gut zu sehen sind.

Kühnl & Hoyer Topline: Die Spitze im Namen, aber nicht auf dem Preisschild

Knapp über der Sella rangiert die Topline von K&H. Preislich geht es bei knapp 1.100 Euro los und zieht sich in der versilberten Varianten bis über 1.400 Euro. Die beiden lackierten Versionen mit Messing- bzw. Goldmessingschallstück (getestet wurde ebenfalls das G-Modell) befinden sich aber noch ohne Drehen und Wenden im 1K-Preissegment. Die Trompete unterscheidet sich von der ähnlich angepreisten Sella wesentlich – zunächst einmal optisch. Ist die Sella die Traditionalistin, dann ist die Topline das New Era-Horn wie eine Martin Committee oder eine Schilke. Eine hat einen normalen Stimmzug, die andere die reversed-Variante. Außerdem ist der Fingerring auf dem dritten Ventilzug bei der Topline fest verlötet, was ihr zusätzlich einen Touch mehr Wertigkeit verleiht – wenngleich die Verstellung in der Tat praktische Vorteile haben kann. Sie wurde über die Jahrzehnte jedoch zu einer Art Stigma des Schülerinstruments.

Hier gut zu erkennen ist nicht nur der überlappende Stimmzugbogen, sondern trotz Goldlack auch die Naht des zweiteiligen Schallstücks.

Die Gemeinsamkeiten von Sella und Topline: Stahlventile…

Allen (Perinet-)Trompeten von Kühnl & Hoyer ist gemein, dass die Ventile aus Stahl gefertigt sind. Damit waren die Franken Pioniere in der Serienproduktion. Ein befreundeter Instrumentenbauer lobte diese Eigenheit schon vor Jahrzehnten. Heute sind Stahlventile sehr weit verbreitet, sogar und gerade bei den asiatischen Herstellern. Problem bei Stahl ist, dass die Ventile erst einmal nicht gut gleiten. Sie müssen eben einlaufen. Bei der getesteten CarolBrass war eben das ein großes Problem und die Trompete musste sogar zurückgeschickt werden. Bei K&H vermeidet man solche Szenarien durch händisches Einläppen, also einen feinen Schleifvorgang. Das Einlaufen während der Benutzung wird hier komprimiert, aber dennoch zeitaufwändig durchgeführt. Bei den fabrikneuen Testinstrumenten gab es nichts zu beanstanden. Dennoch: Stahl läuft nie so schnell wie gutes Monel. Die Maschinen beider Instrumente weisen übrigens eine ML-Bohrung (11,7 mm) auf. Die Pumpengehäuse unterscheiden sich äußerlich, sind bei der Sella schlichter gehalten. In puncto Gewicht ist diese jedoch vorn, wiegt 37 Gramm mehr (1.062 gegenüber 1.025 Gramm). In der Hand fühlt sich das aber in den meisten Situationen anders an. Das ist vielleicht nicht merkwürdig, aber immerhin bemerkenswert. Vielleicht ist bei der Topline der Maschinenstock massiver und der Rest leichter?

Stahl als Werkstoff der Kolben kommt bei beiden Trompeten zum Einsatz. Die Führung der Ventile ist aus Kunststoff.

…und ein zweiteiliges Schallstück

Auf jeden Fall gleich ist die Bauart des Schallbechers. Auf ein gezogenes Rohr wird bei beiden Trompeten ein Trichter aufgelötet. Der TrumpetScout ist ein bekennender Fan dieser Architektur und besaß schon einige tolle Trompeten mit diesem Spezifikum (u.a. Conn, Getzen und zuletzt die Brassego Dizzy). Die Projektion und die oberste Lage dürfte davon ganz bestimmt profitieren – der Preis auch, den gehämmerte Schallstücke aus einem Stück Blattzuschnitt sind aufwändiger zu produzieren.

Ebenfalls beiden Trompeten spendiert wurden Amado-Wasserklappen (die sind Geschmacksache), Neusilberaußenzüge (das verhindert nicht nur Korrosion sondern sorgt für mehr Masse am Korpus und damit kernigeren Klang) und Mundrohr sowie Stimmzugbogen aus Goldmessing (letzterer bei beiden Trompeten mit einer Stütze versehen). Das mögen in den Augen einiger Leser nun auch klassische Schülerinstrument-Merkmale sein. Aber zinkfraßresistente Komponenten an diesen Stellen freuen jeden, der sein Instrument über viele Jahre nutzen möchte und klangliche Nachteile sind schwer zu belegen, wenn es sie denn überhaupt geben sollte.

Äußerliche Differenzen zwischen K&H Sella und Topline

Die Bauweise des Stimmzugs wurde bereits angesprochen. Der Bogen selbst ist außerdem bei der Topline in D-Form gemacht, während er bei der Sella deutlich runder ausfällt. Das würde bei gleicher „Resttrompete“ unweigerlich zu einem größeren Widerstand und besserem Einrastverhalten führen. Auffallend ist außerdem ein Zugstopper mit verstellbarer Gewindestange für den dritten Zug bei der Sella. Die Topline muss dort nur mit einer Stopper-Schraube auskommen, hat dafür noch eine am ersten Zug, der bei der Sella hypothetisch herausfallen könnte. Auch deutlich zu erkennen ist der unterschiedliche Lack: Die Topline hüllt sich in einen Goldlack (ebenfalls Geschmacksache!), die Sella in klaren Lack, der die verschiedenen Materialien gut erkennen lässt.

