Marine, Mosch, Musikverlag – über das Leben von Freek Mestrini

Freek Meestrini – kaum ein anderer Name eines Trompeters oder Flügelhornisten wurde wohl so häufig abgedruckt wie der dieses Holländers. Woran das liegt? Klarerweise an seinem Schaffen! Der TrumpetScout sprach mit dem hochdekorierten Musiker im Ruhestand in seiner Allgäuer Wahlheimat.

Freek Mestrini an seinem heutigen Arbeitsplatz im Wertach Musikverlag

 

Freek Mestrini – das ist kein klassischer Name ‚wie Musik‘, vielmehr ein wenig sonderbar, irritierend. Der TrumpetScout las diesen Namen bereits in jüngsten Jahren sehr oft auf Notenpapier oben rechts, jedoch niemals laut, nur für sich. Da klang der Vorname dann – in Ermangelung eines größeren Sprachhorizonts – wie das englische Wort ‚freak‘, was im Englischen witzigerweise genau einen sonderbaren Menschen bezeichnet. Alles juvenile Hirngespinste! Natürlich spricht man Freek so aus, wie man es schreibt, denn es ist ein holländischer Name und Freek Mestrini ist alles andere als sonderbar oder gar abartig. Vielmehr ist der langjährige Flügelhornist von Ernst Mosch offen, sehr geradlinig in seiner Kommunikation und trotz seiner zum Zeitpunkt des Gesprächs mit ihm 78 Jahre erstaunlich marottenfrei und scharfsinnig. Abartig – das ist eher sein Erfolg. Aber dazu später mehr.

„Mit der Brechstange“ – Mestrinis frühe Jahre

Freek Mestrini wurde im September 1946 geboren in Heerlen, einer kleinen Stadt in der Provinz Limburg. Dieses Bundesland hängt sich – von oben betrachtet – an den Rest von Holland wie ein Blinddarm und macht es sich dabei vielmehr zwischen Belgien und Deutschland bequem. Heerlen ist tatsächlich nur einen Steinwurf von der deutsch-holländischen Grenze entfernt, was sich auch im dortigen Dialekt zeigt. Da in der Stadt seit der Industrialisierung Kohle abgebaut wurde und dafür Gastarbeiter in die Region geholt werden mussten, kamen auch Italiener nach Limburg. Das erklärt den eindeutig italienischen Nachnamen Mestrini. Ein Vorfahre zumindest stammte aus dem Ort Tarvisio unweit der Grenze zu Österreich und Slowenien. Mestrinis Vater war als Teil der Vorstandschaft der örtlichen Fanfarenkapelle – das ist eine Brassband mit Saxofonen – passives Mitglied, hat also selbst nicht musiziert, geriet aber unter Zugzwang, die eigenen Kinder dem Kapellennachwuchs zuzuführen. Da sich Freeks älterer Bruder jedoch vehement weigerte, musste der Jüngere ran: „Ich hab dann als 5-Jähriger ein Flügelhorn in die Hand gedrückt bekommen.“ Unschwer erkennt man an dieser Formulierung die nicht-vorhandene Freiwilligkeit. Die freie Wahl, vor allem des spezifischen Instruments, war zu dieser Zeit noch wenig verbreitet – und ist es in vielen Vereinen noch bis heute nicht. Aber das muss nicht immer schlecht sein. Davon zeugen viele große Musikerkarrieren.

 

 

Unterricht gab der Dirigent des Orchesters. „Immer Tonleitern spielen. Humpa, humpa, tätärää“, beschreibt der heute 78-Jährige diese allererste Ausbildung und ergänzt: „Für mich war das auch immer mit Tränen verbunden.“ Denn wenn die anderen Jungs draußen Fußball spielten, hat „der Alte“ immer erst eine halbe Stunde häusliches Üben eingefordert, bevor sich der kleine Freek seinen Kumpels anschließen durfte. „Es war mit der Brechstange.“ Ein paar Jahre folgte er brav und stieg vom dritten zum ersten Flügelhorn auf.

