Er ist unstreitbar einer der besten und einflussreichsten Trompeter unserer Zeit. Aber wie genau wurde James Morrison zu diesem zurecht weltbekannten Musiker, der er seit vielen Jahren ist? Der TrumpetScout hat bei ihm nachgefragt.
Lange hat es gedauert, bis der TrumpetScout den australischen Trompeter und Jazz-Superstar James Morrison interviewen konnte. Im Rahmen einer Konzertreihe mit den beiden anderen Trompetenheroen Thomas Gansch und Randy Brecker war es im November 2025 endlich soweit. Ziel der Fragen: etwas über Morrisons frühe Jahre in Erfahrung zu bringen. Doch die Ausbeute war viel reicher. Die Erkenntnisse daraus haben den Blick des Interviewers auf das Erlernen eines Instruments nachhaltig verändert – und zugleich die Richtigkeit des eigenen Zugangs bestätigt.

James Morrison wurde 1962 in der kleinen Stadt Boorowa im australischen Hinterland geboren. Blechblasinstrumente gab es dort weit und breit keine. Das einzige Musikinstrument überhaupt war die Orgel in der Kirche. Als er sieben Jahre alt wurde, zog die Familie nach Sydney und James wechselte auf eine Schule, an der es eine Brass Band gab. Dabei verliebte er sich sofort in die Posaune. Anders als wir es in Deutschland, Österreich und vielleicht ganz Europa kennen, folgte der Entscheidung, ein Instrument zu erlernen, aber kein Individualunterricht. Stattdessen setzte sich der kleine James einfach in die Gesamtproben. Der Bandleader war Klarinettist und so gab es nur die minimale Anweisung, „ins Horn spucken und nicht aufhören zu blasen“. Über den einzelnen Noten wurden einfach Griffe respektive Züge vermerkt. Wie sie hießen, wusste zunächst niemand. Auch die Notenlängen wurden nicht erklärt. „Man könnte glauben, das ist eine schlechte Methode, um Kindern das Notenlesen beizubringen.“ Und tatsächlich kann man sich fragen, wie man so als Ensemble miteinander musizieren kann. Die Erklärung ist so simpel wie wirkungsvoll.
James Morrisons Kindheit: Reverse Learning
Ausgestattet mit Instrumenten und Notenmaterial lauschten die Kinder zunächst einmal Aufnahmen der Stücke, die es zu spielen galt. Im Gesamtklang musste dabei der eigene Part herausgehört und in Einklang mit dem Notenbild gebracht werden. Die Kinder lernten also nicht zuerst, ein Notensystem in Griffe und Notenbezeichnungen und dann in Töne zu übersetzen, sondern hörten die umgesetzte Musik, brachten diese mit einer Notation in Verbindung und versuchten, sie nachzuspielen. Aus einer europäischen musikpädagogischen Warte könnte man das mit ‚reverse learning‘ bezeichnen. Doch die Frage drängt sich auf, ob dieser Weg nicht eher der natürliche ist und unsere Tradition eine Verkehrung davon pflegt.

Morrison zeigt Vorteile dieses Lernwegs auf: Ohne Töne oder Intervalle wirklich benennen zu können, versucht man einfach, wie auf der Aufnahme zu klingen. Der TrumpetScout sieht darin einen enormen Benefit, von dem schon viele andere Trompeter in ihren Biografien berichteten, die wenig nach Noten spielten – und das ist die geringe Angst vor der höheren Lage. Diese manifestiert sich zu Teilen sicher auch durch das Notenbild und selbsterfüllende Prophezeiungen von Lehrerseite wie „Diese Töne sind jetzt am Anfang noch zu hoch.“ Viel besser ist es dagegen, einfach den Ton zu greifen und dann die Achse aus Ohr und Lippen den Rest erledigen zu lassen.
Zudem lernten die Kinder sofort, so Morrison, das große Ganze mitzubekommen, um das es in der Musik immer gehen sollte. Das ist der Klang des Ensembles, die Harmonien und die Wirkung des ganzen Stückes. Üblicherweise konzentriert man sich anfangs nur auf seine Töne und bekommt oft die ersten Jahre gar nicht mit, dass Musik buchstäblich Zusammenspiel bedeutet.
