Gespräch mit einer Legende: auf einen Kaffee mit Bobby Shew

Elder Statesman, Pate, Großmeister oder in Adaption eines aktuellen Modebegriffs vielleicht sogar ‚Influencer von Weltformat‘? Wie soll man einen wie Bobby Shew nennen, der als Intellektueller, Forscher, Philosoph, Theoretiker und praktischer Lehrer direkten Einfluss auf die Spielweise von so vielen Trompetern nahm wie wahrscheinlich kein anderer zuvor? Er selbst bevorzugt ‚Bobby‘. Der TrumpetScout traf den so legendären wie bescheidenen Trompeter in Wien.

Das vergangene Jahr war kein gutes für Bobby Shew. 2018 wurde der US-Amerikaner 77 – an sich etwas Erfreuliches -, doch die Schnapszahl bescherte ihm kein Glück. Kurz vor seinem Geburtstag Anfang März brach er sich die Hüfte. Jeder weiß, dass Shew kein Leichtgewicht ist und ein Jungspund auch nicht mehr. Da ist so eine Verletzung nicht nur wie ein verlängerter Schnupfen. Noch dazu braucht man als Trompeter den unteren Torso für sein Spiel. Schonung hier heißt also: totaler Trompetenverzicht. Ein großes Aufheben machte der Mann aus Albuquerque darum aber nicht. Nach buchstäblicher Sendepause erwähnte er irgendwann im Nebensatz, dass er aus dem Krankenhaus schreibe. Und ein starkes halbes Jahr später spielt er schon wieder eine kleine Europa-Tour. Tschechien, Österreich, Frankreich und Spanien. Fast jeden Abend ein Konzert. Warum er das mache? „Ich wollte sehen, ob ich es schaffe.“

Für eine Unterrichtsstunde hat Shew im November aber keine Kraft. Der Vorabend war lang und ein paar Stunden später beginnt die nächste Show. Er geht außerdem mit einem Rollator und sagt, er könne nur aufrecht schlafen, was zu viel zu kurzen Nächten führe. Dennoch geht er mit dem TrumpetScout essen und zeigt sich auch beim anschließenden Kaffee geduldig. Mit dabei ein Schüler aus Deutschland, der vor Jahren zum Unterricht eigens nach New Mexico flog und seit dieser Zeit ein großer Fan ist. Shew unterrichtet eben nicht nur, er ist ein Mentor.

Lead Player, Solist, Studiomusiker und Lehrer ersten Ranges

Bobby Shews Vita braucht hier nicht noch einmal en detail wiedergekäut zu werden. Über ihn gibt es viel zu lesen, zu sehen und zu hören. Auf jeden Fall ist er einer der ganz Wenigen, die auf eine Karriere als Lead-Trompeter von Weltrang zurückblicken (u.a. bei Woody Herman und Buddy Rich), aber ebenso auf eine Karriere als Jazz-Solist ersten Ranges und sich obendrein auch als Studiomusiker auf unzähligen Aufnahmen verewigt hat. Plus: Der Mann mit weißem Bart ist der Inbegriff des magister magistrorum, des Lehrers aller Lehrer. Unter seinen Schülern finden sich viele klingende Namen. Roger Ingram, Andy Haderer, Till Brönner oder Ingolf Burkhardt sind nur einige davon. Und viele jener Granden haben selbst wieder unzählige Studenten ausgebildet. Der TrumpetScout ist sich sicher: Hätte es das Internet früher gegeben – Bobby Shew wäre noch bekannter und viele Ideen, die heute als Gemeingut gelten, noch deutlich klarer mit seinem Label versehen. Möglicherweise wäre Youtube sein Medium geworden und das globale Leistungsniveau unter Trompetern dann noch einmal deutlich höher.

Was Bobby Shew zu einem der größten Lehrer der Trompetengeschichte machte? Wohl auch, dass er sich selbst noch immer als Schüler bezeichnet – und das nach mittlerweile deutlich mehr als einem halben Jahrhundert (siehe Video oben). Dem Trugschluss, zu glauben, er wisse alles, erlag er, so wirkt es im Gespräch, bis heute nicht. Das ist vorbildlich – nicht nur für den TrumpetScout, sondern für alle Trompeter.

