Klingen wie Sebastian Höglauer? So sind seine Mundstücke SH1 und SH2 gebaut

2Sebastian Höglauer ist ein Meister auf Flügelhorn sowie Trompete und erzeugt auf beiden Instrumenten einen fetten Sound. Der TrumpetScout hat sich deshalb die selbstentwickelten Mundstücke des nicht nur hervorragenden Musikers, sondern auch ausgebildeten Instrumentenmachers genauer angeschaut.

 

Sebastian Höglauer geht es wie einem Adam Rapa. Er mag es weit. Das dürfte damit zu tun haben, dass er lange Zeit eigentlich nicht Trompeter war, sondern Flügelhornist. Bis ungefähr 20, so gibt er im TrumpetScout-Interview an, habe er die Trompete nur ungern gespielt. Heute ist zwar Flügelhorn noch immer das Hauptinstrument und in seiner eigenen Kapelle So & So hängt er die Latte auf diesem Instrument musikalisch sehr hoch. Auf der Trompete steht er sich selbst und allen anderen aber in nichts nach – und demonstriert das regelmäßig auch vor Publikum, so z.B. bei Auftritten von Die kleine Egerländer Besetzung (DKEB).

Weil er im Gespräch vor Jahren von seinem weit über das normale Maß aufgebohrten Mundstück erzählte, fragte der TrumpetScout jetzt noch einmal genauer nach. Besonders spannend macht das Thema nämlich gerade das Extrem: Höglauers Konzept scheint so etwas wie der diametrale Gegenentwurf zu Benny Brown Idee eines möglichst engen Mundstücks zu sein. Beide Könner und Highnoter liefern überzeugende Ergebnisse – nur eben mit völlig unterschiedlichem Material. Wie genau die mit dem Name Weber versehenen Mundstücke konstruiert sind, erklärt dieser Artikel.

Die Entwicklungsgeschichte der SH-Mundstücke

Ausgangsbasis war ein Warburton 4M Oberteil in Kombination mit zunächst mehreren Stengeln: 8*, 9*, 10* und 12*. Das heißt, Höglauer griff auf ein großes Mundstück in puncto Durchmesser (16,75 mm), einen mitteltiefen Kessel und offene bis hin zu extrem offenen Backbores zurück. Der Asterisk bedeutet bei Warburton-Stengeln, dass die Luftführung bei gleicher Bohrung (3,66 mm) noch weiter ist. Höglauer vergleicht das Oberteil mit einem 1 1/2C von Bach. Ein Querschnittsvergleich über den Mouthpiece Comparator zeigt doch etwas weniger Kesselvolumen. Das 4MD scheint die beste Entsprechung bei Warburton zur im Orchesterbereich oft gewählten Größe bei Bach sein.

 

Die Prototypen und ersten Modelle wurden noch bei Franz Weber auf der Drehbank gefertigt. Foto: Angelika Weber

 

Doch dem Hornisten Höglauer war der Widerstand noch immer zu groß, die Luft schien sich für ihn zu stauen. Deshalb wurde zunächst die Bohrung geöffnet; erst auf 3,9 mm, dann sogar auf 4 mm. Danach ging es an die Rückbohrung. Mit Werkzeugen der Weberschen Werkstatt weitete Höglauer händisch den Bereich nach der Seele. Aus der für die Experimente genutzten 10* Backbore wurde etwas völlig eigenes. Nach dem Motto ‚Versuch macht klug‘ wurde dabei auch übertrieben. Zu weit gebohrt, zu weit aufgetrieben. Aber nur so lässt sich das Optimum finden.

 

Der Prototyp für die Serienfertigung – offensichtlich noch mit Schraubrand. Foto: Sebastian Höglauer

 

Ziel der Höglauer-Mundstücke

Welches Ziel beabsichtigte Höglauer mit seinen für ihn maßgeschneiderten Mundstücken? Natürlich muss er sich darauf wohlfühlen – in den für ihn üblichen Spielsituationen. Und das heißt, in unterschiedlichen Blasmusikbesetzungen, in denen die Trompete mal die Melodie übernimmt, mal Signale schmettert und mal das große Ausrufezeichen mit vielen Hilfslinien über dem Notensystem setzt.