Der TrumpetScout sieht hier noch mehr auf der Habenseite: Wer früh nach Gehör spielt, klebt später nicht an den Noten, sondern interpretiert Musik stilgerecht – denn beileibe nicht alles lässt sich erschöpfend in ein Notenbild packen. Leider lassen sich die Folgen konventioneller Ausbildung oft ein Leben lang erkennen: Viele Musiker können einen Popsong aus dem Radio sehr gut nachsingen. Aber wenn sie die gleiche Nummer in der Blaskapelle auf ihrem Instrument interpretieren sollen, dominiert der ganz früh manifestierte arithmetische Umsetzungsmodus – und alles klingt hölzern.
The Imitation Game – ein universeller Weg?
Einen großen theoretischen Überbau schreibt James Morrison seiner frühen musikalischen Erziehung nicht zu. „Unser Lehrer sagte nur, dass er uns nicht alles im Detail beibringen werde. Nehmt die Noten und Instrumente und spielt mit.“ Genau dieser dem Zufall geschuldeten Lernbedingung – ein System kann man es ohne Absicht kaum nennen – ist der Australier heute extrem dankbar: „Es war fabelhaft, keinen echten Trompeten- oder Posaunenlehrer gehabt zu haben, denn ich kann für mich sagen, dass ich selbst am besten weiß, wie ich lerne.“ Heute, mit mehr als 60 Jahren Lebenserfahrung auf dem Buckel, kann er das noch besser auf den Punkt bringen: „Ich weiß, dass ich am schnellsten lerne, wenn man mir nicht sagt, wie ich etwas zu tun habe.“ Für ihn sei Imitation der einzige wahre Weg. „Ich schaue jemandem zu, wie er oder sie etwas macht, entwickle dann ein Gefühl dafür und dann läuft es irgendwann.“ Und das sei beileibe nicht nur bei der Musik so.

Morrison unterstreicht dabei mehrfach, dass die Menschen unterschiedlich seien und deshalb jeder den persönlich besten Weg zur Aneignung neuer Fähigkeiten gehen sollte. Dennoch glaubt er an das fundamentale Prinzip des Lernens durch Nachahmung: „Wenn ich dir zeigen wollte, wie du etwas tun solltest, würde ich es dir einfach vormachen, anstatt es dir zu erklären. Das beste Beispiel ist das Erlernen von Sprache [Anm.: Er meint das Formen von Lauten beim Erstspracherwerb.]: Niemandem auf der Welt wurde erklärt, wie man spricht. Babys versuchen das nachzuahmen, was sie hören, bemerken Unterschiede [also machen dabei Fehler] und werden durch Anpassung immer besser. Das ist vollkommen natürlich. Es bringt auch niemand einem kleinen Kind das Gehen bei. Es sieht andere Menschen gehen und probiert es auch. Würde man es erklären, würde genau das Probleme hervorrufen. Und würde ein Baby andere Menschen nicht gehen sehen, würde es selbst nicht auf die Idee kommen, zu stehen und einen Fuß vor den anderen zu setzen.“
Morrisons Analogie zum Erstspracherwerb bezieht sich stark auf den phonetischen bzw. artikulatorischen Aspekt sowie eine direkte Verknüpfung zwischen Wort und Bedeutung. Man kann und muss Kleinkindern nicht erklären, wo die Zunge für einen bestimmten Laut liegen muss. Und wenn ein Bagger zu sehen ist, wird der Begriff ‚Bagger‘ damit ganz automatisch assoziiert, wenn er immer dann zu hören ist.
Diese Stelle im Gespräch war für den TrumpetScout ein echter Heureka-Moment. Natürlich lernen wir durch Imitation am besten. Das ist Teil unseres Programms und unserer neuronalen Konzeption. Beobachten, nachahmen, Fehler machen, nachjustieren, besser werden. Wir sind eine NI, eine natürliche Intelligenz, die mit expliziten extern aufgestellten Regeln weniger gut umzugehen weiß als mit unausgesprochenen und selbstgenerierten, die wir aus Übung ableiten. Das hängt auch mit dem zusammen, was Marc Osterer in seinem Interview zum Thema Video als das bessere Medium erzählte: Wir Menschen sind eher visuell geprägt und haben eine natürliche Präferenz für Bilder. Die lässt sich damit erklären, dass wir Bilder nicht oder nur mit geringem Aufwand entschlüsseln müssen. Verbale Sprache hingegen bedarf einer Dekodierung, und dieser Prozess ist schlicht aufwändiger. Darum sind Gebrauchsanweisungen oft auch bebildert. Weil Schriftsprache aber bis weit ins 20. Jahrhundert der einzige Weg war, viel Information bei geringer Datenmenge zu speichern, feierte sie seit dem Buchdruck einen gewaltigen Siegeszug. Heute spielt Datenmenge jedoch keine Rolle mehr und Bebilderung sowie Videoproduktion sind so billig wie nie. Das erklärt den Rückgang des Mediums Buchs und den explosionsartigen Raumgewinn der Bildmedien. Dass wir heute weltweit eine so breite Fülle an extrem guten Musiker:innen haben, ist in den Augen des TrumpetScout auch diesem Umstand zu verdanken. Wir alle können überall und jederzeit praktisch grenzenlos gute Vorbilder beobachten, von ihnen lernen, dadurch besser werden und auch im Kollektiv die Grenzen verschieben.
