Marc Osterer: Gekommen, um zu bleiben?

Marc Osterer. Das klingt wie Max Lederer. Oder Fritz Schmollerer. Oder eben Andi Haderer. Kein ungewöhnlicher Name also für einen Trompeter aus Österreich. Nur ist Marc Osterer kein Österreicher, sondern ein US-Amerikaner, der mit dem Deutschen eher hadert, dafür fließend Spanisch spricht, nicht nur Zwei-, sondern auch Einrad fährt und als Musiker und MC bei Electro Swing-Gigant Parov Stelar die ganze Welt bereist hat.

Marc Osterer in seinem Element. Foto: Mark Unterberger

Wer ist Marc Osterer?

Gut, das mit den Reisen war vor Corona. Seit der Auftrittssperre vor knapp einem Jahr musste er sich anders beschäftigen. Gleich vorweg: Seine Facebook-Videoserie mit Quarantäne-Clips ist so gut, dass sie künftig im Rückblick den Lockdown als eine kreative Wohltat verklären könnte. Daneben gibt der ebenfalls im Corona Jahr Eins gegründete Youtube-Kanal Extreme Trumpet Einblicke in das Leben eines Profis seiner Güte. Auch nicht schlecht. Und ja, Wien macht er dank des reduzierten Bewegungsradius‘ nun auch auf einem Rad unsicher. Ganz nach dem Motto: Ist der Platz enger, mache kürzere Schritte – Hauptsache die Herausforderung bleibt.

Dieses Porträt spürt den brennenden Fragen zu dieser Erscheinung nach: Wie landet man als New Yorker in Wien? Wie wird man zur Rampensau, die heute ganze Stadien zum Feiern bringt? Wie zu dem Facebook-Phänomen, das sehr viele Leute zum Lachen bringt? Und wie zu dem Meister auf seinem Instrument, der alle Trompeter in Staunen versetzt?
Kurz: Wer ist Marc Osterer?

Eine Kindheit in New York

1986 wurde er in eine New Yorker Familie geboren, deren Vorfahren gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa in die USA emigrierten. „Meine Urgroßmutter sprach noch Jiddisch.“ Das dürfte zumindest etwas über die Herkunft seiner Ahnen verraten, über die Osterer ansonsten nicht viel sagen kann. „Vielleicht wäre es an der Zeit, meine Eltern mal dazu zu befragen.“ Musiker gab es in seiner Familie nicht. Zwar wollte jeder gerne mit Künstlern zu tun haben, für ein Künstlerleben dagegen waren keine Vorbilder vorhanden. Auch als ambitionierte Konsumenten von Musik taten sich Osterers Eltern nicht hervor. „Sie hörten weder James Brown noch Stevie Wonder oder Strawinsky. Eher Simon & Garfunkel und John Denver – was eben damals im Radio kam.“ Doch es gab in ihrer Plattensammlung ein Al Hirt-Album, das alles verändern sollte. Das hörte der junge Marc mit fünf Jahren und entschied sich daraufhin, genau das machen zu wollen: Trompete spielen. Und zwar professionell.

Little Marc 1993

Für Mama und Papa war das okay. „»Du kannst das nicht machen«“, habe ich nie gehört.“  Also wurde eine Trompete angeschafft und ein Lehrer organisiert. Gemäß den Formeln ‚Viel hilft viel‘ und ‚Ganz oder gar nicht‘ wollten die Osterers ihren Spross natürlich zum Erfolg führen und achteten auf volles Commitment – auch bei der Übedauer. Das mochte Marc naturgemäß weniger. „Sie hatten das Stereotyp des klassischen Geigers im Kopf. Die Trompete ist dafür aber körperlich zu anstrengend.“

Geschadet scheint es ihm zumindest nicht zu haben. „Aber bis heute hasse ich es zu üben.“ Osterer erhielt Privatstunden bei wechselnden Lehrern, die allesamt keine Erfahrungen mit Schülern im Kindesalter hatten. Das didaktische Programm lautete: Das sind die Etüden, übe sie bis nächste Woche. Das Wort ‚Wunderkind‘ benutzt Osterer in der Reflektion. Aber nicht, weil er sich trotz der wenig rühmlichen pädagogischen Fähigkeiten seiner Lehrer die technische Grundfertigkeiten ohne große Mühe aneignete, sondern weil seine Eltern genau das in ihm sahen. Für sie gab es nur diese Option. Der Junge macht das und wird Erfolg damit haben. Dass es dann genau so kam, hat aber wahrscheinlich weniger mit einem Wunder zu tun – auch wenn Vieles in der Rückschau wundersam klingt.