Bobby Shew – ein Naturtalent

Wenn die Demut gegenüber dem Nichtwissen eine wichtige Eigenschaft des Entdeckers ist, so ist es für einen herausragenden Lehrer fast auch das Nichtkönnen: Shew selbst musste aber gar keine großen Hürden nehmen. „Ich hatte schon immer ein gutes Ohr und konnte einfach alle Songs nachspielen, die ich hörte.“ Der perfekte Ausgangspunkt für jeden Musiker und für einen Jazzer sowieso. Doch auch Höhe und Ausdauer schienen dem jungen Bobby keine Probleme zu bereiten. Bereits mit 13 Jahren spielte er in verschiedenen Tanzorchestern seiner Heimat, gewissermaßen als Teil einer Jukebox aus Fleisch und Blut. Jeder, der Tanzmusik macht, weiß, das ist anstrengend. Talentiert also, aber in jungen Jahren natürlich auch unschuldig: „Man hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in einer Tanzband zu spielen. Ich war erst skeptisch und antwortete: ‚Ich kann nicht tanzen.'“

Es hatte etwas Surreales: mit dem legendären Bobby Shew am Mittagstisch zu sitzen und anschließend beim Kaffee.

Ein Beobachter, Denker und Forscher – aber kein Dogmatiker

Wenn man sich ansieht, was Shew sagt und in seinen zahlreichen Artikeln (sowohl als Gastautor oder auf seiner eigenen Webseite) veröffentlicht, wird deutlich, dass er ein Empiriker ist. Er dreht an allen Stellrädern und -rädchen und beobachtet stets die Auswirkungen auf sein Spiel. Das fängt bei der Trompete an (klar!) und hört bei der Marke des Wassers auf, das er im Supermarkt kauft (echt jetzt?). Ehrlich gesagt würde man jeden anderen für verrückt erklären, der solch marginale Komponenten für relevant erklärt. Bei Shew könnte man ins Grübeln kommen.

Trotz wenig Schlaf hat sich Bobby Shew viel Zeit für die TS-Fragen genommen.

Darüber hinaus hat Shew bereits ganze Generationen von Schülern neben sich sitzen gehabt, deren  Probleme studiert, deren Fehler analysiert und ihnen natürlich auch Hilfestellung gegeben. Gemeint ist damit, dass er Lösungswege aufgezeigt, Angebote gemacht und Ideen geliefert hat. Anordnungen oder gar Versprechen gibt er bis heute nicht.

Das muss passen – die 4 Grundpfeiler des Trompetenspiels nach Bobby Shew

Für das erfolgreiche und in der Folge dann auch freudvolle Trompetenspiel braucht es laut Bobby Shew ein Fundament, das vier Bereiche umfasst.

1. Das Lippengefühl:
Was sich sehr vage anhört, ist eigentlich jedem von uns bekannt. Man spürt bereits vor dem ersten Ton, ob der Tag aus Trompetersicht ein guter wird. Wie fühlen sich die Lippen an? Sind sie taub, geschwollen oder frisch? Schwingungsbereit oder wenig flexibel? Wichtig ist, dass man einen schlechten Zustand nicht einfach hinnimmt, sondern seine Lippen in guten Zustand versetzt. Mehr dazu aber beim Thema Warm-up.

2. Die Luftversorgung:
Bobby Shew spricht von abdominal support. Wenn man das exakt übersetzen möchte, kommt man um das Wort ‚Stütze‘ nicht herum (genauer: ‚Rumpfstütze‘), und dieses geistert schon lange durch Unterrichtszimmer und Probelokale ohne den Ruf, nie falsch verstanden worden zu sein. Shew ist der Vater der sogenannten ‚Wedge-Atmung‘ (in diesem Video übersetzt er ‚wedge‘ selbst mit ‚Keil‘), die in ihrer Komplexität für sich bereits als Beweis für seinen analytischen Zugang zu sehen ist. Kurz: Es muss genügend gute Luft bereit stehen. Interessantes Faktum: Als Kind konnte Bobby Shew nicht richtig atmen. Die Trompete half ihm quasi bei der Genesung!

3. Die Kontrolle der Lippenöffnung:
Nennen wir es ‚die Düse‘. Die Lippenöffnung bestimmt den Klang zu großen Teilen und ist auch wichtiger Teil des Systems, dass für die Tonhöhe verantwortlich ist. Minimalste Veränderungen machen den Unterschied. Der Trompeter muss die Lippenöffnung also unbewusst steuern können (hier ist man bei Shews großem Schlagwort der Kinästhesie), um dieses Steuerungsvermögen dann bewusst einzusetzen.

