So manches alte Horn ist irgendwann nicht mehr zu benutzen, wenn die Ventile richtig undicht werden. Dann heißt es: entweder ein restliches Leben als Staubfänger in der Vitrine oder eine Restauration der Ventilkolben. Der TrumpetScout entschied sich für den kostspieligeren Weg, um einer ganz besonderen Trompete wieder neues Leben einzuhauchen. Und zwar einer über hundert Jahre alten Conn 22B.
Als Sympathisant von Vintage-Trompeten, die nicht selten 60, oft auch 80 Jahre oder mehr auf dem Buckel haben, kennt der TrumpetScout die Gefahr des Ventiltods – einer schleichenden Krankheit – nur zu gut. Oft haben die Pumpen nach Jahrzehnten der ausgiebigen Benutzung und schlechten Pflege etwas Luft, das sich mit dickem Öl noch kompensieren lässt. Irgendwann aber bekommen sie einen regelrechten Kolbenkipper, haben also so viel Spiel, das man sie in der Buchse horizontal bewegen kann. Dann hilft kein schnelles Mittel mehr. Die Trompete spricht undefiniert an, hat keinen kernigen Ton mehr und intoniert eventuell auch noch schlecht. Es ist wie bei einem Verbrennungsmotor ohne Kompression: Die Leistung geht flöten und die Trompete ist nicht mehr wirklich zu benutzen. Dann bleibt eben die Reduktion auf eine Existenz als Dekostück oder die Restaurierung der Maschine.
The Valve Job – wie kann man Ventile restaurieren?
Wie aber wir die volle Funktion der Ventile wiederhergestellt?
Erstmals erzählte Aneel Soomary vor vielen Jahren dem TrumpetScout von der Möglichkeit, Ventile neu zu beschichten. Das Material, das im Laufe des Lebens buchstäblich abgerieben wurde – und zwar auf Seite der Kolben wie auch der Buchse -, wird also wieder aufgetragen. Man spricht im Englischen von ‚plating‘, und das geschieht galvanisch. So kann man auch von Anbeginn an beschichtete Ventile, wie sie vor allem Conn und Getzen benutzten – in der Regel hartes Nickel auf Messing -, wieder originalgetreu auf Vordermann bringen. Das Verfahren ist aber aufwendig und die Auflagen gerade bei Nickel sind in den letzten Jahren extrem verschärft worden. In Europa ist die Verwendung mittlerweile stark restringiert. Zudem muss überall gleich viel Material aufgetragen und dann ein vielleicht nicht perfekt runden Ventil wieder eingeläppt werden.

Wenn die Ventile Spiel aufweisen, der in den Zehntelmillimeterbereich geht, ist mit einer Galvanisierung, die Hundertstel aufträgt, nicht mehr viel auszurichten. Dann kann man jedoch auf Hülsen zurückgreifen. Dafür dreht man den zu dünn gewordenen Kolben noch weiter ab, sodass die Hülse – ein Rohr in der geeigneten Stärke – in enger Passung über den Kolben (auch ‚Wechsel‘ genannt) geschoben werden kann. Dann ist ein Übermaß vorhanden, das man wiederum auf das für die bestehenden Buchse passende Maß herunterdreht. Danach müssen natürlich die Löcher nachgebohrt und die Kanten nachgearbeitet werden. Robb Stewart erklärt dieses sogenannte ’sleeving‘ auf seiner Webseite sehr anschaulich.
Die dritte Möglichkeit ist der vollständige Ersatz des eigentlichen Ventilkolbens, also des unteren Teils mit den Ventildurchgängen. Da die meisten Hersteller seit vielen Jahrzehnten auf Kolben aus Vollmaterial – entweder Edelstahl oder Monel (eine Legierung aus vornehmlich Nickel und Kupfer sowie einem bisschen Eisen) – setzen, ist ein Nachbau mit genau dieser Fertigungstechnik kein Eingriff in das ursprüngliche Konzept. Man ersetzt einfach ein verschlissenes Originalteil durch ein neues. Dabei wird ein Rohling aus dem gewünschten Material auf den benötigten Durchmesser abgedreht, dann gebohrt und mit den nötigen Kanälen (Fachbegriff: ‚Versperrung‘) versehen. Offensichtlich ist, dass diese Arbeit das höchste Maß an Präzision verlangt, damit die Löcher in Position und Durchgangsmaß denen der Vorlage gleichen und auch die Verbindungskanäle sauber eingesetzt sind. Im Prinzip ist es wie das Nachmachen eines Schlüssels – nur praktisch viel komplizierter.
Conn 22B New York Symphony von 1923
Nun aber zum Anwendungsobjekt der Ventilrestauration. Der TrumpetScout erwarb 2024 eine Conn 22B New York Symphony der ersten Phase. Dieses Modell wurde zwischen 1922 und 1935 gebaut; alle Trompeten dieser Modellreihe und -generation sind also im Schnitt heute 100 Jahre alt. Die 22B NYS war seinerzeit und vor allem bei ihrer Erscheinung das Topmodell bei Conn und deshalb bald auch sehr weit verbreitet. Conn war in jenen Tagen bereits ein riesiger Hersteller und dessen Spitzeninstrument fand sich wohl deshalb schnell in vielen Orchestern. Dennoch dürfte diese Trompete kein Avantgarde-Produkt gewesen sein, sondern vielmehr eine Reaktion auf die damalige Wundertrompete aus Europa, die French Besson Breveté. Die spielt sich auch heute noch modern. Gilt das auch für eine 22B jener Zeit? Das konnte der TrumpetScout direkt nach Erwerb seines Exemplars aus dem Jahr 1923 (!) – also einer der ersten Trompeten überhaupt dieser heute etwas in Vergessenheit geratenen Modellreihe, die jedoch früher einmal ein ganzes Segment dominierte – nicht bestätigen. Denn die Ventile waren tot.