Die Erklärung steht dem Fortschritt im Weg
Mit der auf Imitation basierenden Lehre stößt James Morrison uns alle naturgemäß vor den Kopf. Der TrumpetScout dachte lange Zeit, dass das große Manko seines langjährigen Trompetenlehrers gerade darin bestand, dass er keinem seiner Schüler erklären konnte, wie man so fantastisch spielte wie er. Der Vorteil des leuchtenden Vorbilds und des damit einhergehenden Eifers bei den Epigonen in der Schülerschar war dennoch unstrittig vorhanden. So weit, so gut. Doch leider war er darüber hinaus nicht still: Er erklärte das meiste einfach falsch.
Das gibt Morrisons These recht. Er glaubt, dass er heute so spiele wie er es tut, eben weil sich nie ein Lehrer in den Lernprozess eingemischt hat. „Eine Lehrperson kann Dinge sogar verlangsamen, wenn sie versucht zu erklären, wie etwas funktioniert, anstatt es einfach vorzumachen. Ich würde es so halten: Du spielst, dann spiele es noch einmal. Hörst du den Unterschied?“ Das klingt sehr einfach, um nicht zu sagen surreal oder naiv.

Der mittlerweile 63-Jährige Australier sieht das anders: „Die Leute sagen oft: ‚Du bist sehr talentiert, dir wurde das in die Wiege gelegt, du warst von Anfang an ein großartiger Spieler.‘ Ich glaube, das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit der Art, wie ich gelernt habe.“ Und sein Plädoyer für dieses – nennen wir es ruhig so – natürliche Lernen spitzt er noch weiter zu, nicht ohne auf die nötige Ironie zu verzichten: „Ich sehe es eher umgekehrt: Manche cleveren Menschen sind so talentiert, dass man ihnen erklären kann, wie etwas geht – und sie können es trotzdem umsetzen.“ Intellektuelles Verständnis repräsentiert für Morrison eine höhere Ebene. „Heute weiß ich, wie man Trompete spielt. Aber ich würde es niemals jemandem erklären.“
„Niemand weiß wirklich, wie man Trompete spielt.“
Wie geht Morrison dann aber mit konkreten Problemen von Schülern um? Er bringt ein Beispiel aus dem Sport: Ein Tennisspieler moniert bei sich selbst eine falsche Handgelenksstellung, falsche Ausholbewegung, falsche Beinarbeit etc. Er zeigt also eine Hyperfokussiertheit auf Teilaspekte. Die gute Trainerin gibt dann den einfachen Rat, den Ball im Auge zu behalten. Das wirkt fast albern, ist es doch eine Selbstverständlichkeit, dem Ball mit den Augen zu folgen. Dennoch kann die Anweisung ihren Zweck erfüllen. „Das erklärt dir nicht, was du zu tun hast, aber es gibt dir einen anderen Fokus, damit du nicht mehr über die vermeintlichen Probleme nachdenkst. Alles weitere passiert nicht bewusst.“ Denn eigentlich wisse niemand wirklich, wie man Trompete spielt, so Morrison. „Du spielst ein A2. Dafür sind eine bestimmte Luftgeschwindigkeit und Lippenspannung vonnöten. Niemand auf der Welt kann dir sagen, wie genau du das machst. Wir spielen einfach. Aber der unbewusste Teil unserer Körpersteuerung weiß, was zu tun ist, denn wir müssen präzise sein. Wenn du nur minimal von der richtigen Luftführung oder Lippenspannung abweichst, kommt vorne ein G raus – oder gar kein Ton.“
Das Thema ist für den etablierten Weltklassebläser aber nicht nur in der Erinnerung präsent. Aktuell, meint er, habe er Probleme mit seiner Artikulation. Das liege daran, dass er bewusst über seine Zunge nachdenke. „Der Weg, dieses Problem zu lösen, ist, nicht über die Zunge zu sprechen. Die Frage muss immer lauten: ‚Ist das der Klang, den ich will?‘ Es ist wie beim Sprechen auch: Wir stellen uns vor, wie wir klingen wollen, und ohne es bewusst zu merken, nehmen wir dann automatisch Anpassungen vor.“