Dem Staub entkommen

Neben der Fanfarenkapelle gab es in Heerlen aber auch eine Bergarbeiterkapelle. Die interessierte den Buben zunächst nicht wegen ihrer musikalischen Güte, sondern wegen der tollen Uniformen. Mit 11 Jahren nahm der Dirigent seiner Kapelle dann den Noch-nicht-ganz-Teenager mit in die Probe bei den Bergleuten. Dabei machte die schiere größere von 60 Personen kaum Eindruck, vielmehr desillusionierte Mestrini die Tatsache, dass nicht in Uniform geprobt wurde! Hier sieht man wieder, auf was es manchmal im Leben ankommt: nämlich die Marginalien. Denn die Aussicht auf Auftritte und damit verbunden die Möglichkeit, endlich auch so herausgeputzt durch die Gegend stolzieren zu können, schien ein Ansporn gewesen zu sein. Es folgte ein Vorspiel und dann der Eintritt in das Zechenorchester. Als dritter Trompeter und unter der Prämisse, dass er sich durch Unterricht weiterbildet. Gefordert, getan. Mit 12 Jahren begann er Stunden an der Musikschule in Kerkrade zu nehmen. Sein Lehrer dort war Louis Wilhelmus, damaliger Solotrompeter des Sinfonieorchesters der Provinz Limburg. Jener Louis tat, was ein jeder guter Lehrer in erster Linie können sollte und bei allen Schülern größte Wirkung zeigt: Er hat fasziniert. So entwickelte sich der junge Freek sehr gut und als dann mit 16 Jahren das Ende der Mittelschule nahte, wurde ihm von seinem Lehrer vorgeschlagen, den Weg des Berufsmusikers einzuschlagen. Der Wunsch dazu war im jungen Mann nämlich nicht angelegt, vielmehr bemerkte jener mit Schrecken, dass in seinem Ort 80% der Männer unter Tage arbeiteten. „Und das wollte ich nicht!“ Die Musik zeigte also einen Weg auf, dem Staub des Kohlebergbaus zu entkommen.

 

Freek Mestrini mag nicht auf jedem Bild lachen, aber hat wohl auch ein bisschen ein Poker Face.

 

Auf zum Militär

So wie heute üblich nahm die Karriere aber nicht ihren Lauf. Der Rat des Lehrers lautete, sich bei einer Militärkapelle zu bewerben. Davon gab es vier seinerzeit. Mestrinis Brief an die Luftwaffe blieb unbeantwortet, die Marine hingegen suchte einen „Jungmusikanten“ für die dritte Stimme und lud den Teenager zum Probespiel nach Rotterdam ein. Dafür bereitete er sich das Haydn-Konzert vor, fuhr in aller Frühe mit dem Zug nach Hilversum, nur um dann statt um 10 Uhr erst um 16 Uhr an der Reihe zu sein, da noch 13 andere Bewerber vor Ort waren. Am Schluss hieß es dann: „Sie haben das Zeug dazu, aber sind viel zu jung.“ So ließ man ihn wieder nachhause fahren – und warten. Erst nach 4 Monaten flatterte ein Brief ins Mestrinische Haus, demzufolge er mit 17 Jahren – noch immer nicht volljährig – beim Militär anfangen könne. Im Januar 1964 ging es dann endlich los. Dirigent war zu jener Zeit Henk van Lijnschooten, eine Blasmusikkoryphäe und damals bekannter Komponist. Der Leiter des Orchesters unterrichtete auch Theorie an der Hochschule, die Mestrini dann auch besuchte. Nach anfänglichem Respekt vor der Schar von Profis ging es bald die Stimmenleiter hinauf: Nach 2 Jahren saß er an der zweiten Trompete, nach weiteren 2 Jahren an der ersten und 4 Jahre später war er dann Solotrompeter. Interessanter Fakt: Alle Trompeter und Kornettisten des Orchesters spielten auf Conn Connstellations Modell 38B. „Die schweren! Aber da ist natürlich eine Power rausgekommen!“ Nicht minder interessant: Mestrinis Conn jener Tage ist noch immer im Familienbesitz – sein Schwiegersohn hat sie mittlerweile.

Studium bei Jan Marinus & Theo Mertens

Das Fach Trompete studierte er bei Jan Marinus, der damals erster Trompeter beim Promenadeorchester war – einem zum Rundfunk gehörigen Klangkörpers in Hilversum. Einmal pro Woche fuhr er zudem auch nach Antwerpen zu Theo Mertens. „Was später Maurice André in Frankreich war, war bei uns damals Theo Mertens.“ Die Kosten des Studiums übernahm übrigens das Heer und stellte ihn auch noch für zwei Nachmittage von den Proben frei. Keine unkomfortable Position für einen Lernenden und, wie es sich anhört, immer sehr viel ‚Facetime‘ für den Trompeter.