Zwar konnte man damit Musik machen, aber der Widerstand war sehr eigen und hoch, der Trompete fehlte im Klang an Kern und Stärke. Dennoch konnte man damit recht einfach in der Höhe blasen und brauchte sehr wenig Luft (wie diese Aufnahme beweist). Gerade mit sehr großen Mundstücke funktionierte dieses alte Eisen noch recht passabel. Aber verhehlen konnte dieses damals schon über hundertjährige Instrument nicht, dass hier etwas nicht mehr so war, wie es sein sollte.

Was die Conn 22B New York Symphony ausmacht
Diese Trompete zeichnet sich durch vielerlei technische Raffinessen sowie Designeigenheiten aus, die zum einen Teil mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden und zum anderen Teil vollständig ausgestorben sind. Zunächst wäre da die für Conn so typische Bohrungsgröße. Die #1 Bore misst irgendwo zwischen 11,1 und 11,2 mm. Kennen wir von der Connstellation, der 8B LightWeight Artist, der Connquest, der Director und vielen anderen beliebten Modellen. Heute gibt es so etwas nicht mehr. Genauso wie das Gestänge, um aus der B-Trompete zielsicher eine A-Trompete zu machen. Das fehlte bei diesem Exemplar zwar, wurde aber für dieses Foto und die Gewichtsmessung von einer Conn 12B Coprion ausgeborgt.
Conn-typisch und heute wieder en vogue (siehe B&S Personality Line) sind sie vertikal verlaufenden, mehrteiligen Stützen zwischen Mundrohr und Becher. Auch die zwei kleinen Stützen zwischen Ventilstock und Mundrohr finden sich heute noch bei Exoten. Dagegen sind männlich-weibliche Ventilzüge heute Standard. Bei der 22B ist der erste noch doppelt männlich ausgeführt, der dritte dafür so, wie wir es alle von modernen Trompeten kennen. Damals sicher high-end und bald danach selbst bei Conn (wohl aus Kostengründen) wieder gestrichen, war die Ventilkonstruktion mit oben liegender Feder. Sie verhindert Federgeräusche, ist aber sehr viel aufwendiger als einfach eine freiarbeitende Feder unter dem Kolben.
Auffällig ist der Verzicht auf einen Fingerhaken. Der kam nämlich nicht im Laufe des vergangenen Jahrhunderts abhanden, sondern war nie da. Warum, das wissen nur die Trompetengötter. Schön ist es ohne jedenfalls nicht. Erst wenn man diesen Haken nicht mehr hat, merkt man, wie sehr man ihn braucht. Vor allem, wenn es in die höhere Lage geht.

Besonderheit dieses konkreten Modells ist der orthogonal wegstehende zweite Ventilzug. Das haben die meisten 22B nicht. Für einen Prototypen ist es ein Jahr nach Erscheinung zu spät, aber vielleicht wurde zu Beginn der Serienproduktion doch noch einiges probiert.
Heute fast nur noch bei einigen Schülermodellen zu finden ist die konventionelle Stimmzugbauweise ohne irgendeine Stütze. Die K&H Premium Malte Burba hatte das einmal, aber auch nicht mehr. Heute würde man das sicher anders machen – der TrumpetScout hat natürlich auch gleich seine variable Stütze eingeklemmt und dabei einen massiven Unterschied provozieren können.

