Die Auswirkung von Mundstück & Trompete auf die Lautstärke – gefühlt + gemessen

Welchen Unterschied machen Trompete und Mundstück, wenn es um das Thema Lautstärke geht? Der TrumpetScout setzt Messungen des Schalldruckpegels in Beziehung zum Equipment und der empfundenen Lautstärke. Hier gibt es die Ergebnisse!

Wichtiger Hinweis: Zu diesem Artikel gibt es einen Ergänzungs- bzw. Korrekturartikel!

Eine Spalte der TrumpetScout-Bewertungsskala führt Noten für „Volumen/Projektion“ eines jeden Testinstruments an. Stark vereinfacht geht es dabei um die Frage, wie viel Krach eine Trompete macht. Zugegebenermaßen stand hierbei bislang die Empfindung im Zentrum: Mithilfe von Referenzinstrumenten ermittelte ein Hörer, wie laut oder leise eine Trompete im Vergleich ist und wie sie den Ton trägt. Um nicht zu viele Bewertungskategorien zu haben, wurden hier also zwei Eigenschaften vermischt – der Lautstärkepegel und die Projektionsfähigkeit. Beides sind subjektive Größen, die aber vermutlich miteinander korrelieren: Projiziert eine Trompete ihren Ton gut, kommt dieser eher beim entfernt positionierten Hörer an und wird dort dann noch als laut wahrgenommen. Diese Wahrnehmung schlägt sich nieder im sogenannten Lautstärkepegel. Er ist ein psychoakustisches Vergleichsmaß, dass aus Tonhöhe (also der Frequenz) und Schalldruckpegel eine ‚empfundene Lautstärke‘ ableitet. Grob gesprochen werden tiefe Töne als leiser empfunden und brauchen mehr ‚Druck‘, bei extrem hohen Tönen ist genauso (man vergleiche dazu diese Abbildung). Einheit des Schalldruckpegels ist das Phon.

Subjektiv vs. Objektiv – Lautstärkepegel vs. Schalldruckpegel

Für Musiker und Publikum ist nur eines ausschlaggebend, und das ist die akustische Wahrnehmung. Um dennoch eine gewisse Objektivität in die Unterscheidung der Effekte zu bringen, die von verschiedenen Mundstücken und Trompeten erzeugt werden, hat der TrumpetScout nun einen Versuch durchgeführt, der nicht den Lautstärkepegel erhebt, sondern den Schalldruckpegel misst. Mit ihm lässt sich ganz sachlich die Stärke eines Schallereignisses bestimmen. Einheit sind die allseits bekannten Dezibel.

Gemessen wurde in einem trockenen Raum (also mit geringem Hall), der für ein Blasorchester dimensioniert ist. Zwischen Schallbecher und Messgerät lag dabei eine Distanz von sechs Metern. Da überprüft werden sollte, welches Mundstück bzw. welche Trompete in welcher Lage besonders gut funktioniert und wie sich die Tonfrequenz auf das Empfinden der Lautstärke ausübt, wurden Töne aus verschiedenen Registern gespielt. Startton war das kleine G, Endton das G3.

Selmer Radial 75, Flip Oakes Celebration & 3 verschiedene Mundstücke

Zum Einsatz kamen zwei verschiedene Trompeten: eine Flip Oakes Celebration, die sich durch geringes Gewicht (1.029 Gramm) und einen weiten Becher aus dünnen Blech auszeichnet, sowie eine Selmer Radial 75, die mit 1.152 Gramm deutlich schwerer, eng gewunden sowie aus dickerem Blech gefertigt ist und über einen sehr eng verlaufenden Becher verfügt. Die Klang- und Spielcharaktere der beiden Modelle liegen gemäß ihrer Bauweise weit auseinander. Die Selmer bietet viel Widerstand und einen klaren, kernigen Ton, die Flip Oakes hingegen ist sehr offen, leicht ansprechend und geht tonlich in die Breite.

Gepaart wurden diese beiden Trompeten jeweils mit drei Mundstücken: dem für Trompete adaptierten Flügelhornmundstück von JK, dem universellen Yamaha 11B4 und dem Bob Reeves 40ES69 mit klaren Vorteilen für das oberste Register.