 

 

Wer so jung so viele Schritte macht, will nicht Mitte 20 schon am Ende sein. „Nach einem weiteren Jahr hab ich gemerkt, dass ich hier nicht alt werden möchte.“ Seine Fühler hatte Mestrini schon in verschiedene Richtungen ausgestreckt. So „muckte“ er „nebenbei“ auch noch im Opernorchester in Rotterdam, wenngleich hier das Zusatzeinkommen die stärkere Motivation war. Sein Lehrer Jan Marinus schlug dann vor, sich bei dessen Promenadeorchester zu bewerben. Das Vorspiel verlief wie beabsichtigt, er bekam die Stelle. Doch dann geschah etwas, das alles verändern sollte.

Die Begegnung mit Ernst Mosch

Seit 1960 wurde in Holland von heimischen Plattenfirmen die „Grand Gala du Disque“ veranstaltet und im Fernsehen übertragen. Die Aufzeichnung im Oktober 1972 sah eine Intrada mit 3 Piccolotrompeten vor. Alles andere – dazu gehörten Johnny Cash, Charles Aznavour oder Hildegard Knef – kam vom Band, nur diese Nummer wurde live gespielt. Am zweiten Tag kam dann ein gewisser Ernst Mosch in die Garderobe und lobte die Herren am hohen Blech. Weil Mestrinis Deutschkenntnisse natürlich von Vorteil waren, sprach er mit Mosch. Ob er die Egerländer kenne? „Klar.“ Wie ihm das Gefalle? „Sehr gut, spricht mich an.“ Ob er ihn nicht einmal zu Probeaufnahmen einladen dürfe, denn er suche einen ersten Flügelhornisten. „Ja, hier ist meine Adresse!“ Zu jener Zeit, November 1972, war im Egerländerorchester noch der legendäre Franz Bummerl, dessen Name auch sehr viele Notenblätter ziert, führend. Der nicht minder prägende Georg Ernszt – auch Trompeter bei Erwin Lehn – verstarb nicht allzu lange vorher.

 

Nicht nur auf der Bühne ein Job. Mestrini war später auch in Moschs Musikverlag führender Mitarbeiter. Foto: Freek Mestrini privat

 

Mestrini dachte bei sich: „Der meldet sich nie.“ Doch als ein paar Wochen später vom Militärdienst nachhause kam, winkte die Mutter – er wohnte an den Wochenenden noch bei seinen Eltern – mit einem Brief von den Egerländern. Darin hieß es, der noch immer junge Mann sei eingeladen, im Dezember im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg eine Platte aufzunehmen.

Kick-start als Egerländer auf einem fremden Flügelhorn

Was für ein Ritterschlag, ganz besonders, wenn man sich Ernst Moschs Popularität dieser Zeit vor Augen führt! Seine Musik wurde im Radio gespielt, die Egerländer waren im TV zu sehen und seine Platten waren fester Bestandteil der Hitlisten. Was aber qualifizierte den jungen Freek Mestrini dazu, diese Egerländer Musik auch auf höchstem Niveau interpretieren zu können? „Bei uns in der Provinz waren viele böhmische Blaskapellen, die versuchten Mosch zu imitieren. Sein Orchester war oft in Kerkrade und ich hab mir die natürlich auch angehört.“ Mit anderen Worten: Mestrini war also auf die Musik geeicht – und zugegebenermaßen ein Fan. Die damit einhergehende Hingabe und Liebe zum Repertoire gepaart mit seinen technischen Fertigkeiten am Instrument war offensichtlich Basis genug.

 

Mestrinis erstes und einziges Drehventilfügelhorn ist von Schediwy. Darauf hat er seine ganze Karriere gespielt. Es wurde offensichtlich immer gut gepflegt.