Kulturschock Südstaaten

Nur zwei Jahre nach der frühen Berufsentscheidung wurde Osterer aus seinem gewohnten Umfeld gerissen. Seine Eltern zogen mit ihm nach North Carolina. Das ist immer noch Ostküste und auf den ersten Blick nicht Welten von der vielleicht bekanntesten Stadt der Welt entfernt. Doch für den Siebenjährigen fühlte es sich definitiv so an. „Das ist, als würde man von Hamburg nach St. Pölten ziehen! Ich verstand nicht einmal die Sprache.“

Marc Osterer 30 Jahre nach ‚Spielbeginn‘. Er zeigt im Video Call die Trompete, die ihn fast ebenso lang begleitet.

Der Süden der USA ist bekannt für seinen notorisch christlichen Glauben. So gab es in North Carolina zumindest viele Kirchen, in denen Osterer zu tun hatte. Engagements zu Weihnachten und an anderen kirchlichen Feiertagen waren also seine ersten bezahlten Gigs. Dabei trat er solistisch auf, mit der Orgel, im Bläserquintett oder mit größerer Band. Zu diesen christlichen Gigs chauffierten ihn die jüdischen Eltern, denn um selbst zu fahren, war er noch zu jung. Zum Repertoire gehörten Kirchenlieder und Barockmusik, er musste deshalb auch transponieren lernen und es bot sich die erste Gelegenheit zur Improvisation: Weil die Trompete prädestiniert ist für die Diskantstimme, war die letzte Strophe automatisch Bühne für die Kür. Hier konnte geglänzt werden. Ob er dabei schon so gespielt habe, dass sich die Köpfe in der Kirche nach ihm umdrehten? „Gerade als Kind ist es gar nicht das, was man haben will. Wenn die Leute sagen, »da spielt ja ein Kind«, dann schmälert das den Wert dessen, was man macht. Schließlich wurde ich dafür bezahlt.“

Von der Klassik zum Jazz

Da seine Lehrer bis dato alle Klassiker waren, ergab sich der Berufswunsch Orchestertrompeter quasi von selbst. Zum Arsenal gehörte neben der B- deshalb auch bald eine C- und eine Piccolotrompete. „Ich war ziemlich gut – und dann wurde es langweilig.“ Das war die Zeit, als Jazz für ihn interessant wurde. Da war er 14.

Der Trompeter als Teenager

Auch auf der High School entwickelte sich Osterer beeindruckend schnell weiter. Ein Gerangel mit anderen Trompetern gab es nicht. Nicht nur nicht mit Gleichaltrigen, auch nicht mit älteren Schülern oder gar Absolventen, mit denen er in der Big Band spielte. „Die haben mich eher verbal angestachelt, wenn sie sagten »du bist nicht laut genug«, »geht es nicht noch ein wenig höher« oder »spiel da noch einen Shake«.“ Der junge Mann war ihnen deutlich überlegen, spielte in einer anderen Liga. Für Osterer ist das heute aber nicht von Bedeutung: „Trompeter machen oft erst später ernst.“

Marc Osterer, der Lead-Trompeter

Hier wird deutlich: Osterer war schon früh fit im oberen Register. In seinen Videos spielt er mit Leichtigkeit bis zum A3 und auch darüber hinaus (wobei er ergänzt, dass seine natürliche Bruchstelle zum obersten Register glücklicherweise zwischen B3 und C4 liegt). Er kann zwar nicht erklären, wie er das macht, aber er habe sich das schon auch erarbeitet. „I just figured it out.“ Prinzipiell empfiehlt er, gemäß Caruso, so zu üben, dass es sich nie anfühlt, als wären zwischen den Lagen große Abstände. „Irgendetwas ändert sich auf jeden Fall – man sollte sich nur angewöhnen, möglichst wenig zu ändern.“

Stilistisch geformt hat ihn in jener Zeit ein routinierter Lead-Trompeter, der selbst aufgrund von Ansatzproblemen nicht mehr spielen konnte. Des einen Leid, des andern Freud.

