Wie die Jungfrau zum Kinde. Oder ganz korrekt: Vom Junggesellenabschied zum Mundstück. So müsste man die Geschichte von Benny Brown und seinem nach ihm benannten Galileo-Mundstück überschreiben. Was genau passiert ist und was Arturo Sandoval damit zu tun hat, erzählt dieser TrumpetScout-Artikel.

Die Geschichte hinter vielen Produkten ist mindestens so interessant wie das Produkt selbst. So auch im Falle von Benny Browns Signature-Mundstück, das von Galileo in Basel hergestellt wird. Es ist nicht einfach das Ergebnis langer Tüftelei, sondern auch Folge einer schicksalhaften Begegnung.
Am Anfang war der Zufall
Wir schreiben das Jahr 2019. Benny Brown plante, seinen Freund – den renommierten Jazz-Trompeter Florian Menzel (der in den letzten Jahren als Mitglied der Band von ‚Wer stiehlt mir die Show?“ auch oft im Fensehen zu sehen ist) – zu dessen Junggesellenabschied zu überraschen. Nicht mit Barbesuch, Stretchlimo und unangenehmem Rudelverhalten auf einer Partymeile in Hamburg, Berlin oder Köln, sondern mit einem Trompeterausflug zu zweit nach Prag. Auf dem Programm stand: Mundstücke testen. „Es war ein nerdiges Unterfangen“, wie Brown die Sache heute kommentiert. Heimliches Highlight war ein Treffen mit Arturo Sandoval, der zu der Zeit in Europa unterwegs war. Den kubanischen Großmeister hatte Brown dafür schon Wochen vorher kontaktiert, um eine Stunde zu vereinbaren. Doch als der Termin näher rückte und die Reise bereits gebucht war, war Sandoval plötzlich nicht mehr erreichbar. Also blieb es zunächst bei der offiziellen Agenda: Sie besuchten das Brass Studio, den größten Laden für Blechblasinstumente in Tschechien. So sieht Sight Seeing in Trompeterkreisen aus.

Was beide nicht wussten: Just an diesem Tag trafen sich Trompeter aus ganz Tschechien in ihrer Hauptstadt. Das hob die ‚Experience in Nerdism‘ natürlich auf ein ganz anderes Niveau. Menzel und Brown konnten also nicht nur Mundstücke und Trompeten testen, sondern sich auch noch mit anderen darüber unterhalten ohne schräg angeschaut zu werden. Dann geschah, mit was keiner mehr gerechnet hatte: Arturo Sandoval meldete sich doch noch. Er fragte auch zugleich nach einer Werkstatt für ein Service an seinem Instrument. So pilgerten die beiden deutschen Trompeter in Sandovals Hotel, holten den Maestro ab und kehrten wieder ins Brass Studio zurück. Während Sandovals Trompete gereinigt wurde, probierte das Trio munter weiter. Dabei stieß Brown in einer Schublade auf zwei alte Mundstücke mit der Gravur „Fischer“. Was das bei einem deutschen Jazz-Trompeter auslöst, ist klar. Sind das die echten Mundstücke oder zumindest einige davon, die der legendäre Lead- und High Note-Trompeter Horst Fischer benutzte? Abgesehen von dessen Nachnamen fand sich kein weiterer Hinweis, auch nicht auf den Hersteller.

Brown probierte die Mundstücke natürlich sofort aus und kam direkt gut damit zurecht. Auch Sandoval blies durch einen der unlackierten Pötte und resümierte wenig erfreut: „It’s crap!“ Der lange Deutsche aber war fasziniert und konnte damit einen schönen Ton erzeugen. Kurzerhand wurde eines der historischen Stücke erworben – für einen Betrag irgendwo zwischen 60 und 70 Euro. Nachdem Sandovals Konzert erst am nächsten Tag stattfand, verbrachten die drei Trompeter noch den ganzen Tag miteinander und landeten am Ende da, wo man auch bei normalen Junggesellenabschieden landet – nämlich in der Kneipe. Dort trafen sie – ganz zufällig – auf Vlado Kumpan. Spätestens hier kann man sich fragen, ob dieser ganze Trip nicht doch von höherer Stelle orchestriert war oder die Geschehnisse schlicht erfunden sind.
Minimale Bohrung: Was das Horst-Fischer-Mundstück ausmacht
Auch nach der Rückkehr in den Berufsalltag als Trompeter blieb Benny Brown bei seinem neuen alten Fischer-Mundstück. Vor allem die gute Ausdauer, die es ihm bescherte, wusste der Hamburger zu schätzen. Natürlich folgte auch eine Analyse der Bauart. Zentrale Eigenheit ist ganz klar die extrem enge Bohrung von deutlich weniger als 3 mm. Wer Horst Fischer schon einmal hörte, kann daraus ableiten, dass die Folge einer so engen Seele kein schmaler Ton sein muss. Es kommt natürlich auch auf den Kessel und auf die Backbore an. Und auf den Menschen hinter dem Mundstück. Wahrscheinlich hätten andere Trompeter – wie Sandoval auch – dieses Mundstück sofort wieder weggelegt. Brown hingegen hat nicht nur Spaß am Experimentieren, sondern auch die Gabe, sehr präzise zu reflektieren, welcher Adaption es aufseiten des Spielers bedarf. Das ist hin und wieder notwendig, vor allem, wenn das Equipment in einem Extrembereich angesiedelt ist. Zur Verdeutlichung: Ein gewöhnliches Mundstück für Perinettrompeten hat eine Bohrung von 3,6 bis 3,7 mm. Zwar gibt es darüber angesiedelt extrem groß gebohrte Mundstücke wie die von Monette mit mehr als 4 mm. Aber auf der anderen Seite des Spektrums gibt es aktuell eigentlich nichts. Die 2,7 mm des alten Fischer markieren hier eine eigene Welt.

