Angespielt: Schilke B5 – Schilkes andere Seite

Der TrumpetScout ist kein ausgewiesener Schilke-Kenner, hat aber doch schon einige Modelle probieren dürfen. Noch nie dabei war eine B5 – wie es heißt, eine der populärsten Trompeten der Chicagoer Schmiede. Gefällt sie auch dem TrumpetScout?

Eine bekannte Bezeichnung – die B5 gehört zu den meistverkauften Schilke-Trompeten.

 

Trompeten von Schilke sind eigen. Und hätte es nicht die folgenreiche Zusammenarbeit mit  Yamaha in den 1960er Jahren gegeben, die uns in der Folge die heute so populären Modelle YTR-6310 oder YTR-8310 bescherte, wäre ihr Konzept richtiggehend exotisch und der Anblick der extrem reduzierten Trompeten mit reversed leadpipe und einem Stimmzug ohne Stütze eine Seltenheit. Ja, mit der S-Line hielt dann eine Stütze an besagtem Bogen Einzug, aber die enge Wicklung und der cleane Look verräten auch bei diesen Modellen die Zugehörigkeit zur Familie. In diesem Artikel geht es aber nun um einen echten Klassiker der Marke – eine Schilke B5.

Das macht die Schilke B5 besonders

Von außen praktisch nicht zu unterscheiden von allen anderen B-Modellen und im Grunde auch nicht von den Trompeten mit X zu Beginn des Modellcodes, birgt die B5 unter dem Silberkleid eine Besonderheit: Ihr Becher ist aus reinem Kupfer gemacht. Anders als die berühmten Beryllium-Becher ist dieser normalgewichtig, also nicht papierdünn, und auch nicht elektrolytisch hergestellt. Ob dennoch nahtlos, das bleibt die Frage. Schilke hatte offentlich verschiedene Lieferanten bei den Schallstücken, die eventuell auch auf verschiedene Techniken setzten. Auf Schilke Loyalist heißt es, dass zumindest die Messingbecher durch das Ziehen eines Rohres auch nahtlos hergestellt werden konnten. Die vorliegende B5 zeigt keine Anzeichen einer Längsnaht im Inneren des Bechers (die würde für eine traditionell gelötete und gehämmerte  Bauweise sprechen). Stattdessen deutet eine Kreisnaht daraufhin, dass es sich um eine zweiteilige Konstruktion mit aufgesetztem Oberteil handelt.

 

Entweder spuren eines aggressiven Trompetenständers oder eindeutiges Indiz für eine zweiteilige Becherkonstruktion.

 

Schilke B5: Ein Angriff auf Bach?

Nun kennt ein Schallstück nicht nur die Merkmale Material, Stärke und Bauart, sondern zuvorderst die Form bzw. den Verlauf, oft auch nicht ganz korrekt mit ‚Größe‘ bezeichnet. Schilke benutzt bei den B-Trompeten für gewöhnlich 3 Formen – früher A, B und C, ab 1982 dann 1, 2 und 3 -, die mittlerweile aber zumeist mit Größenangaben versehen sind. #1 ist der ‚größte‘ Becher wird deshalb gern als ‚Large Bell‘ bezeichnet, #2 darunter als ‚Medium Large‘ und dann #3 als ‚Medium‘.

 

Es ist immer schwer, sich ohne Hilfsmittel ein Bild des Becherverlaufs zu machen. Was man aber sagen kann: Sehr früh sehr weit ist das Schallstück nicht.

 

Bei der B5 kommt der #2-Becher zum Einsatz, der Ähnlichkeiten im Querschnitt mit einem 37er Bach-Becher haben soll, auch wenn der Durchmesser am Becherausgang mit 127 mm (so eigentlich bei allen Schilke-Modellen) erkennbar größer ist als bei einer Stradivarius. Aber der Teil davor ist der wichtigere.

Die Ventile sind in einem ML-Maß mensuriert. Der TrumpetScout maß an allen Ventilzügen 11,7 mm. Laut Schilke Loyalist soll auch bei der B5 das Step Bore Design angewandt werden, eine komplizierte Sache, die eigentlich eines eigenen Artikels bedarf. Dabei werden an gewissen Stellen im Instrument größere Rohrquerschnitte eingebaut, um die Intonation zu verbessern. Leider sind das oft die Bögen, deren Innendurchmesser sich nicht wirklich messen lässt.

Weitere taxonomische Größe, bevor es an das Spielgefühl geht: Auf die Waage bringt die vorliegende Schilke B5 990 Gramm. Alles andere hätte zu einer traditionellen Schilke-Trompete (seit mittlerweile doch vielen Jahren gibt es ja die schwereren Heavy Design-Modelle) nicht gepasst. Dahingehend ist der Unterschied zu einer Bach Stradivarius mit um die 150 Gramm mehr riesig.