Improvisieren lernen
Wenn man ein Instrument am besten erlernt, indem man es einfach spielt, dann trifft das auf Improvisation natürlich noch viel mehr zu. Soweit ist also mit keiner Überraschung zu rechnen, wenn man Morrison nach der Notwendigkeit eines theoretischen Wissen zu Skalen befragt, die vor allem Jazzstudenten allerorten beschäftigen. „Wissen ist immer gut. Aber es hilft meist erst später. Am Anfang, wenn du die Grundlagen erlernen willst, steht dir Wissen eher im Wege. Du erklärst keinem Kind, das gerade sprechen lernt, was Verben und Nomen sind und wie man richtig konjugiert. Du unterbrichst es nicht, wenn es Fehler macht. Du erklärst auch nicht, wie man ‚Mama‘ richtig ausspricht. Du lächelst, redest einfach weiter und lässt das Kind weiter deine Wörter nachplappern.“

Im Zusammenhang mit dem Fokus auf das große Ganze bringt er hier das Bild des Gehens noch einmal aufs Tapet. „Kein Baby möchte um des Gehens willen gehen. Es schaut in den Raum und möchte irgendwo anders hin. Dann findet es plötzlich einen Weg, die Schritte zu machen.“ Etwas weniger bildhaft: Man sollte sich weniger mit dem Wie beschäftigen und deutlich mehr mit dem Was. In der Musik. Und im Leben.
Nichts Besonderes – James Morrisons Weg zum Multiinstrumentalisten
In direktem Zusammenhang mit Morrisons Learning-by-Doing-Instrumentalunterricht steht auch seine herausragende Eigenschaft, unterschiedlichste Instrumente auf absolutem Expertenniveau zu beherrschen. Auch sie rührt aus seiner Schulzeit. „In unserer Instrumentenkammer lagerten um die 50 Instrumente. Wir waren aber nur 35 Schüler. Also blieb einiges übrig.“ Deshalb fragte der kleine James immer wieder, ob er sich etwas Neues mit nach Hause nehmen dürfe. So probierte er neben Trompete und Posaune Euphonium, Tuba, Es-Kornett und in der High School dann auch das Saxofon aus. Und weil er Erroll Garner und Oscar Peterson gerne hörte, wollte er natürlich auch Klavier spielen. „Glücklicherweise war niemand da, der mir sagte, dass das so nicht geht.“ Dieser Umstand machte es Morrison nach eigener Aussage leicht, mehrere Instrumente zu erlernen. Zudem habe er „einfach zugehört, mir bei den älteren viel abgeschaut und dann versucht, so wie sie zu klingen.“ Natürlich darf man eine gewisse Begabung hier nicht völlig außen vorlassen. Morrisons Talent ist offenbar ein gigantisches Interesse an Musik und Klängen gepaart mit einer zweifelsfrei enorm guten Auffassungsgabe bzw. hohen Umsetzungsgeschwindigkeit.

An dieser Stelle schildert Morrison ein einschneidendes Erlebnis. Als er ungefähr neun Jahre alt war, nahm er eine Stunde bei einem berühmten amerikanischen Trompeter, der wegen eines Engagements gerade in der Stadt war. Zum Unterricht nahm der kleine James gleich vier Instrumente mit. Der Amerikaner fragte, was er mit dem ganzen Blech vorhabe und versuchte ihm dann deutlich klarzumachen, dass er nur Trompete spielen dürfe, wenn er ein guter Trompeter werden wolle. Was für eine Fehleinschätzung im Angesicht von Morrisons Weltkarriere als Multiinstrumentalist! Aber das wahrhaft Zauberhafte an dieser Geschichte ist nicht die Ironie des Schicksals, sondern das unerschütterliche Urteilsvermögen dieses Kindes. Denn noch im Moment als Morrison vor diesem Großmeister stand und sich mit dieser wohl für die meisten niederschmetternden Aussage konfrontiert sah, dachte er sich: „Wie enttäuschend! Ich war sicher, er wüsste es besser.“ Zweifel? Nicht einmal im Ansatz.