Corona verhinderte, Marc Osterer persönlich zu treffen. Egal.

Doch die Position als ‚workhorse of the orchestra‘ allein war Osterer selbstredend nicht genug. Auch wenn er heute weiß, wie zermürbend der Job am ersten Pult sein kann und versteht, warum einige große Namen ihre Position in namhaften Orchestern spätesten nach einer starken Dekade aufgaben. Sein Ansatz war ein künstlerischer: Improvisation ist die ganz große Kunst und auch als Lead Player muss man das Stück in seiner Struktur begreifen. „Warum können Leader nicht improvisieren? Dafür gibt es einfach keine gute Erklärung“, mokiert er sich über die, die meinen, sich hinter der ersten Stimme verstecken zu können.

Auch wenn das Leben in North Carolina zumindest musikalisch abwechslungsreicher wurde, so wartete Osterer trotzdem nur darauf, alt genug zu sein, um endlich nach New York zurückzukehren, wo damals – „noch“ – alles Wichtige passierte. Bewerkstelligen konnte er das über ein Stipendium an der Manhattan School of Music, wo er sowohl für den Klassikstudiengang als auch im Bereich Jazz angenommen wurde. Der berühmte Lew Soloff war damals sogar beim Vorspiel anwesend und hatte bei der Stipendienvergabe ein Wörtchen mitzureden. Durch dessen Faible für Lead-Trompeter wurde diesen sogar mehr Unterstützung gewährt. Also wurde es das Jazz-Fach. Trotzdem spielte er auch ein Jahr im klassischen Orchester, wo ihn mit keinem Geringeren als Chris Coletti (dem Trompeter von Canadian Brass) eine freundliche Rivalität verband.

New York: Plötzlich einer unter vielen

War Osterer bis dato immer automatisch der Primus, wurde dieses Gefüge in Manhattan von heute auf morgen auf den Kopf gestellt, denn in NY waren die Besten der ganzen Welt versammelt. „Plötzlich ging es auch gar nicht mehr um die Trompete. Der Karneval von Venedig hat da keinen interessiert. Und erstmals musste ich mich auch mit Gleichaltrigen messen. Was dabei herauskam, gefiel mir ganz und gar nicht“, erklärt er mit einem Lachen, das den Grad der Ernüchterung erahnen lässt. Um als Musiker zu wachsen, setzte Osterer eine drastische Maßnahme: Er spielte ein ganzes Jahr lang fast nur Klavier. „Um ganzheitlich besser zu werden, braucht es mehr als nur den Feinschliff am Instrument.“

New York war aber natürlich nicht nur Ort des Studiums, sondern auch der Arbeit. Und wo sonst trifft man dabei die größten Namen der Branche? „Hier kann es passieren, dass du in einer Section stehst mit Seneca Black und Ingrid Jensen und von anderen Musikern begleitet wirst, mit deren Platten du groß geworden bist. Du spielst also mit deinen Vorbildern! Am Ende des Abends springen dabei aber nur 10 Dollar und ein Bier heraus.“ Davon kann natürlich keiner Leben, auch wenn man von solchen Erfahrungen zehrt. Außerdem passiert so etwas nur ein paar Mal im Jahr. Und in der restlichen Zeit? Mitnehmen, was daherkommt, auch wenn Musik und Musiker nicht immer hervorragend sind. Schließlich ist New York ein teures Pflaster, dessen Wohnungskosten im Grunde das komplette Einkommen absorbieren. (Notiz am Rande: Osterers Appartement war trotz horrender Miete in so schlechtem Zustand, dass es wegen hoffnungslos veralteter Elektrik kurz nach seinem Auszug, samt dem dort verbliebenen Klavier, abbrannte.) Manchmal hat es deshalb auch nicht gereicht. Dann jobbte der junge Mann in einem Laden für Bergsport. Aus heutiger Sicht ist das natürlich wie ein Vorzeichen zu lesen.

Von New York City nach Mexico City

Für Musiker in Manhattan ist der Broadway ein zentraler Einsatzort. Dort bekommt man aber nicht einfach eine Stelle, man wird erst Aushilfe. Wer etatmäßig engagiert ist, spielt acht Shows pro Woche. „Die machen keine Fehler. Besser geht es nicht.“ Bei dieser Auftrittsdichte gibt es natürlich keine Proben mehr. Als Substitut sitzt du mit den Noten während einer Aufführung neben dem, den du vertrittst, hörst ihm genau zu und beim nächsten Mal bist du dran. Auch hier gilt: Keiner sollte sich nach dir umdrehen. Spiel‘ wie die erste Besetzung!