Schilke B5 als Gegenstück zur B1

Bislang waren die meisten Schilke-Modelle, die der TrumpetScout anspielen konnte, mit der kleinen 11,42er Bohrung versehen (Größe M). Darunter mehrere S42 und B7. Die Ansprache war dabei sehr gut und der Widerstand angenehm klein. Noch besser (und auch zugegebenermaßen besser in Erinnerung) erschien eine B1, die erst vor einigen Wochen angespielt werden konnte. Jenes Instrument mit ML-Bohrung (wie die B5), aber #1-Becher (Large) aus Messing schien beinahe alleine zu spielen und fühlte sich auch in der Hand noch einmal leichter an. Wie die Nummer 1 hinter dem B verrät: Das ist Renold Schilke erstes Design und war wohl auch sein Leben lang sein Favorit. Das kann der TrumpetScout sehr gut nachvollziehen. Es steht unter dem Aspekt der Spielbarkeit für absolute Leichtigkeit. Dieses Modell nutzten deshalb auch schon Andy Haderer und Christoph Moschberger.

 

ML-Bohrung wie die B1 – aber das hat nichts zu bedeuten.

 

 

Warum nun dieses weite Ausholen? Die B5 hat den TrumpetScout überrascht. Bereits beim ersten Anspielen vor einem Jahr bei einem Kollegen und nun in den Wochen der Arbeit am Artikel bzw. der Reinigung für den Verkauf. Denn dieses Modell hat mit den übrigen Schilke-Hörnern, die in den letzten Jahren untergekommen sind, bis auf den grandiosen Lauf der Ventile nichts zu tun. Nicht mit der B7, nicht mit der S32, nicht mit S42, nicht mit einer S22 und auch nicht mit einer X3. Und noch weniger mit der besagten B1. Mit dieser Meinung steht der TrumpetScout aber nicht allein da, so manche Stimmen im Netz und im Speziellen der Autor des Schilke Loyalist: „Durch den Schallbecher aus dichterem Kupfer und den engeren Becherverlauf hat die B5 einen höheren Widerstand als die B1. Ich denke, wenn man B1 und B5 gegeneinander testet, hat man in der Regel eine ziemlich klare Präferenz für die eine oder andere Trompete, so unterschiedlich sind sie. Meine Tochter hat eine B5, ich habe eine B1. Wir würden unsere Instrumente nicht tauschen wollen.“

 

Unter dem Silber liegt vermutlich das Geheimnis der Andersartigkeit der Schilke B5.

 

Eigenes Feedback, eigener Widerstand

Zuvor heißt es zudem: „Der B5 hat mehr Widerstand und einen kompakteren, zentrierten Klang als der B1.“ Für den TrumpetScout ist das eine Untertreibung. Die Trompete hat deutlich mehr Widerstand, und den auch an einer für den TrumpetScout unbequemen Stelle. Prinzipiell liegen ihm enge Hörner, aber in diesem Fall konnten Spieler und Instrument nicht wirklich zusammenfinden. Ein kompakterer Sound als bei der B1 lässt sich auf jeden Fall attestieren, aber auch ein (hinter der Trompete!) weniger lebendiger.

 

Rich Baptists Schilke B5 ist vergoldet. Ob das einen großen Unterschied macht?

 

Andere berichten über sehr gute Erfahrungen mit einer B5, so auch der neue Eigentümer, der zuvor schon ein solches Modell besaß und deshalb unbedingt wieder haben wollte. Der wohl bekannteste Fan ist Rick Baptist, seines Zeichens Studio-Legende und Trompeter in unzähligen TV- und Award Shows. Dass der alles auf einer solchen Trompete spielte, spricht für das Instrument.

 

 

Am Ende ist es natürlich Geschmacksache. Der TrumpetScout vermutet, dass in erster Linie das Material über den Charakter dieser Trompete entscheidet. Der Becher aus Kupfer sorgt auf Kosten der Rückmeldung für ein fantastisches Abstrahlverhalten und gleichzeitig für vergrößerten Widerstand. Möglicherweise fühlt sich eine B6 mit der gleichen Becherform und Messing trotz einer M-Bohrung tatsächlich größer an. Dabei dürften Resonanzen im Instrument entscheidend sein, die bei Messing anders ausfallen und damit Ansprache und Widerstand beeinflussen. (Man merkt an der vagen Formulierung: Es handelt sich um Theorien, die aber auf konkreter Testerfahrung basieren.)

Schilke B5 und ihr Sound

Neben dem Testen zuhause brachte ein finaler Vergleich die Gewissheit – der Klang der Schilke B5 ist eher kompakt. Bei Übergabe des Horn gab es das perfekte Head-to-Head: Der neue Eigentümer spielte seine Schilke X3L gegen die B5. Der Unterschied in der Breite des Tons war deutlich zu hören, aber zugleich auch nicht so groß, wie es die schieren Daten vermuten lassen. Die X3 mit großem Messingbecher und größerer Bohrung flutete den Raum nicht in alle Richtungen bzw. die Töne aus der B5 fühlten sich nicht an wie Stäbe, die den Körper treffen. Der Unterschied lag – wie nicht selten – vielmehr auf der Seite des Spielgefühls, da sich die X3 einfach freier blasen ließ. Aber gerade das entscheidet ja in erster Linie über die Freude mit einem Instrument.

Der Titel mag einen Kurztest verheißen, der Artikel ist definitiv ausführlich und die Recherche dafür zog sich wie immer über viele Tage. Willst du diese Arbeit unterstützen, dann nutze die Möglichkeit zur Spende – jeder Euro zählt: paypal.me/trumpetscout! Danke! 

 

Diese Schilke B5 wurde in den frühen 80er Jahren gebaut. Dafür sieht sie spitze aus und hat noch immer überragende Ventile.