 

 

Zwar sagte der Schöpfer seiner eigenen Mundstücke im Interview, dass er am Ende immer wieder wie er selbst klinge, egal wie das Mundstück beschaffen sei. Aber für seine Zwecke bevorzuge er einen fetten Klang und keinen hellen. Der TrumpetScout schätzt, dass Höglauers Mundstücke beides leisten: ihm spielerisch gefallen und zudem auch dabei unterstützen, diesen speziellen Sound mit enormem Punch zu erzeugen. Den Höglauers energetische Trompeteneinsätze treffen einen nicht wie Nadelspitzen oder Laserbeschuss, sondern wie ein Schwinger eines Schwergewichtsboxers.

Die Serienkonfiguration der Höglauer-Mundstückmodelle

Heute gibt es zwei Mundstücke für Trompete, die den Namen Sebastian Höglauer tragen: das SH1 und das SH2. Während das SH1 dem Prototypen auf Warburton-Basis am nächsten kommt, ist das SH2 quasi eine in zentralen Dimensionen geschrumpfte Variante: Kesseldurchmesser, Kesseltiefe und Bohrung weisen geringere Abmessungen auf.

 

Man kann den Größenunterschied mit bloßem Auge erkennen. Am Mund ist er jedoch ganz deutlich zu spüren. Das SH2 (rechts) ist fast schon klein.

 

Beim SH1 weist folgende Spezifikationen auf: 16,8 mm Durchmesser und auch ein etwas größerer Kessel als beim Warburton 4M in Kombination mit einer 3,8 mm großen Bohrung und einer im Vergleich zum händisch manipulierten 10*-Stengel wieder etwas engeren Backbore. Enger heißt aber beileibe nicht eng. Die Luftführung hier muss in Relation zum radikalen Extrem des Testobjekts gesehen werden. „Die Ausgewogenheit ist absolut entscheidend“, sagt Höglauer.

Beim SH2 wurde im Vergleich die Backbore sogar etwas offener gestaltet. Dafür misst die Seele im Querschnitt nur 3,6 mm, der Kessel ist weniger tief und der Durchmesser rangiert bei nur 16,5 mm. Wenn man bedenkt, dass das Yamaha Bobby Shew Lead 16,54 mm groß ist, wirkt das SH2 schon fast winzig.

Beide Modelle sind 81 mm lang und 125 Gramm schwer. Das ist ein gehöriger Unterschied zu gewöhnlichen Mundstücken, die in der typischen Bach-Bauform meist nur um die 80 Gramm auf die Waage bringen. 45 Gramm bzw. 56 % mehr Gewicht sind beim Mundstück ein Wort. Es ist gewissermaßen ein Booster eingebaut. Verantwortlich für das wuchtige Außendesign, das an eine umgedrehte Vase oder einen Bowling-Kegel erinnert, ist Sebastian Höglauer selbst. Er wollte mehr Masse als beim sehr schlanken Warburton, wodurch die Mundstücke sehr gut zu seiner ebenfalls selbstgebauten Trompete passen, die nach eigenen Angaben wie ein Panzer konstruiert ist. Während die Extragramm mit Bedacht dosiert sein dürften, ist die Form, in die das Mehrgewicht gebracht wurde, hingegen willkürlich gewählt. Sie gefiel ihm einfach.

 

Vase auf dem Kopf. Man sieht die Ähnlichkeit?

 

So spielen sich die Weber-Mundstücke von Sebastian Höglauer

Sebastian Höglauer sagt, dass er mit beiden Mundstücken gut zurecht komme und mit dem größeren genauso hoch oder laut spielen könne wie mit dem kleineren. „Die Frage ist nur, wie oft und wie lang.“ Er greift also vor allem dann zum SH2, wenn die Beanspruchung deutlich erhöht ist.

 

Das kleinere SH2 lag dem TrumpetScout mehr. Aber beide boten wenig Gegendruck, vor allem in der Höhe.

 

Der TrumpetScout als Freund kleiner Mundstücke kam naturgemäß mit dem SH2 etwas besser zurecht, da es dem vielbenutzten Shew Lead ähnlicher ist. Doch auch mit dem größeren SH1 war das Obergeschoss nicht verschlossen. Allerdings fehlte der gewohnte Gegendruck und es wurde so schnell anstrengend.