 

Eine echte Hürde war tatsächlich nur das Instrument. Der Limburger war Trompeter und kein Flügelhornist. Er hatte nicht einmal ein Flügelhorn. Eines mit Perinetventilen hätte er auftreiben können, doch Mosch bestand auf eine „Brezn“. Franz Bummerl besorgte dann ein Instrument im berühmten Musikhaus Barth in Stuttgart. Ein Flügelhornmundstück hatte er jedoch auch nicht. Kurzerhand wurde einfach das Trompetenmundstück benutzt (!). „Es ging einigermaßen.“ Doch Kollege Bummerl meinte, das klinge doch toll und auch Mosch war sehr begeistert. So fragte er nach Ende der Aufnahmen – die Platte hieß übrigens „Ernst Mosch und seine Original Egerländer Musikanten spielen Robert Stolz und Franz Léhar“ – beim Essen, ob Mestrini nicht bei ihm einsteigen wolle. Das überforderte den Herrn aus Holland zunächst. Er stand noch beim Militär unter Vertrag und hatte zudem beim Promenadeorchester zugesagt (wenn auch noch nicht unterschrieben). Zudem stellte sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Da legte Mosch eine Liste mit den Konzerten für das nächste Jahr vor. 208 Spieltage standen im Kalender. Und die Gage? Mosch hielt es da wie die amerikanischen Filmstudios: „An der ersten Stimme verdient man mehr als an der zweiten. Der Konzertmeister erhält noch einmal mehr. Bezahlt wird pro Abend. Hinzu kommen Vergütungen für Schallplatten und Fernsehauftritte im Jahr.“ Und was zahlte Mosch 1973 genau? „270 Mark. Das war damals eine Supergage.“ Mit allem drum und dran konnte er so 60 bis 70 Tausend Mark im Jahr verdienen. Zwar brutto, also vor Abgaben, aber dennoch eine stattliche Summe in jener Zeit. „Dass das das nachher ein Zigeunerleben war – Bus, Bett, Bühne -, wusste ich vorher nicht. Aber ich habe den Sprung gewagt.“

Vollgas als 1. Flügelhornist bei Ernst Mosch

Die damalige Freundin zog buchstäblich mit und wurde im Zuge dessen zur Frau Mestrini. Doch eine andere Hürde machte zu schaffen: der Vertrag beim Militär. Nicht nur Mestrini als Solotrompeter wollte gehen, auch sein Freund, Kollege und späterer Solotrompeter der Rotterdamer Philharmoniker sowie des weltbekannten Concertgebouworchester Peter Masseurs, der die Solokornettstimme innehatte. Diesem Aderlass konnte der Orchesterchef nicht einfach so zustimmen – er brauchte Nachfolger. Ansonsten müsse der vertraglichen Verpflichtung nachgekommen werden, mindestens 3 Monate. Den Tourstart mit Ernst Mosch und wahrscheinlich die ganze Tour – wenn nicht sogar das ganze Engagement – hätte Mestrini dann vergessen können. Das eilig ausgeschriebene Probespiel brachte dann noch rechtzeitig einen Ersatzmann und Mestrini durfte ziehen.

Los ging es in Neuss. „Ohne Probe. Auf die Bühne, 1, 2, 3, 4…“ Mosch meinte, dass es ab dem zweiten Takt schon klappen werde. Dessen Einzählen bereite aber zunächst Probleme, wodurch Mestrini gleich einmal zu früh einsetzte. „Dann hat er laut geschrien – das machst du dann nicht nochmal falsch.“

 

Von links nach rechts: Peter Wosnizka an der Trompete, Lothar Henzel und Willy Müller am 2. Flügelhorn sowie Freek Mestrini und Franz Bummerl am 1. Flügelhorn. Foto: Freek Mestrini privat

 

War die Ausdauer eigentlich ein Problem? „Früher war es anstrengender, da wir nur 4 Flügelhornisten waren. Clip-Mikros gab es zudem in den 70er nicht, sondern nur ein zentrales Mikrofon. Da musstest du Gas geben, auch, weil wir noch riesige Zelte mit 4.000, 5.000 Leuten bespielten. Das war manchmal schon hart.“ Man muss bedenken, dass das Orchester damals nur 18 Köpfe stark war. Später wurde es auf 30 Personen ausgebaut und es gab gemeinsam mit Ferenc Aszódy 3 erste Flügelhörner. Abgewechselt wurde dennoch nicht. Die Erleichterung dadurch war also überschaubar, die Verantwortung ruhte allerdings auf mehreren Schultern. „Man muss aber auch sagen, dass wir mit Mosch nie länger als zweieinhalb Stunden gespielt haben. Auf einem Volksfest geht es deutlich länger.“ Dennoch: In der böhmischen Blasmusik müssen Flügelhorn und Tenorhorn einfach ran.