Marc Osterer in Mexiko. Foto: Edgardo Melgoza

„In New York habe ich keinen Fuß auf den Boden bekommen, und das hat mich zermürbt. Von einem ehemaligen Lehrer hörte ich dann von der Ausschreibung des Mexico City Philharmonic Orchestra. Urlaub in Mexiko hörte sich für mich gut an. Und währenddessen könnte ich ja das Vorspiel mitmachen.“ Über einen Umzug nach Mexiko-Stadt dachte er bis dahin nicht nach. Weder kannte er das Land, noch hatte er sich echte Chancen ausgerechnet, da er seit längerer Zeit kein klassisches Repertoire mehr gespielt hatte. Und dann passierte das, was Osterers Geschichte so unglaublich macht: Nach Jahren des Jazz- und eben nicht Klassik(!)-Studiums sowie des Big Band-Spielens in New York gewinnt er als 23-Jähriger die Stelle als erster Trompeter in einem sinfonischen Orchester! „Ich bin noch ein paar Tage geblieben und habe mit den Orchesterkollegen gesprochen. In Mexiko zollt man Musikern großen Respekt und alle schienen dort gut leben zu können. Also hab‘ ich es gewagt.“

Die Verwandlung des Marc Osterer

Hört man Marc Osterer von seiner Zeit in Mexiko erzählen, klingt es wie eine Phase des Aufblühens. Von heute auf morgen war Schluss mit der Prekarität: Er hatte eine schöne Wohnung ganz für sich allein, zeitweise sogar sieben Motorräder auf seinem Parkplatz stehen, war kranken- und sozialversichert, bekam Urlaubs- und Weihnachtsgeld, hatte im Sommer zwei Monate frei und außerdem Anspruch auf ein 6-monatiges Sabbatical. Quasi das vorherige Leben mit negativem Vorzeichen. All das und ganz sicher auch der Bonus des Gastes bewirkten einen tiefgreifenden Wandel. War Osterer als Kind und Jugendlicher noch schüchtern und wollte nie mit Anderen reden, entwickelte er sich hier fast über Nacht zu einem extrovertierten Charakter. „Nach dem 6-Uhr-Konzert mit dem Orchester habe ich den Smoking ausgezogen, bin in den Anzug geschlüpft und in den Jazzclub gegangen.“ Dort hat er sich das Mikrofon geschnappt und einfach aus dem Stegreif mit den Leuten kommuniziert. „Das hat mir mehr gebracht als alles, was mir jemals ein Lehrer vorher beibrachte. Außerdem hat es mir geholfen Freunde zu finden.“ Und mit rhetorischer Pause ergänzt er: „And it definitely helped my sex life.“

Marc, Moped und Django.

Heute redet er fremde Menschen ganz ohne Scheu an (und passt sogar sein Englisch an, damit die Hürde für NIcht-Muttersprachler möglichst niedrig ist). Fast ärgert ihn, dass er das nicht schon früher so gehandhabt hat – auch in Bezug auf die Musik. „Beobachtung kommt an ihre Grenze – man muss auch fragen und die anderen zu Lehrern machen.“

Marc, der US-Mexikaner

Bis Anfang 20 war der US-Amerikaner – wie viele seiner Landesgenossen – nie in einem anderen als in seinem Heimatland. Motorradurlaube führten ihn dann nach Mittelamerika noch bevor er seinen Job in Mexiko antrat. Dadurch konnte er schon ein wenig Spanisch. Die ersten Wörter, die er lernte, hatten entweder mit seinem Hund zu tun, den er stets mitnahm und natürlich mit dem Motorrad, das es hin und wieder zu reparieren galt. Heute spricht er so gut Spanisch, dass es seine Muttersprache sein könnte. Man hält ihn sogar öfter für einen Mexikaner. Die Affinität zum Idiom geht aber über die schiere Beherrschung hinaus: „Ich bin im Spanischen sehr lustig. Auf Deutsch habe ich es in 6 Jahren nicht einmal geschafft, jemanden zum Lachen zu bringen – noch nicht einmal unbeabsichtigt.“ Abgesehen davon tut es Osterer leid, dass Mexiko aufgrund der organisierten Kriminalität einen schlechten Ruf hat. „Mexikaner gehören zu den liebsten Menschen, die ich je getroffen habe. Sich dort zu integrieren, war eine meiner schönsten Erfahrungen.“

