„Was passiert eigentlich, wenn man…?“ Solche Fragen haben den TrumpetScout schon immer umgetrieben. Vor allem, wenn es um die Trompete geht. Jetzt beendete er ein Experiment, das man als grobes Mundstück-Tuning bezeichnen kann – oder als mutwillige Zerstörung.
Der erste Teil zur ‚Monette-isierung‘ eines Trompetenmundstücks ging ausführlich auf die Idee dahinter ein. Kurz rekapituliert: Kann man sich ein Monette-ähnliches Mundstück selbst bauen? Dabei wurde gleich der erste Schritt vollzogen: Ein Yamaha Bobby Shew Lead verlor durch Kürzen des Schafts um ganze 5 Millimeter an Länge. In einem weiteren Schritt erfolgte nun die zweite zentrale Modifikation – die Vergrößerung der Seele – auch als Bohrung bezeichnet -, also eine Aufweitung des engsten Teils im Luftkanal.
Kleiner großer Sprung: von ursprünglich 3,56 mm auf 3,7 mm Bohrung
Wie hier berichtet, war das ‚Labormundstück‘ wohl schon ab Werk etwas größer gebohrt. Die Prüfung über verschiedene Bohrer wies eine Durchgangsweite von mehr als 3,6 mm, aber weniger als 3,7 mm auf – bei angegebenen 3,56 mm. Nun sind Mundstücke filigrane Bauteile und wir Trompeter:innen sensible Wesen. Ein Aufbohren auf 4 oder noch mehr Millimeter wäre nicht einfach ein größerer Schritt, der eine Veränderungstendenz schlicht sehr deutlich machen würde. Vielmehr käme er einer Zerstörung gleich – auch wenn manche Monette-Mundstücke ein solches Seelenmaß aufweisen. Diese sind dann aber auch ingesamt sehr viel größer. Denn Kesseltiefe und -durchmesser korrespondieren mit Seele und Backbore, weshalb ein orchestrales Mundstück mit einer XXXL-Bohrung auch funktionieren kann (wenn auch nicht muss). Bei diesem Yamaha-Mundstück handelt es sich aber um ein ausgesprochen kleines Modell, für das ein solches Übermaß in einem ersten Schritt einfach nicht sinnvoll erscheint. Deshalb fiel die Wahl zunächst auf den 3,7-mm-Bohrer.

Folge des Tunings: größere Seele, mehr Röhre
Nun verläuft der Innenquerschnitt eines Trompetenmundstücks praktisch nie zylindrisch – in keinem Abschnitt. Erst verjüngt sich der Durchmesser schnell am Innenrand, dann je nach Design langsam (bei schüsselförmigen) oder schneller (bei trichterförmigen Kesseln), dann immer sehr schnell vor der Bohrung. Sofort nach der Engstelle (also der Seele) geht er meist langsam über die gesamte Backbore wieder auseinander – tendenziell linear (und damit konisch), oft in Kurvenform, aber insgesamt immer an eine Düse erinnernd. Die Seele ist also mathematisch betrachtet der Nullpunkt in einer Funktion, die die Veränderung des Durchmessers beschreibt.

Bedient man sich einer vergleichsweise einfachen Apparatur zur Erweiterung der Seele in Form eines gewöhnlichen Bohrers, vergrößert man nicht einfach nur den Minimumpunkt, man macht daraus eine Minimallinie. Die Seele wird zu einer Röhre, einem zylindrischen Kanal. Beim Bobby Shew Lead scheint – so die Aussage des Instrumentenbauers, der die Bohrung vornahm – der Beginn der Backbore sehr flach zu verlaufen. D.h., es ist schon eine Quasi-Röhre aus Seele und Backbore-Eingang vorhanden. Dennoch wurde dieser Tunnel durch das Tuning nun verlängert. Das dürfte bei einem echten Monette wohl eher nicht der Fall sein. Die schnelle Monette-isierung kommt auch hier – genauso wie beim Kürzen des Schafts ohne Nachdrehen der Rückbohrung – deutlich an ihre Grenzen.
Der Unterschied: Ur-Zustand versus Monette-Shew
Nun ist es also fertig, das monette-isierte Yamaha Bobby Shew Lead. Mit kürzerem Schaft und (mit bloßem Auge) sichtbar größerer Bohrung. Wie aber spielt es sich? Der TrumpetScout hat dazu lange auf beiden Varianten gespielt, doch nur schwer zu einem Ergebnis gefunden.

Es musste also ein echter Blindtest durchgeführt werden, einmal als Spieler und einmal als Hörer. Das Spielgefühl wurde dabei in verschiedenen Kategorien bzw. Spielsituationen (hoch – mittel, laut – leise, markant gestoßen und weich, klar und mit Subtones etc.). Die Protokollierung lag in externen Händen, auch die Mundstücke wurde nicht selbst getauscht. Das Resultat? Wieder nicht sonnenklar, mit leichten Vorteilen für das getunte Mundstück, die aber in ihrer schwachen Ausprägung nicht überbewertet werden sollten.

Erst der Hörtest und die Rückmeldung eines Kollegen, der vorspielte, erweckten den Eindruck, dass das monette-isierte Shew Lead nicht mehr ganz so gut funktionierte wie das unberührte Modell – zumindest wenn man sich den Zweck vor Augen hält, für den es konzipiert wurde. Das Originalmundstück produziert einen noch kompakteren, kernigeren Klang. Es ist noch eine Spur lauter und bietet noch mehr Führung, die man sich im obersten Register in der Regel wünscht. Auf der anderen Seite: Der Intonation schadete der ganze Eingriff nicht.
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Getunt oder Schrott? Das ist hier die Frage.
Hat die ganze Sache also gar nichts gebracht? Die beruhigende Antwort lautet natürlich: „Doch, Erkenntnis!“ Aber ganz sicher nicht im Sinne von „Lass die Finger davon“. Vielmehr hat den TrumpetScout überrascht, wieviel man an einem so delikaten und unbestritten wichtigen Teil des Instruments herumsägen und – bohren kann, ohne dass alles in die Hose geht. Anders hätte es wahrscheinlich beim Aufreiben der Randkontur ausgesehen. Sie bestimmt maßgeblich, wie sich ein Mundstück anfühlt – ob groß oder klein und griffig oder eher undefiniert. Zudem muss man attestieren: Vielleicht kann der eine oder die andere die Bohrung des eigenen Mundstücks (von dem man besser gleich mehrere hat!) um ein Zehntel vergrößern und daraus einen Nutzen ziehen. Ein Monette-Mundstück aus einem konventionellen schnitzen? Der Illusion gab sich auch der TrumpetScout nicht hin! Aber hätte das geklappt, wäre er wahrscheinlich sowieso nicht zufrieden gewesen.

Es bleibt die Frage, ob man noch auf 3,8 mm aufbohren sollte. Wohl eher nicht, denn die Richtung ist erkennbar, konkret hörbar. Der Ton bewegt sich von fokussiert hin zu diffus. Bei dieser Art von Mundstück ist genau das aber nicht erwünscht. Vielleicht fällt dem TrumpetScout mal noch ein günstiges gebrauchtes Bobby Shew Lead in die Hände (Sachspenden sind natürlich auch möglich!). Dann könnte es tatsächlich zur finalen und übermäßigen Aufweitung kommen. Bis dahin bleibt das Shew Monette im Gigbag für die Notfälle, in denen (wieder mal) das falsche Mundstück eingepackt wurde.