Die Ergebnisse der 6 Kombinationen

Es muss vorausgeschickt werden, dass die Mess-App auf dem Smartphone keine Zehntel-Dezibel (also Zentibel) anzeigt. Dadurch war keine äußerst feine Differenzierung möglich. Weiterer Faktor für Bewertungsunschärfen ist prinzipiell der Spieler selbst. Dessen Inkonsistenz dürfte jedoch gerade in dem Schwankungsbereich liegen, den das Messgerät sowieso mangels feiner Differenzierung glättet.

Der TrumpetScout versuchte, während der Testreihe stets ans Limit zu gehen. Da die erhobenen Werte dabei mehrfach reproduziert werden konnte, sind Abweichungen, die man der Komponente Mensch zuschreiben muss (mit einer Ausnahme, auf die gleich eingegangen wird), unwahrscheinlich. Aber nun zu den Ergebnissen:

 


Zunächst einmal kann beobachtet werden, dass zwischen den Maximalwerten 83 und 89 Dezibel lediglich sechs Dezibel liegen. Bedenkt man aber, dass bei einer Steigerung des (Achtung!) Lautstärkepegels von 10 Phon (und bei einer Frequenz von 1.000 Hz – das entspricht etwa dem D3 – sind Phon und Dezibel gleichzusetzen), die Lautstärke als doppelt so groß wahrgenommen wird, sind 6 dB doch eine ganze Menge.

Auswirkung der Tonhöhe

Widmen wir uns nun den Werten einer einzelnen Spalte. Je weiter es nach unten geht, desto höher wird die Frequenz. Was passiert dabei mit dem Schalldruckpegel? Bis auf eine Ausnahme fällt in allen sechs Messreihen der Wert beim Sprung auf das C1 ab, um danach wieder auf den Wert zuvor zu klettern und dort fast bis ans Ende der Tonreihe zu bleiben. Wie kommt dieser Knick zustande? Der TrumpetScout bemerkte bereits beim Spielen, dass es mit dem C1 einfach durchweg Probleme gab. Die Lippen schwangen nicht frei und nach einem vollen Beginn verkümmerte der Ton. Dies ist wohl ein individuelles Problem und (leider) seit längerer Zeit zu beobachten. Am schlimmsten trat es in Verbindung mit dem tiefen Velvet-Mundstück und der Selmer-Trompete auf. Ansonsten wäre der Tiefstwert dieser Messreihe wohl um einen Punkt höher. Mess- wir auch spürbar am besten funktionierte hier das Reeves mit der Französin.

 

Im Grunde exemplarisch: Das tiefe Mundstück funktioniert im tiefen Bereich besser, das flache im hohen bzw. höchsten.

 

Gemäß der jahrzehntelangen Erfahrung weiß der TrumpetScout, dass ein tieferes Mundstück das Spielen im oberen Register erschwert (siehe Artikel zum Thema Kesseltiefe). Die Messergebnisse zeigen aber auch die Tendenz, dass ein tieferes Mundstück auch zu einem geringeren Schalldruckpegel führt. Das Velvet brach am G3 richtiggehend ein (wenngleich Spieler mit beispielsweise fleischigeren Lippen gerade mit einem tieferen Kessel möglicherweise besser zurechtkommen), aber auch das Yamaha mit mitteltiefem Kessel gab teilweise leicht nach, wenn auch erstaunlich wenig. Wenn es die Tabelle auch nicht zeigt: Das Bob Reeves flackerte zwischen 88 und 89 Dezibel und verbuchte so den alleinigen Spitzenwert. Es wurde als einziges Mundstück mit zunehmender Höhe quasi immer ‚lauter‘.

 

Das Diagramm zeigt Isophone: Jeder Ton auf ein und derselben Linie wird gleich laut empfunden – bei unterschiedlichem Schalldruckpegel. Türkis markiert ist der Frequenzbereich der Trompete.