Nur optische Besonderheit sind die Perlmutteinlagen in den unteren Ventildeckeln. Auch das kannte der TrumpetScout bislang nicht. Leider kam im Laufe des Lebens dieser Trompete eine Intarsie abhanden.

Zu den sonstigen Spezifika: 1.044 Gramm bringt sie ohne das geborgte Gestänge auf die Waage, 1.059 Gramm sind es mit der Stimmmechanik. Unter dem Silber kommt das wichtigste Material im Blechblasinstrumentenbau zum Einsatz – Messing und nur Messing. Anscheinend wurden bei den Modelljahren 1924 und 1925 die Ventilzylinder aus Kupfer gemacht. Die Buchsen, in denen die Wechsel im Inneren laufen, waren dennoch ebenfalls auf Messing.

Der Becherdurchmesser beläuft sich am Ende auf 117,5 mm, was nach heutigen Maßstäben sehr klein ist. Der Schnitt wirkt indes wie eine Schablone für das absolute Standardschallstück, das man so schon x-mal gesehen hat.
Alles in allem wirkt die Trompete optisch sehr ausgewogen. Nicht wie ein enger Peashooter jener Jahre bzw. die Art Déco-eske 40B, eine weite Connstellation aus der Nachkriegszeit oder ein Heavy-Horn, wie es seit den 80ern immer öfter zu sehen ist. Es beschleicht einen das Gefühl, dass in jenen Jahren ein Standard geschaffen wurde, der bis heute den Trompetenbau prägte. Definiert durch die French Besson, elaboriert durch Conn und natürlich Vincent Bach, der ausgerechnet 1924 sein erstes Trompetenmodell vorstellte – einen historischen Wimpernschlag nach Produktionsbeginn der Breveté und zwei Jahre nach Verkaufsstart der Conn 22B New York Symphony.
Wieder dicht! So wurden die Ventile restauriert
Für die Restaurierung der Ventile der über 100 Jahre alten Conn kam nur der Ersatz der Wechsel in Betracht. Nicht unbedingt aufgrund einer technischen Abwägung bzw. Notwendigkeit, sondern aus Mangel an Wahlmöglichkeiten und der gleichzeitigen Verfügbarkeit eines routinierten Ventilbauers in der Nähe: Andreas Mackinger aus Oberösterreich. Der baut und repariert seit mehr als einem Vierteljahrhundert Pumpventile in der eigenen Werkstatt und macht als europaweit gefragter Experte auf diesem Gebiet mittlerweile kaum noch etwas anderes.
Da der TrumpetScout bei der Reparatur nicht über die Schulter schauen konnte, hat Mackinger den Prozess selbst dokumentiert und die Vorgehensweise beschrieben. Alle Tricks und Teilschritte musste er dabei natürlich nicht ausplaudern:
1. Zunächst werden die Oberteile der Ventile vom eigentlichen Ventilkolben (Wechsel) getrennt.
2. Der alte Kolben (das alte Wechselrohr) wird durch einen neuen ersetzt. Dabei wird auf Rohlinge mit ähnlichem Ausgangsdurchmesser- bzw. -wandstärke zurückgegriffen, wahlweise aus Edelstahl oder Monel. Damit wird das Spiel durch entsprechendes Übermaß des neuen Bauteils zunächst überkompensiert.
Bei der 22B waren die ursprünglichen Wechsel laut Mackinger wohl aus Neusilber oder einer anderen nickelhaltigen Legierung gemacht. Zwar gab es in den 1920ern Monel bereits seit rund 15 Jahren, doch eindeutige Nennungen dieses Materials von Conns Seite sind im Netz nicht zu finden. Um vernickeltes Messing (wie bei späteren Conn-Modellen) handelt es sich aber eindeutig nicht. Mackinger drehte den Kolben aus Edelstahl nach, da seine Stahlrohlinge das geeignetste Maß aufwiesen.

3. Dann werden die Löcher in den Wechsel gebohrt. Präzision hat auch hier oberste Priorität, damit die Öffnungen später mit der Position von Ventilzugein- und -ausgängen übereinstimmen.

4. Nun werden die Bögen (Versperrungen) in die Kolben eingelötet und bis zum Ursprungsmaß mit Kugeln aufgeweitet. Dabei kann sich auch das Material des Wechsel noch einmal ein bisschen weiten.