Was ihn an Mexiko jedoch störte, war vor allem im Orchester ein Hang zum Müßiggang, der durch die Sicherheit des staatlichen Arbeitgebers und die anderen komfortablen Rahmenbedingungen begünstigt wurde. Soziale Absicherung ist toll, aber nur zwei Konzerte pro Woche von Mittwoch bis Sonntag und eine Zweitbesetzung, die es erlaubt, dass man einfach blau macht, sind keine Triebfeder, sondern Bremsklötze. Osterer aber will immer alles so gut wie nur möglich machen. Er ist ambitioniert. Da reifte im Stillen die Idee, nach New York zurückzugehen.

Der Sprung über den Atlantik

Seit 2010 spielte Osterer in Mexiko. Ab 2012 nutzte er die ausgedehnte Sommerpause wiederholt, um bei den Salzburger Festspielen als Bühnenmusiker beim „Jedermann“ zu arbeiten. Die Stelle hatte ihm ein befreundeter Theaterregisseur aus New York verschafft. Nach seiner Arbeit dort im Sommer 2014 blieb er einfach. War das einfach? „Den Job in Mexico City zu kündigen war hart. Und eigentlich wollte ich zurück nach New York, zurück ins Freelancing. Aber je näher die Rückkehr rückte, umso mehr erinnerte ich mich wieder daran, wie schwer es dort war. Das hat mir Angst gemacht. Außerdem ist New York nicht mehr der Nabel der Welt.“

Marc „Mustache“ Osterer bei der Produktion des „Jedermann“ 2013.

Mit 28 Jahren brach er also die Zelte in Mittelamerika ab und zog nach Österreich. Nicht ohne vorher Thomas Gansch zu fragen, was der davon halte. Der österreichische Gigant warb für seine Heimat und sah für Osterer gute Chancen hier. Dass es dann so schnell so gut lief, damit hatte aber keiner rechnen können.

Mit Parov Stelar auf die internationale Festival-Bühne

Nun kann man sich fragen, warum der Mann mit dem mexikanischen Mund nicht z.B. nach Spanien ging. Eine richtige Antwort weiß er darauf selbst nicht zu geben. Es kam einfach eines zum anderen. Außerdem bietet Österreich viel Lebensqualität bei vergleichsweise geringen Preisen. „In kaum einer anderen Hauptstadt lebt man so günstig wie in Wien“, freut sich der New York-Geschädigte. Dennoch hatte er anfangs keinen fixen Job. Doch seine Arbeitsmoral hat ihm den schnell verschafft. Immer so gut wie möglich spielen, freundlich und zuverlässig sein, vor der Zeit erscheinen, kurz: positiv auffallen. Da er ein paar Mal bei der Lungau Big Band aushalf, empfahl ihn ein Saxofonist an den von Parov Stelar weiter, der gerade einen neuen Trompeter suchte. Stelar rief Osterer an, man verstand sich auf Anhieb und noch bevor man das erste Mal zusammenspielte, beherrschte Osterer das gesamte aktuelle Programm schon auswendig. Professionalism at its best. Um zu verdeutlichen, wie surreal sich der Karriereweg innerhalb weniger Monate gestaltete, hier ein Abriss: Noch bis zum Sommer 2014 spielte der Amerikaner im Sinfonieorchester von Mexico City, dann trat er beim „Jedermann“ in Salzburg auf und noch im Herbst desselben Jahres wurde er Teil eines internationalen Electro Swing Acts.

Bei Parov Stelar ist das Publikum größer als im Jazzclub.

Richtige Tour-Erfahrung hatte er bis dato übrigens nicht. Mittlerweile stand er mit der Band in praktisch allen Erdteilen auf der Bühne und ist auch so etwas wie deren Master of Ceremony. Nicht mehr nur der musikalische Improvisierer, auch der verbale. Der, der eine Verbindung zum Publikum aufbaut. Der Massendompteur.