Wie spielen sich Kühnl & Hoyer Sella und Topline?

Wer TrumpetScout auf Facebook folgt, weiß, dass es bei der Topline Liebe auf den ersten Blick war. Vor allem mit dem flachen Mundstück und in der hohen Lage gab es kein Halten. Der Widerstand war genau richtig, jedoch auch in untersten Register verkehrte sich das nicht ins Gegenteil. Ein echtes Allround-Gefühl stellte sich schnell ein. Bei der Sella war es gar nicht viel anders, aber dennoch spiegelverkehrt. Dieses scheinbare Paradoxon lässt sich damit erklären, dass beide Trompeten einfach alles gut können. Bei der günstigeren Sella ist der absolute Sweet Spot nur nach unten versetzt, da mit etwas weniger Widerstand versehen. Tief und Mitte also hervorragend, da freier, oben aber immer noch sehr gut. Diese Trompete fordert geradezu Mahlersche Tieftöne im Fortissimo. Kein Wunder, dass man genau so ein Einsteiger- und Intermediate-Modell konzipiert, schließlich ist das Funktionieren in der Normal-Range dabei das Wichtigste. Nach oben hin muss es aber auch gehen – sonst ist der Frust beim Nachwuchs gleich von Beginn an groß.

Der Korpus ist bei beiden Modellen mit Neusilber „beschwert“.

Der TrumpetScout hat sich gefragt, ob der höhere Blaswiderstand bei der Topline einzig durch die eckigere Form des Stimmbogens hervorgerufen wird oder ob das Mundrohr noch einen anderen Verlauf aufweist. Immerhin ist die Trompete leichter und hat den überlappenden Stimmzug. Geheimnisse des Herstellers, die noch nicht gelüftet sind…

So klingen Deutschlands günstigste Trompeten

Das mag nun etwas plakativ klingen. Doch in der Tat: Noch vor der Challenger I von B&S führen die beiden Kühnl & Hoyer-Instrumente das Ranking der günstigsten in Deutschland gefertigten Trompeten an. Und wie ist der Sound dieser günstigen Geschossene aus dem Land, dessen handwerkliche Erzeugnisse in der Welt höchstes Ansehen genießen?

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Durch den geringeren Widerstand klingt die Sella in der unteren und mittleren Lage etwas offener (ja, Offenheit kann man hören!), unangestrengter, zuweilen breiter, aber auch weniger kompakt. Die Topline zeigt hier mehr Tonzentrum – deshalb der Verdacht, dass die Maschine schwerer sein könnte. Beim Hören (vor der Trompete) ist die günstigere der Günstigen zuweilen dunkler und voller. Auf der anderen Seite beginnt die Topline schon früh ihre höchste Trumpfkarte auszuspielen: ihr an Sizzle reicher Studio-Sound. Dieses klangliche Brizzeln zeichnet gute Calicchios, Benges oder auch bestimmte Bachs aus. Hier kommt man mit der Beschreibungskunst schnell an ein Ende, weshalb es auch das Video (leider ohne Studio-Audiospur!) zu den Tests gibt.

Auf jeden Fall konnte der TrumpetScout einen wärend der Testzeit um Kaufberatung ansuchenden TrumpetScout-Leser gut verstehen, der von einer gebrauchten Topline schwärmte, die er bei einem Händler fand. Ihn hatte zuvorderst der Klang angesprochen. Da kann die Sella – nach TrumpetScout-Meinung – nicht ganz mithalten.

Auch bei Nicht-Studiolicht erkennt man das Schallstück aus Goldmessing.

Beide Modelle wurden mit Goldmessing-Becher getestet. Sind sie mit Messing-Glocke nicht nur billiger, sondern noch spritziger oder schon wieder zu scharf und hell? Darüber kann man nur mutmaßen. Der TrumpetScout würde das aber gerne noch ausprobieren – solche Lust haben die Instrumente gemacht.

Auf Augenhöhe miteinander und auch mit weitaus teureren Instrumenten spielen die beiden Trompeten unter dem Gesichtspunkt der Intonation. Nichts hängt, nichts will gedrückt werden.

Sella = oldie but goodie, Topline = etwas raffinierter

Für wen nun welche Trompete die richtige Wahl ist, lässt sich wie immer schwer sagen. Ein anderer TrumpetScout-Leser kam zu einer Kaufberatung vorbei und probierte dabei die Sella. Beinahe hätte er sie gekauft, wenn ihm der Instrumentenmacher nicht versprochen hätte, seine fast für tot erklärte Connstellation wieder zum Leben zu erwecken. Dem TrumpetScout gefiel der Studio-Klang der Topline zumindest hinter der Trompete besser. Fest steht, dass man für den untersten vierstelligen Betrag Trompeten aus Deutschland erwerben kann, die den Vergleich mit der internationalen Konkurrenz nicht scheuen müssen.

TrumpetScout dares an educated guess
What are they offering? Build quality, tone quality, low price
Your new girl friend? Geht immer 
Preis?  Sella + Topline
Dauerbeziehung? Heiße erste Liebe, die auch halten kann