Eine glasklare Vision der eigenen Zukunft
Woher kommt diese Selbstsicherheit? „Als ich sieben Jahre alt war, fragte mich meine Mutter, was ich später im Leben einmal machen will. Meine Antwort lautete nicht Feuerwehrmann oder Astronaut, sondern Musiker: ‚Ich werde um die Welt reisen und für Leute Musik machen.‘ Als ich das sagte, war das aber kein Wunsch, keine Hoffnung. Es war eine Vision der Zukunft. Ich konnte es sehen, konnte es hören. Die Frage war für mich also niemals, wohin die Reise geht, sondern nur, wie ich ans Ziel komme.“ Diese glasklare Vision begleitete Morrison seitdem durch sein ganzes Leben und stärkte ihm immer den Rücken, sobald sich Dinge in den Weg stellten. „Ich habe niemals gezweifelt, egal was passierte. Als mir der Trompeter sagte, ich könne nicht mehrere Instrumente spielen, dachte ich sofort: ‚Das stimmt nicht, denn ich habe die Zukunft einfach schon gesehen.‘“

Dabei geht es Morrison nicht um die Musik allein und noch weniger um das Instrument. Es ist die Wirkung, die seine und im Prinzip jede gelungene Bühnenperformance entfaltet. „Gestern Abend, als wir das Konzert gaben, war da diese Energie im Raum. Und ich habe immer gefühlt, dass es genau das ist, was ich will.“ Und wer schon einmal in den Genuss von James Morrison auf der Bühne kam, weiß, mit welch spielerischer Souveränität dieser verschmitzte und immer lächelnde Kerl sein Publikum strahlen macht. Egal ob mit seinen Worten oder seinen Instrumenten. Dann zitiert er ein eigenes Sprichwort. „Bei der Musik geht es nicht ums Spielen. Es geht ums Hören.“ Das Spielen sei im Grunde nur Mittel zum Zweck. Morrison sogar der Meinung, dass man gar nicht musizieren müsste, wenn es nur Musiker auf der Welt gäbe, da jene die Musik ohnehin im Kopf haben. „Spielen müssen wir nur, damit jeder die Musik hören kann!“
James Morrison: Autodidakt auch beim Schreiben
Als der junge James Morrison an die High School wechselte – in Australien ist man dann 12, 13 Jahre alt – gründete er alsbald eine Big Band. Noten gab es keine, deshalb versuchte er sich auch gleich mit dem Schreiben bzw. Arrangieren von Stücken. „Ich bin sicher, dass die ersten Nummern schrecklich waren. Aber das habe ich natürlich gemerkt und daraus gelernt.“ Schon bald war der Abgleich mit der spielerischen Umsetzung nicht mehr notwendig. Die Musik entstand in Morrisons Kopf und er wusste, wie er die Dinge aufzuschreiben habe. „Der einzige Zweck der Notation besteht darin, meine Musik an die Spieler weitergeben zu können.“ So verbindet Morrison heute eine mittlerweile über 50 Jahre dauernde und tiefgehend Liaison mit der Big Band. In einem Alter, in dem andere Kinder vielleicht ein neues Lego Technic-Projekt starten oder – heute wahrscheinlicher – damit beginnen, sich auf virtuellen Kriegsschauplätzen herumzutreiben, gründete Morrison nicht nur eine Big Band und spielte als Musiker quasi die erste Geige, sondern leitete das Ensemble auch und lieferte die Literatur.
Als Kind am Konservatorium und in der Profiszene
Mit Alter von 13 Jahren (!) begann er zudem, abends in Nachtclubs zu spielen. Morrison kam in Kontakt mit Profibands, wurde Teil der Musikszene in Sydney. Er sammelte also bereits als Kind so viel Erfahrung wie manche Musiker nicht als Erwachsene: Durch quasi die gesamten Teenagerzeit spielte er regelmäßig vier Gigs pro Woche, leitete Bands und schrieb Musik.