Als Ernst Mosch sich aber bereits 1974 dazu entschloss, nicht mehr in Zelten zu spielen, fürchtete Mestrini sich um sein Einkommen, das ja von Konzertabenden abhängig war. Mosch vermittelte ihn darauf an andere Besetzungen, machte aber gleich klar, dass diese die gleiche Gage zu bezahlen hätten wie er. „Das fand ich sehr fair.“

„Für das Böhmische hatte nicht jeder das Gefühl.“

Wenn Mestrini über seine 22 Jahre bei den Egerländern erzählt, klingt es, als hätte er an einem dauernden Börsenhoch partizipiert – beglückend, aber man gewöhnt sich auch daran. „Es war immer ausverkauft.“ Fans gab es zuhauf und die Sehnsucht der Flüchtlinge, die ein Stück aus ihrer Egerländer Heimat mitbekommen wollten, war spürbar. „Wenn wir ‚Wir sind Kinder von der Eger‘ spielten, rannen die Tränen. Mir hat es immer Spaß gemacht.“

Mestrini scheint trotz der langen Zusammenarbeit stets eine professionelle Distanz zu Ernst Mosch gewahrt zu haben. Für ihn war er immer „Herr Mosch“. Der Respekt für den ‚König der Blasmusik‘ als Künstler und Frontmann ist bis heute enorm: „Er war einer der wenigen, der wusste, was er wollte. Er ging ins Studio und hatte eine genaue Vorstellung.“ Wenn er an andere zurückdenkt, kam es ihm da eher vor, als hätten diese ihre Musiker spielen lassen und einfach gehofft, dass es gut geht. „Der Mosch“ habe dagegen manche Leute auch nachhause geschickt, weil es mit ihnen einfach nicht so klappte wie er wollte. Musikalisch wohlgemerkt – „da hat er auch Koryphäen heimgeschickt, die sich die Stilistik nicht aneignen konnten.“ Mestrini hat dazu einige Exempel auf Lager, die man mit seinen Worten so subsummieren kann: „Für das Böhmische hatte nicht jeder das Gefühl.“ Die Vorliebe für diese Art der Musik machte den entscheidenden Unterschied. Ob jemand zuvor Jazz oder Klassik spielte, war offensichtlich irrelevant für Erfolg oder Misserfolg.

 

 

Apropos Jazz: „Das hat mich nie wirklich interessiert. Nur einmal rief mich der Hochtonbläser Georg Weyerer an, um mich für einen Gig zu engagieren. Er wusste, dass ich mit Mosch im März 1975 wieder auf Tour gehe und fragte, ob ich im Februar nicht mit seiner Big Band spielen wolle. So kam es dann, dass ich einen Monat lang jeden Abend im Königshof in Stuttgart auftrat.“

Daneben nahm Mestrini mit vielen Blasmusikbesetzungen auf, was Mosch mit der Zeit immer weniger gefiel, da jener das Gefühl hatte, seine Nachahmer im weiteren Sinne würden sich mit seinen Musikern schmücken. Natürlich wollten diese aber auch abseits des Engagements bei den Egerländern Geld verdienen. Sein Flügelhornist aus Holland war da keine Ausnahme. Das soll aber nicht heißen, dass Mosch das Salär seiner Musiker über die Jahre nicht nach oben angepasst habe. Mestrini sagt geradeheraus, was er zuletzt verdiente: „800 Mark pro Abend waren es 1992. Das war nicht schlecht. Bei James Last bekamen die Jungs 1.000 Mark – und die mussten mehr ackern.“

Freek Mestrini heute – das Leben als Verleger

Während der Zeit bei Mosch begann Mestrini auch damit, selbst Musik zu schreiben. Sein Flügelhornkollege Franz Bummerl und Moschs Star-Arrangeur Gerald Weinkopf begutachteten seine Werke und gaben Tipps. Über Aufnahmen mit Orchestern, in denen er selbst Flügelhorn spielte, wurde für ihn das Thema der nachhaltigen Musikvermarktung greifbar. Nicht mehr nur spielen und dafür einmalig Geld verdienen, sondern Komponieren, Arrangieren und Aufnehmen, um dann immer wieder ein Einkommen zu lukrieren. Die großen Verlage Rundel und Ewoton wurden auf Mestrini aufmerksam und ab 1986 leitete er sogar Moschs eigenen Musikverlag – bis er 1993 mit dem eigenen Verlag den nächsten und nur logischen Schritt machte. Der Wertach Musikverlag, benannt nach dem Fluss, der in Mestrinis Wahlheimat – dem Allgäu – entspringt, existiert bis heute und ist gewissermaßen ein Familienbetrieb. Interessant ist, dass Mestrinis Notenprodukte nicht nur unter seinem Namen zu finden sind, sondern auch unter zwei Pseudonymen: Marco Fremes und – passend für einen Spezialisten auf dem Gebiet der böhmischen Musik – Vaclav Sekulka.