Die Neuauflage: die Galileo Benny Brown-Serie
Nachdem das alte Fischer also schnell zum Hauptmundstück von Benny Brown wurde, fürchtete der sich um den Verlust desgleichen und machte sich auf die Suche nach jemandem, der eine exakte Kopie anfertigen konnte – auch wenn ein Freund mittlerweile das in Prag verbliebene zweite Mundstück erworben hatte.

2024 fand er dann mit Egger bzw. Galileo in Basel den richtigen Partner für diese gar nicht so leichte Aufgabe. Natürlich hat man sich dort aber mit einem Replikat nicht zufrieden gegeben, sondern versucht, das neue Mundstück noch besser zu machen als die Vorlage. Nach einem guten Jahr war die Entwicklung abgeschlossen. Das Ergebnis sind zwei unterschiedliche Mundstücke:
- Das Benny Brown 91/2H ist die Ausführung, die dem alten Fischer am ähnlichsten ist und von Benny Brown persönlich auch meist genutzt wird. Der Innendurchmesser ist extrem klein (15,9 mm), ebenso der Kessel und die Bohrung – wenngleich mit 2,9 mm etwas größer als bei der historischen Basis. Hinzu kommt ein stattliches Gewicht von 132 Gramm (32% mehr als ein Yamaha Bobby Shew Lead) aufgrund der sehr bauchigen Form.
- Das Benny Brown 6GL ist als Allrounder gedacht und wird von Brown selbst für eher orchestrale Einsätze genutzt. Sein Kesseldurchmesser ist deutlich größer (16,6 mm), das Kesselvolumen ebenfalls und auch die Bohrung daran angepasst deutlich weiter (3,4 mm). Da die Komponenten gut zusammenspielen müssen, könnte man es als eine in allen Dimensionen größere, aber dem gleichen Konzept folgende Variante ansehen. „Wie das Fischer“, meint der Namensgeber, „man hat nur mehr Platz. Das macht es ideal für Klassiker, die mal lead spielen müssen.“ Mit 121 Gramm ist es zudem leichter und der Rand um rund einen Millimeter schmaler.

Beide Modelle gibt es entweder aus Messing (mit dem Namenszusatz „M“) oder aus Neusilber („N“), was wie ein Booster wirkt, also noch deutlich mehr zentriert. Zudem sind sie versilbert oder vergoldet erhältlich.
Die Eigenheiten des neuen Fischer-Mundstücks
Benny Brown selbst beschreibt sein Mundstück so: „Es hat einen eigenen Widerstand, weshalb man mit wenig Luft spielen muss. Es braucht einen guten Support, aber wenig Luft.“ Zudem sei für ihn der breite Rand sehr gemütlich, da er die Lippen zusammenhalte, und der Sound gleichbleibend von unten nach oben. „Es macht nirgends zu.“

Für den TrumpetScout war das etwas schwerer nachzuvollziehen, da der Innendurchmesser des 91/2H-Kessels gerade den Zacken zu klein war, um sich darauf voll wohlzufühlen und der Durchmesser des 6GL deutlich zu groß. Die Kesseltiefe war hingegen passend und auch die minimale Bohrung zeigte sich in keiner Weise restriktiv. Den „grenzenlosen Sound“ hingegen vereitelte wohl das nicht ganz ideale Maß, auch beim Rand. Der TrumpetScout bevorzugt auch etwas schmalere Ränder mit mehr Grip. Aber so ist das mit Mundstücken: Sie sind hochindividuell wie die Spieler.

Wichtig ist aber dennoch die bereits erwähnte Anpassung der Spielweise vor allem durch die enge Bohrung. „Dieses Mundstück darfst du nicht packen wie andere Lead-Mundstücke“, betont Brown. „Es ist extrem effizient und belohnt dich mit einem großen Sound, wenn du dich entspannst.“
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Eignung und Preis der Galileo Benny Brown-Mundstücke
Gerade für berufliche Vielspieler, die sich meistens in höheren Lagen bewegen, könnte dieses neu alte Mundstückkonzept Erleichterung bringen, sofern es für sie sofort passt oder sie gewillt sind, die Zeit aufzubringen, um zu lernen, mit diesem Mundstücktyp effizient spielen zu können. Dann sind auch die 225 Euro in Deutschland bei Musik Gilhaus für die versilberte Variante kein Grund, nicht zu diesem Exoten zu greifen, an dessen Kreation bei genauester Betrachtung wohl gleich mehrere ganz große Namen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, beteiligt waren: Florian Menzel, Benny Brown, Arturo Sandoval – und nicht zuletzt auch Horst Fischer.