Leben in der Alpenrepublik

Osterers Erfolg bei der Partnersuche in Mexiko wurde schon angedeutet. „Interessant, dass ich mir Österreich ausgesucht habe. Hier läuft das Dating ganz anders. In Mexiko war es als Ausländer und Musiker sehr einfach, Frauen kennenzulernen. In Österreich wirkt das überhaupt nicht anziehend. Jeder hier ist ein Musiker („The Musicians in Austria are so damn good!“) und jeder ist ein Künstler. Zudem wollen Österreicherinnen nicht mit Ausländern abhängen“, konstatiert der heute 35-Jährige und klingt dabei ein bisschen wie Woody Allen. Doch die Misere habe auch ihre gute Seite: „Ich kann mich wieder mehr auf die Musik konzentrieren.“

„Es reicht nicht, nur gut zu spielen. Man muss dabei auch gut aussehen.“ Foto: Mark Unterberger

Apropos Arbeit. Als Anfang 2020 die ganze Festivalsaison abgesagt wurde, dachte sich Osterer, er werde dieses Jahr finanziell nicht überleben. Doch als die Solidarmechanismen griffen, spürte er am eigenen Leib, warum es Sinn macht, in Sozialsysteme einzuzahlen. Anfangs hingegen hat ihn die Abgabenquote in Österreich ziemlich erschreckt.

Video killed the radio star

Aber Geld ist ja nicht die einzige Währung für einen Musiker. Es geht um Anerkennung ergo Applaus und das emotionale Feedback des Publikums, die Begeisterung. Gerade für einen von Festivals verwöhnten Künstler ist das vielleicht noch wichtiger. Die Füße kann ein Marc Osterer auf jeden Fall nicht stillhalten (deshalb lernte er Einradfahren) und seine Synapsen noch viel weniger. Und wie eingangs erwähnt, wählte er den Weg des Videos, um in den eigenen vier Wänden „mein Hirn zu beschäftigen“. Was er da zeigt, ist technisch beeindruckend, es ist hochmusikalisch und es vor allem eines – extrem unterhaltsam.

„Darüber sollten sich Trompeter viel mehr Gedanken machen als über die Bohrung ihres Instruments: Wie wirke ich auf der Bühne? Was ziehe ich an? Welche Mimik habe ich oder wie bewege ich mich?“ Wer jetzt anti-amerikanische Reflexe verspürt und sich denkt, „Es kommt doch nur drauf an, was vorne rauskommt“, der irrt. „Gerade amerikanische Trompeter legen keinen Wert auf ihr Aussehen! Wenn ich Trompete spiele, will ich so aussehen, wie ich klinge. Das ist der Grund, warum YouTube populärer ist als SoundCloud. Wir sind visuelle Wesen.“ Deshalb legt er in seinen Videos großen Wert auf Details an: Sind die Augen geschlossen? Welchen Winkel verwende ich? Welche Schrift verwende ich als ein Einblender? Wie ist das Timing? Daran zu arbeiten, verschaffe ihm Befriedigung. „Und wenn es andere auch glücklich macht, dann noch besser.“

Marc Osterer und seine Instrumente

Beim Thema visuelle Wirkung kommt auch das Instrument selbst ins Spiel, schließlich ist es nicht unsichtbar. Bei Osterer ist das aktuell eine (definitiv sehr auffällige) Schagerl Spyder und sein erstes Instrument, eine 37er Bach. Jener Klassiker unter den Hörner dient augenblicklich eher als Ersatz: Eine vergoldete Schagerl Penelope verlor der Motorradfan Osterer nämlich beim Ritt über die Autobahn. Wieder so eine unglaubliche Geschichte.

Marc Osterer spielt auf einem Prototypen der Spyder-Serie von Schagerl.

Ein Trompetenconnaisseur im Sinne eines gear head ist der Amerikaner aber nicht. Er kenne sich schlicht zu wenig aus. „Für mich fühlen sich alle Trompeten gleich an.“ Wenn ihm ein Instrument überhaupt nicht passt, könne er nicht verbalisieren, was ihn störe. Er greift dann einfach zum nächsten. Robert Schagerl konnte er deshalb bei Entwicklung der Spyder nicht wirklich unterstützen – lediglich ergonomisch ließ er sein Horn optimieren. Wie wurscht ihm die Trompete eigentlich ist, wird deutlich, wenn er erklärt, warum man ihn mit unterschiedlichen Trompeten spielen sieht: „Ich greife immer zu der, die gerade am nächsten liegt. Das ist mal die Bach und mal die Schagerl.“ Diese Immunität reicht sogar bis zum Mundstück. Auf einer Trompete steckt ein Bach 3D und auf einer anderen ein Schagerl James Morrison. „Jedes Mal, wenn ich ein neues Mundstück wechsle, klinge ich schlechter.“ Deshalb lässt er es lieber.