 

Mestrinis berufliches Leben heute sind Noten. Doch die Instrumente aus der aktiven Musikerlaufbahn sind alle im Büro griffbereit, wenn auch nur dekorativ gelagert.

 

54 Jahre an der Trompete ohne Tiefpunkte

Mestrinis knapp 8 Jahrzehnte merkt man ihm im Gespräch nicht an. Seine Antworten kommen schnell, sind klar formuliert und die Details seiner Erinnerung überzeugen einem zweifelsfrei von deren Genauigkeit. Das Trompetespielen hat er indes schon vor vielen Jahren beendet – mit 60 Jahren. Nicht aufgegeben, sondern ad acta gelegt. Hat es ihm jemals Probleme bereitet? „Technische Schwierigkeiten hab ich keine gehabt.“ Das Transponieren in der Oper war nie seine Lieblingsdisziplin, wie er sagt, vor allem die Stimme für die D-Trompete schrieb er sich lieber um anstatt das Umlesen zu lernen. „Doch die Oper hat mich nicht fasziniert – was mich faszinierte, war der Mosch. Weil mir die Musik ins Ohr ging.“ Dort lernte er viel bezüglich Artikulation und Phrasierung von Franz Bummerl. Der riet zudem dazu, „den Alten“ immer gut im Auge zu behalten. Mosch konnte an einem Tag eine Sache so wollen und an einem anderen auch wieder anders. Ob sich Mestrini für Unterricht begeistern konnte? „Für Schüler war ich immer zu ungeduldig. Ich dachte, nach 3 Monaten müssten sie so spielen wie ich.“

 

Im Hintergrund: eine goldene Schallplatte – Zeugnis eines erfolgreichen Musikerlebens.

 

Freek Mestrini und seine Instrumente

Eine lange Liste liegt nicht vor, wenn Mestrinis Arbeitsgeräte aufgezählt sind. Nach der Mitte der 1960er Jahre für 840 Gulden erworbenen Conn 38B spielte er das Trompetenrepertoire auf einer Bach Stradivarius C-Trompete (!) mit B-Zügen ein. Das ist beinahe unglaublich. Als Flügelhorn kam ein Instrument des Instrumentenmachers Schediwy zum Einsatz (graviert mit „Musikhaus Barth“). „Für Fernsehaufnahmen bekamen wir Instrumente gestellt. Es gab teilweise Verträge mit Miraphone, Schreiber und auch Cerveny.“ Wie eingangs erwähnt, spielte er alles (!) auf einem Bach 6B Trompetenmundstück – im Grunde zeitlebens. Das ließ er auf Anraten von Franz Bummerl dann aufbohren – „ein Muckefurz größer gemacht“ – und den Schaft um einen Zentimeter kürzen. „Bummerl hat auch mit seinem Trompetenmundstück Flügelhorn gespielt, Lubomir Rezanina und Ack van Royen ebenfalls.“ Man möchte es sich nicht gern eingestehen, aber die Wirklichkeit und der Erfolg jener Giganten am Flügelhorn geben hier all jenen recht, die es in ihren Musikvereinen und Blaskapellen (vielleicht aus Gründen der Bequemlichkeit) diesen Herren gleichtun.

 

 

Es Mestrini gleich zu tun, dürfte übrigens generell ein guter Rat sein. Er war offensichtlich als Trompeter talentiert, aber zweifellos auch fleißig. Er handelte zielstrebig und überlegt, doch zögerte nicht, eine Chance zu ergreifen, wenn sie sich ihm bot. Wie seine Geschichte zeigt: Das macht sich bezahlt.

Porträts wie dieses werden über Tage geschrieben. Das zugrundeliegende Gespräch mit Anfahrt ist dabei noch nicht einmal eingerechnet. Du machst diese Arbeit mit deiner Spende möglich. Bitte unterstütze TrumpetScout – jeder Euro zählt: paypal.me/trumpetscout! Danke!