 

An dieser Stelle muss auf das Frequenzband der Trompete und die empfundene Lautstärke des Instruments eingegangen werden. Der gemeine Tonumfang erstreckt sich zwischen kleinem Fis und G3. Das entspricht einem Frequenzbereich zwischen rund 165 und 1.400 Hz. Gemäß dem Diagramm oben reicht in diesem Bereich ein relativ geringer Schalldruckpegel aus, um einen hohen Lautstärkepegel zu erzeugen. Tiefere Instrumente haben es deutlich schwerer (und müssen daher schnell verstärkt werden). Lediglich Piccolo-Flöten, Trillerpfeifen oder echte Sandoval-Kaliber haben es noch leichter, sich Gehör zu verschaffen. Was aber Flöten oder Geigen von Trompeten unterscheidet, ist deren niedrigerer Schalldruck. Beim kleinen Blech ist der hoch – plus: Es stimmt der Frequenzbereich. Bei der Trompete sind also alle Zutaten für einen hohen Lautstärkepegel gegeben.

Welchen Unterschied macht das Mundstück?

Am besten fühlte sich das tiefste Register auf dem tiefen Flügelhornmundstück an. Es gibt hier den geringsten Widerstand und der Rand fixiert die Lippen im weitesten Abstand. Der langsame Wechsel zwischen Verschluss und Öffnung scheint dadurch am besten ablaufen zu können. Der Klang bestätigte das Spielgefühl, in der subjektiven Lautstärke war das Velvet alleinig an der Spitzenposition – gefolgt vom Yamaha und noch einmal deutlich dahinter vom Reeves – und auch beim Schalldruckpegel weist es den Spitzenwert im Vergleich auf.

Im gesamten Mittelfeld zwischen G1 und C3 hingegen ist die Tabelle sehr ausgewogen: Beinahe alle Kombinationen erzielen einen Wert von 88 dB. Ausreißer sind einmal das 11B4 beim G1 sowie – und das könnte man als kleine Sensation betrachten – das Velvet ausgerechnet beim C3, und das auch noch in Verbindung mit der weiten Flip Oakes-Trompete. Handelt es sich dabei um Messfehler oder um einen kurzzeitigen spielerischen Overboost? Beides lässt sich nicht ausschließen. Als gesichert dürfte lediglich gelten, dass es beim Schalldruckpegel in der Mittellage keine nennenswerten Unterschiede zwischen Instrumenten und Mundstücken gibt.

Wie bereits angesprochen, gibt es im oberen und obersten Register definitiv nicht nur hörbare, sondern auch messbare Unterschiede zwischen den Mundstücken. Da es schlicht auch sehr schwer ist, auf einem Mundstück mit sehr geringem Gegendruck hohe Töne zu produzieren, wurde eventuell auch die Spieltechnik in Mitleidenschaft gezogen. Ein G3 auf einem Flügelhornmundstück verlangt mehr Spannung im System aus Lippen, Gesichtsmuskulatur und Zunge. Ob darin auch die leichten Messunterschiede zwischen dem Universalmundstück von Yamaha und dem Lead-Modell von Bob Reeves begründet liegen? Das flache Mundstück mit der engeren Backbore spielt sich auf jeden Fall leichter in der Höhe und klingt auch deutlich aggressiver. Ein anderer Obertonanteil könnte zumindest den Eindruck von mehr Durchsetzungsvermögen bewirken. Einen Einfluss der Frequenzen auf den Schalldruckpegel kann man jedoch ausschließen. Denkbar wäre allerdings, dass eine Art Düsenkonstruktion – ähnlich wie bei einem Gartenschlauch – den Schalldruck (bei gleicher Luftmenge!) tatsächlich leicht erhöht.

Laute und leise Trompeten – nur ein Mythos?

Nun aber zu den Trompeten selbst. Gibt es sie wirklich, die Trompete, die lauter ist als andere oder ist das lange Blechrohr mit Trichterende nur die weit abgeschlagene Nummer 3 der systemischen Trias hinter Bläser und Mundstück? Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Tabelle mit den Werten des Schalldruckpegels:

 

Alle Werte ohne farbliche Unterlegung weisen bei gleichem Mundstück und Ton die identische Dezibel-Zahl auf. Hier gab es im Test also keine (messbaren) Unterschiede. Ein Wert auf grünem Grund indiziert einen höheren Schalldruckpegel, ein Wert auf rotem Grund den dazugehörigen niedrigeren Pegel bei der jeweils anderen Trompete.