4. Das Mundstück
Shew hat einen ganzheitlichen Blick auf das Trompetenspiel und behauptet deshalb nicht, dass nur Psyche und Physis das Spiel bestimmten. Das Mundstück als wichtigste Hardware-Komponente trägt ebenfalls einen großen Teil zum Gelingen oder Scheitern bei und muss daher zum Spieler und den Anforderungen der Musik passen.

How to feel good – Warm-up-Tipps von Bobby Shew

Einen Tipp, den Bobby Shew an diesem Nachmittag noch gibt, hat der TrumpetScout vor Jahren von Bryan Davis gehört, einem Shewschen Schüler-Schüler: Memoriere ein gutes Gefühl! Das meint den gesamten Kontext des Musizierens von der Bühnen- oder Studiosituation (also Freude statt Angst) bis hin zum frischen Lippengefühl (ausgeruht statt abgespielt).

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Apropos Lippen: Die Tonerzeuger sind sehr wichtig und erhalten bei Bobby Shew bereits vor dem Spielen viel Aufmerksamkeit. Dabei beginnt er mit echter Lippen- und Gesichtsakrobatik, sprich: er zieht Grimassen. Danach folgt das sogenannte Fluttering oder Free Buzzing, also das ‚Brummen‘ ohne Maske. Damit beide Wangen und Mundwinkel richtig aktiviert und beweglich werden, hält er eine Seite mit der Hand fest, um die andere isoliert zu bearbeiten.

Buzzing à la Bobby. Übrigens ist auch seine Oberlippe da fein säuberlich rasiert, wo das Mundstück aufliegt.

Daraufhin folgt das Buzzing – jedoch nicht ganz frei, da dies mit der echten Spielsituation nichts zu tun hat. Shew benutzt zwei Finger, um den Mundstückrand zu simulieren. Es schwingt dann nur der innere Teil. Wer es ausprobiert, wird sofort merken, wie sich die Tonhöhe dank der Finger verändert. Länger als 15 Sekunden sollte man das aber nicht machen, rät der Mann mit der großen Erfahrung.

Zu guter Letzt geht es natürlich an die Trompete. Das G1 ist der Ausgangspunkt für Ausflüge nach ob und unten bis die übliche Range abgesteckt ist.

Hier eine Auswahl an Aufnahmen von und mit Bobby Shew:

Bobby Shew und das Shew-Horn

Bobby Shew arbeitet seit Anfang der 90er Jahre mit Yamaha zusammen. Sein Nachname – der übrigens von seinem Stiefvater stammt, aber sehr passend erscheint, da er laut eigener Aussage die altenglische Bezeichnung für fahrende Spielleute war – wurde zu einem Synonym für die Trompeten, die aus dieser Zusammenarbeit entstanden: Wer eine 6310Z oder 8310Z (von welcher unlängst eine neue Generation vorgestellt wurde) bläst, der spielt auf einer „Shew“. Beide Modelle dürften Dauerbrenner sein und sind allerorten anzutreffen. Die Trompeten sind sehr vielseitig und leichtgängig. Dazu kommt ein eigenes Flügelhorn (YFH-8310Z) und Mundstücke sowohl von Marcinkiewicz als auch von Yamaha, die laut Bobby Shew zu den meistverkauften der Welt zählen.

Bobby Shew an alle Musiker – Tipps für nachhaltigen Fortschritt

Zum Schluss des Gesprächs hat der TrumpetScout den Herrn mit italienischen und indianischen Wurzeln noch gefragt, was er, ganz komprimiert, allen Trompetern als Rat mit auf ihren Lernweg geben würde. Das sind seine Antworten:

  1. Werde ein Musiker! (Nicht nur Trompeter…)
  2. Spiel mit Gefühl!
  3. Höre so viel Musik wie möglich!
  4. Wisse: Dein Ego ist dein größter Gegner!
  5. Lerne zu üben! Üben besteht aus Instandhaltung, Problemerkennung und -lösung und dem Kümmern um neue Aufgaben.

Auch wenn der mittlerweile 78-Jährige nach eigenem Bekunden wohl nicht mehr ohne Hilfe wird gehen können – „The Shew may go on!“ Der TrumpetScout würde gerne noch eine Stunde bei ihm nehmen.