Eigentlich nur verständlich, dass dabei wenig gedankliche Kapazität und Lust für die Schule blieben. „Die Schule hat mich nur genervt. Sie hat mir nicht gepasst, für mich war alles daran falsch.“ Denn zum einen wollte er nur Musik schreiben. Zum anderen war ihm die Art des erklärenden Frontalunterrichts – wie auch in der Musik – einfach zuwider. „Wenn ich etwas zu Geografie hätte wissen wollen, hätte ich mir das entsprechende Buch besorgt und in Ruhe irgendwo draußen gelesen. Aber im Klassenzimmer zu sitzen und dem Lehrer zuzuhören – das konnte ich nicht.“ Deshalb schwänzte er die meisten Stunden, was ihm ordentlich Ärger einbrachte. Doch statt wie die Kumpels an den Strand zu gehen, suchte er sich ein leeres Zimmer, schrieb seine Stücke oder setzte sich in der Schulaula ans Klavier, um dort zu spielen. Das Ende vom Lied: Mit 15 Jahren verließ er die High School vorzeitig.
Dennoch wollte er das Sydney Conservatorium of Music besuchen, da es dort einen Jazz-Studiengang gab und demzufolge auch gute Leute, von denen er lernen konnte. So spielte Morrison vor und wurde aufgenommen. Dabei fragte ihn niemand, wie alt er sei und ob er die High School erfolgreich absolviert habe. „Ich sah älter aus und verhielt mich aufgrund meines Lebenswandels auch erwachsener,“ erklärt Morrison sich das im Nachhinein. Im zweiten Jahr am College jedoch fiel einem Lehrer bei der Durchsicht von Unterlagen auf, dass dieser Student erst 16 war. Ein Alter, indem man normalerweise noch nicht mit der High School fertig sein konnte – und das war die Bedingung für das Musikstudium. Wie Morrison erst später erfuhr, besprachen sich die Kollegen und fürchteten negative Presse, wenn sie den jungen Mann aus formalen Gründen hinausschmeißen würden. Sie hielten deshalb einfach die Füße still und ließen Morrison das Studium abschließen – mit 19 Jahren. Also in dem Alter, in dem er eigentlich erst den High School-Abschluss in Händen halten sollte. „Ironischerweise bot man mir dann gleich einen Job als Lehrer an“, kommentiert Morrison sein verfrühtes Examen. „Doch ich ging lieber auf Tour. Der Rest ist Geschichte.“
So war James Morrisons Unterricht am College
Natürlich war Morrison auch am College weniger an theoretischem Unterricht interessiert. Er jammte lieber und genoss es, mit so vielen Musikern und jetzt auch dezidiert Jazzmusikern spielen zu können. In den verschiedenen Ensembles durfte er sein Instrument frei wählen, doch auf ein Hauptinstrument musste er sich festlegen. Folge war, dass er Trompetenunterricht erhielt, und zwar beim US-amerikanischen Leadtrompeter Dick Montz, der bei den Airmen of Note und in Las Vegas Shows spielte, ehe er in den 70er Jahren nach Australien kam. „Er war ein großartiger Trompeter und sehr guter Techniker, der viel über die Trompete wusste und mir das natürlich auch weitergeben wollte.“ Doch wie wir mittlerweile wissen, ist genau das die Achillesverse eines James Morrison. Der stellte deshalb gleich in der ersten Stunde klar – wohlgemerkt als 15-Jähriger! –, dass es nur nach seinen Regeln funktionieren kann: „Mr. Montz, ich weiß, dass Sie sehr viel über die Trompete wissen, aber ich möchte uns Ärger ersparen: Ich kann nicht wirklich lernen, indem man mir etwas erklärt.“ So machte er den Vorschlag, auf Anweisungen bezüglich Technik zu verzichten und dem Schüler stattdessen die verschiedenen Stile näherzubringen. Montz war nämlich auch ein gefragter Musical- und Studiomusiker und musste naturgemäß die ganze Bandbreite verschiedener Stilrichtungen beherrschen. Obwohl Morrison seinen neuen Lehrer in der Retrospektive als autoritäre Person beschreibt, willigte dieser ein. „Er schaute mich an und schien glücklicherweise zu spüren, dass dieses Arrangement Früchte tragen kann.“ So bestanden die Stunden dann aus einer Analyse verschiedener Trompeter und Stücke sowie ausgiebiger Diskussion über die Geschichte der Trompete. Dass dabei die Nachahmung nicht zu kurz kam, versteht sich von selbst.