Unterschied zu Mundstücken mit einem klassischen runden und schmalen Bach-Rand ist die etwas breitere Kontur mit einem klaren Höhepunkt innen und einem flacheren Auslauf. Das sollte den Druck besser verteilen und vielen Spielern zupasskommen. Wir reden hier aber nicht von Extremen: Der Rand ist keine Klobrille, die das Bite-Gefühl zunichtemacht und die Flexibilität einschränkt. Die Mundstücke fühlen sich aufgrund ihres Randdesigns aber beinahe kleiner an als sie sind.

Ein befreundeter Trompetenlehrer quittierte die ersten Töne mit „Kein Wunder, dass er so klingt wie er klingt!“. Das soll Höglauers Sound keinesfalls auf sein Equipment reduzieren, aber es bestätigte den Eindruck, dass diese Mundstücke die Breite im Ton durchaus fördern. Dem TrumpetScout drängte sich sogar die Idee auf, speziell das SH1 all jenen zu empfehlen, die einem Roy Hargrove nacheifern. Der spielte zwar keine Signale im Übergang einer Polka, aber klang dennoch so wahnsinnig fett wie es nur selten zu hören ist. Um noch einmal ein Bild aufzugreifen: Während andere mit einem spitzen Bleistift unterschreiben, hat man hier einen Edding zur Hand. Der braucht aber ordentlich Tinte.

 

Sebastian Höglauer in der Werkstatt von Franz Weber. Hier allerdings mit dem Flügelhornmundstück, das er sich auch nach eigener Vorstellung gebaut hat. Foto: Angelika Weber

 

Nach einem längeren Test brachte der Kollege die Mundstücke zurück und gab seinen zentralen Eindruck weiter: Es lasse sich damit wunderbar von unten nach oben ein homogener Klang produzieren. Für seine Jazzeinsätze wolle er aber genau das nicht haben wolle. Es fehle im schlicht an Sizzle und Spitze im oberen Register. Der TrumpetScout sieht das positiv: Man ist wieder bei Roy Hargrove, der mit seiner Trompete niemals stichelte oder schrie, sondern nur föhnte.

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Für den TrumpetScout waren beide Modelle schlicht zu zermürbend. Sie saugten regelrecht aus, was vor allem beim SH2 verwunderte. Es dürfte an der speziellen Backbore liegen. Die wiederum zeigte keine Nachteile beim Thema Intonation – man könnte ja vermuten, dass mit größerer Bohrung (beim SH1) und weiter Backbore das Slotting leidet und man gerne einmal daneben schießt. Hängende Töne fielen nicht auf.

Prinzipiell bestätigte sich die Grundannahme: Die Höglauer-Mundstücke von Weber sind – zumindest in Form des SH1 – die Antipoden zu den Neuinterpretationen der Fischer-Mundstücke von Galileo. Die einen groß und weit, die anderen klein und eng – wenngleich man sich bei der Backbore nicht wirklich sicher sein. Hierzu müsste man Abdrücke anfertigen oder CNC-Daten übereinanderlegen. Die geben Hersteller aber ungern heraus.

 

CNC-gefräste Serienmodelle: die SH-Mundstücke von Weber

 

Apropos Hersteller: Die aktuelle Generation der Weber-Mundstücke wird nach modernsten Fertigungsmethoden mit Diamantfräskopfen gefertigt. Das sorgt für eine enorm hohe Konstanz und eine Messingoberfläche, die vor dem Versilbern nicht mehr poliert werden muss. Das Zwischenergebnis – die gefrästen Messingmundstücke vor der Galvanisierung – konnte der TrumpetScout mit eigenen Augen sehen. Man hätte sie für vergoldet halten können.

Für wen das Richtige?

Heißt groß und weit im Vergleich mit klein und eng automatisch auch ineffizient vs. hocheffizient? Das ist zu bezweifeln. Vielmehr wird jede Ausprägung einem Spielertyp gerecht. Der eine sehnt sich nach mehr Offenheit, der andere arbeitet perfekt mit kleinsten Blasröhrchen. Wer mit groß aber gut zurechtkommt, sollte die Höglauer-Mundstücke testen. Vielleicht klingt er oder sie dann am Ende ein bisschen mehr wie der Dampfhammer aus dem Berchtesgadner Land – oder eben Roy Hargrove.