„Ich will in jeder Situation der beste Trompeter sein!“

Kommen wir zurück zum Spieler Marc Osterer und seiner musikalischen Identität. War er in seiner Familie schon bald „the different one“, so hat sich das auch in der Welt der Musik so fortgepflanzt. „In jeder Section bin ich das schwarze Schaf. In der Big Band bin ich der Klassiker, im Orchester bin ich der Jazzer.“ Diese Grauzone ist aber Verdienst seines Könnens, Ergebnis seiner Vielseitigkeit. Das heißt aber nicht, dass er tatsächlich halbe Sachen macht. Ganz in Gegenteil: „Ich will nicht nur in jedem Moment der beste Trompeter sein, der ich sein kann. Ich versuche, besser zu spielen als es jeder andere in dieser Situation könnte. Wenn ich einen guten Tag habe und im ersten Studio-Take alles nagle, frage ich mich: Könnte Wayne Bergeron das wirklich besser spielen? Oder könnte Malcolm McNab tatsächlich besser abliefern? Wenn ich in einer Pop-Band spiele, versuche ich mich mit dem Publikum Kontakt herzustellen und frage mich dann: Könnte Chris Botti das jetzt besser machen?“

Foto: Gerd Schneider

Das klingt nach übergroßem Selbstbewusstsein. Oder nach Ambition gepaart mit gesunder Selbsteinschätzung. Wie oft bist du mit dir selbst zufrieden? „Sehr selten. Und selbst dann ist es nur für einen Moment. Manchmal würde ich gerne alle Videos von mir auf Social Media löschen, da ich irgendetwas hätte besser spielen können.“ Trotzdem denkt sich Osterer vor den Gigs nie, nicht zu genügen. Vielmehr beruhigt ihn die Ansicht, exakt der richtige für den Job zu sein. Vorbilder hat er trotzdem: „Von Thomas [Gansch] ganz habe ich viel gelernt. Wenn ich mit ihm spiele, versuche ich mit ihm Schritt zu halten, aber schaffe es doch nicht. Wenn er in einem Solo ein Zitat einbaut, ist er schon zwei Zitate weiter, ehe ich es begriffen habe.“ Genauso schwärmt er von Seneca Black, dem langjährigen Lead-Trompeter des JLCO, für den er einmal das erste Set eines Gigs übernehmen durfte. „Die Stücke waren schwer und ich hab‘ es halbwegs gut hinbekommen. Dann kam Seneca und es hat mich weggeblasen. Ich hab mir nur eine Frage gestellt: »What am I doing with my life?«“

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Dennoch, meint Osterer, würde er vielleicht besser spielen, wenn er mehr übte. Nur mache ihm das keinen Spaß. Und ohne Tour und Gigs sinken Motivation wie auch Routine. Deshalb eben auch die anspruchsvollen Videos. „Clarke ist nichts für mich. Hin und wieder Charlier, weil das Musik ist.“ Denn das hat der Amerikaner schon vergleichsweise früh begriffen: „Üben ist mehr ist als Schlossberg, Lip Slurs und Long Tones.“

Alte und neue Ziele

Zieht man heute, 30 Jahre nach der ursprünglichen Zielvereinbarung Bilanz, kann man sagen: Mission accomplished. Übrigens gab es damals noch einen zweiten Wunsch: Der kleine Marc wollte nämlich auch Pilot werden. Und wen wundert‘s, auch das hat geklappt. Vor Corona konnte Osterer also sogar mit dem Sportflieger selbst zum eigenen Gig fliegen. Dass dabei die ganze Gage drauf ging? Wurscht. Weiteres großes Ziel: „Irgendwann so gut Deutsch sprechen, dass die Leute glauben, ich komme von hier.“ Ambitioniert. Er dürfte uns noch eine Weile erhalten bleiben.

Auch das ist Marc Osterer. Anscheinend rührt dieses Outfit von einer Wette her. Foto: Mark Unterberger