Nicht üben, sondern spielen
Auch kein Wunder ist, dass Morrison nicht irgendwelchen Trainingsplänen folgt. „Ich übe fast nie, sondern spiele nur täglich. Manchmal gibt es natürlich eine haarige Stelle und die schaue ich mir dann gesondert an.“ Er habe auch nie das Konzept von Arbeit und Disziplin verstanden. Das mag für manche funktionieren, aber „ich möchte nicht arbeiten, ich möchte Spaß haben.“ Eindeutig in Opposition geht der Multiinstrumentalist Morrison, wenn vor allem Trompeter behaupten, sie würden niemals aufhören, an ihrem Instrument besser zu werden. „Für mich ist das absoluter Unsinn. In puncto Musik kannst du immer besser werden, aber nicht beim Instrument. Hoch, tief, laut und leise, verschiedene Sounds. Das war’s.“ Wieder kommt das Beispiel mit dem Gehen: Es dauert vielleicht vier Jahre und dann weiß der Körper, wie man die Schritte effizient und sicher setzt. „Aber du kannst den Rest deines Lebens damit verbringen zu entdecken, wohin du überall gehen kannst.“

Laisser-faire als Teilaspekt der Förderung
Zum Ende des Gesprächs erzählt der trotz seines Fast-Rentenalters und der schon lange nicht mehr vorhandenen Haare sehr jugendlich wirkende Morrison noch von seinen drei Söhnen, von denen zwei den Weg des Jazzmusikers eingeschlagen haben. Er habe sie zu nichts gezwungen. „Ich sagte zu meiner Frau: Wenn sie musikalisch sein sollten, ist es sehr wichtig, dass wir uns nicht einmischen.“ Und das blieb bis zum Alter von 15 Jahren so – da hatten die Jungs schon ihre eigenen Bands und wussten, dass sie ihren Weg in die Welt der Musik ohne ihren weltberühmten und schier unendlich versierten Vater gefunden hatten.
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Während viele andere lautstark reklamieren, musikalische Kinder mit allen Mitteln zu fördern, macht James Morrison in seinen Ausführungen immer wieder klar, dass man sich ihnen nicht in den Weg stellen solle. Das ist aber kein Widerspruch, sondern nur ein anderer Aspekt. Wenn man so will die zweite Seite einer Medaille. Fördern heißt nämlich auch: die Freiheit lassen, die gebraucht wird. Das betrifft auch und gerade das Lehrpersonal: „Meiner Auffassung nach ist es die Aufgabe eines Lehrers, die für jeden Menschen besten Bedingungen zu schaffen, um zu lernen.“ Das kann sein Ich-erkläre-dir-wie-es-geht. Aber eben auch Ich-zeige-dir-wie-es-klingen-soll. Oder eine Kombination aus beidem.
Nachwort
Der TrumpetScout begann im Alter von sechs Jahren Trompete zu spielen. Aber bereits ein Jahr zuvor wurde er in den Theorieunterricht geschickt. Trocken, weit ab vom Instrument und der Musik sowieso. Er kannte den Begriff ‚enharmonische Verwechslung‘ lange bevor er lesen konnte. Ist das eine erstrebenswerte Errungenschaft? Fraglich. Er blieb am Ball und hat von der Sache keinen Schaden genommen. Andere Kinder aber sprangen vielleicht gerade deshalb ab, weil sie Theorie und ein zu verkopfter Zugang abgeschreckt haben.
Als ein Vater den TrumpetScout jüngst wegen der Anschaffung einer Trompete für seinen Sohn kontaktierte, erzählt er, dass dieser brav jeden Tag die Atemübungen ausführte, die ihm sein Lehrer aufgetragen hatte. Ein halbes Jahr nach Beginn des Unterrichts! Für den TrumpetScout war das eine schockierende Schilderung. Gerade in diesen ersten prägenden Jahren sollte Melodien, Klang und Spielfreude im Vordergrund stehen, nicht ein eilfertiges Feilen an einem untergeordneten technischen Aspekt, das genau das Gegenteil von dem bewirkt, was das eigentliche Ziel ist: Musik zu machen.
Im Rückblick brachte die Phase, in der der TrumpetScout seinen Unterricht nicht mehr besuchte und jahrelang ohne Noten nur zu Aufnahmen spielte, trompeterisch den größten Fortschritt – bei Höhe, Sound und der Fähigkeit, die Musik im Kopf unbewusst auf das Instrument zu übertragen.