5. Danach werden die zunächst noch überstehenden Innenrohre abgeschnitten und der verbleibende Zylinder in die Drehbank eingespannt und abgedreht. Dabei erhält der Wechsel zunächst ein Übermaß, ist also um einige Hunderstel größer als das finale Maß. Nun werden noch die Kanten in das Innere des Ventils gebrochen.
6. Jetzt werden sowohl die Kolben außen als auch die Büchsen innen gehont, um einen perfekt runden und zueinander passenden Querschnitt zu erhalten. In diesem Schritt erhält das Ventil das finale Spiel – für die ideale Mischung aus Laufeigenschaft und Dichtigkeit.

7. Im letzten abrasiven Bearbeitungsvorgang werden die Ventile mit Schleifpaste eingeläppt. Dieses Verfahren glättet die Oberfläche noch weiter und minimiert so die Reibung.

8. Zum Schluss wird die originale Führung (also das Oberteil) wieder mit dem Wechsel verlötet. Auch hier ist große Genauigkeit erforderlich.

Der Effekt einer Ventilrestauration: die Hundertjährige mit überholtem Maschinenraum
Die Vorfreude war groß, als es nach einem halben Jahr endlich so weit war, die Trompete wieder in Empfang zu nehmen. Sechs Monate? Andreas Mackinger hat als einer der sehr erfahrenen und überhaupt wenigen Pumpventilspezialisten gut zu tun. Man kann durchaus auch länger warten. In seiner Werkstatt finden sich deshalb Vintage-Preziosen en masse. Manche Kunden dürften ganze Wagenladungen vorbeibringen.

Für einen ausführlichen Test war bei Abholung leider keine Zeit. Doch schon beim ersten Ton merkte man: Das ist eine ganz andere Trompete. Der Ton war lauter, kerniger und die Ansprache um Welten direkter. Mackinger hat im Zuge der Ventilinstandsetzung netterweise eine nicht einmal sichtbare Perforation des Mundrohrs mit einem Patch dauerhaft verschlossen. Doch der Luftverlust an dieser Stelle dürfte keinen Ausschlag gegeben haben.

Zuhause hakte das erste Ventil noch ein wenig. „Das schleift sich ein“, erklärte der Experte auf Nachfrage am Telefon – und sollte Recht behalten. Nach kurzer Spielzeit war nichts mehr davon zu merken. Die Trompete spielt sich wie nach einer Frischzellenkur. Sie funktioniert mit großen wie kleinen Mundstücken und stimmt fabelhaft. Nicht einmal eine Korrigieren an den Tönen, die das ja bauartbedingt eigentlich immer verlangen. Das ist schon erstaunlich – man ist ja geneigt zu denken, das alte Instrumente schlechter intonieren. Mitnichten! Als Vintage-Connaiseur ist der TrumpetScout hier sowie nicht repräsentativ, aber das eine über 100 Jahre alte Trompete in der Kategorie so vorlegt, hat auch ihn überrascht.
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Lohnt sich das? Der Preis einer Ventilüberholung
Kann man ab jetzt wahllos alte Instrumente kaufen und dann einfach die Ventile machen lassen? Das hängt natürlich von deren Wert, deren Preis bei Erwerb oder auch von der Liebe zu einem bestimmten Instrument ab. Die Restauration (oder auch Ventilinstandsetzung), wie sie hier durchgeführt wurde, kostete einen mittleren dreistelligen Betrag. Bei einer Martin Committee, die 3.000 Euro Wert ist, kann man das ohne Zögern investieren. Bei einer abgehalfterten Conn 22B machen das nur Enthusiasten wie der TrumpetScout. Für ihn hatte es gerade die Hundertjährige jedoch besonders verdient. Nicht nur wegen der ruhmreichen vier Buchstaben auf dem Becher, sondern gerade deshalb, weil diese Trompete schon so viel erlebt haben muss. The Great Gepression, den Zweiten Weltkrieg, den Niedergang ihrer eigenen Marke, aber auf der positiven Seite auch so viele Trompeter:innen, die an ihr eine große Freude gehabt haben. Denn ansonsten überlebt man als ein solches Blechgeschöpf wohl kein ganzes Säkulum. Sie wird zwar wahrscheinlich in diesem Leben keine erste Geige mehr, hat aber schon ihren ersten Auftritt im neuen alten Glanz absolviert und sich dabei bravourös geschlagen.