Die nüchterne Interpretation der Messung

Zwei Dinge fallen dabei zunächst auf: Die Flip Oakes ist in 5 von 7 Differenzfällen ‚lauter‘ als die Selmer. Die Abweichung beträgt in jedem der 7 Differenzfälle ein Dezibel.

Die Schalldruckpegelmessassistentin und ihr Gehörschutz

Weiter lässt sich festhalten: Bei insgesamt 21 Szenarien gibt es 7 Abweichungen zwischen den Trompeten. Das entspricht immerhin 33%.  In rund 24% der Vergleichsszenarien und sogar 71% der Differenzfälle war allerdings die Flip Oakes lauter, was gegen eine zufällige Verteilung der Differenzen und damit spielerische Inkonsistenzen spricht. Ist die Flip Oakes also definitiv die lautere Trompete?

Gleich und doch nicht gleich – die gefühlte Lautstärke

Um das Bild der nackten Zahlen richtig einzubetten und einen umfassenden Eindruck vom Einfluss des Equipments zu erhalten, muss ein Musikinstruments natürlich auch einfach gehört werden. Die geübte TS-Testhörerin protokollierte folgende subjektive Wahrnehmungen:

  • Die Selmer Radial klingt in Kombination mit dem Reeves-Mundstück auf dem G1 bei gleicher dB-Zahl viel lauter als die Flip Oakes.
  • Auf dem G2 hingegen klingt die Flip Oakes bei gleicher dB-Zahl lauter als die Selmer (wiederum in Verbindung mit dem Lead-Mundstück).
  • Im höheren Register klingt die Flip Oakes bei der Verwendung des Lead-Mundstücks stets lauter als die Selmer.
  • Auf dem G2 klingt das Bob Reeves bei gleicher dB-Zahl und auf derselben Trompete aber lauter als das Yamaha.

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Diese Hörvergleiche ließen sich sehr lange fortsetzen. Das Ergebnis aber wäre wohl im Kern immer ein und dasselbe: Der Zuhörer nimmt Unterschiede in der Lautstärke wahr. Die durch die Messergebnisse aufgezeigte Tendenz, dass ein tiefes Mundstück im tiefen Bereich und ein flaches Mundstück im oberen Register (qua höheren Schalldruckpegel) zu einem höheren Lautstärkepegel führt, hat sich subjektiv nicht nur bestätigt, sondern wurde vom Höreindruck sogar überflügelt. Trotz eines nur geringen oder gar nicht messbaren Unterschieds bei der dB-Zahl, wurde teilweise ein deutlicher Unterschied wahrgenommen. Einen Widerspruch (lauter gemessen, leiser gehört et vice versa) gab es nie.

Hierbei kann auch und gerade die Trompete zu einer großen Veränderung bei der Bewertung der Lautstärke führen.

Conclusio

Der über Jahre gewonnene Eindruck, dass flache Mundstücke (sofern sie zur Anatomie des Spielers passen) in der Höhe nicht nur besser funktionieren als tiefe, sondern auch lauter klingen, konnte bestätigt werden. Der Vorteil von tiefen Kesseln in der Tiefe in Bezug auf die Lautstärke wurde ebenfalls durch Messergebnisse belegt.

Der Test war anstrengend. Danach brummte der Schädel.

Der Unterschied zwischen den Trompeten fiel gemessen an den dB-Werten eher gering aus, dürfte aber doch vorhanden sein. Zwar ist ein nicht konstanter Faktor im Testprozess der Spieler, die Verteilung der Abweichung spricht aber doch für einen Effekt des Instruments.

Gefühlt sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Trompeten aber sehr groß. Eindeutige Vorteile bei der Lautstärke für eine enge und schwere Trompete durch bessere Projektionseigenschaften durch die gesamte Range konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.