The Range Extender: die Brassego Tiger-Tail

Der alte Traum all derer, die mit der Obergrenze ihres Tonumfangs unzufrieden sind: ein Instrument, mit dem man einfach so ein bisschen höher kommt, ohne durch echte Veränderung ein besserer Spieler geworden zu sein. Eine Illusion – oder? Der TrumpetScout prüft, ob es nicht doch eine Trompete gibt, mit der man wirklich an Range gewinnt.

Das Kein-Ganschhorn-Horn: die Brassego Tiger-Tail
Das Kein-Ganschhorn-Horn: die Brassego Tiger-Tail.

Der erste Blick bestimmt die erste Assoziation: Hier hat jemand eine Idee des Ganschhorns – der mehrfach geschwungene Becher – übernommen und die andere – aufrechte Drehventile – fallen lassen. Trotzdem: eine Kopie des extrovertierten Modells, das der nicht minder extrovertierte Virtuose Thomas Gansch seit vielen Jahren spielt. Aber weit gefehlt. Wie Brassego-Firmeninhaber Alois Mayer glaubhaft versichert, ist Trittbrettfahrerei nicht der Vater dieses „krummen Dings“ aus seiner niederösterreichischen Werkstatt. Vielmehr kam ein Kunde mit dem Wunsch nach diesem Design in Verbindung mit Perinet-Ventilen auf ihn zu, sie ist quasi ein Einzelstück. Oder besser: war. Denn das Resultat hat dem Instrumentenbauer selbst so gut gefallen, dass er diese Trompete ins Sortiment aufnahm und ihr den illustren Namen Tiger-Tail, also „Tigerschwanz“ verpasste. Ganz in Analogie zu seinem bisherigem Trompeten-Flaggschiff, der namentlich sich ebenfalls im Raubkatzen-Revier aufhaltenden Cat.

Tolles Design – aber was steckt drin?

Die flamboyante Optik des Testmodells (die erste Serien-Tiger-Tail!) nicht nur mit dem Wellenbecher, sondern auch mit dem eigenwilligen Antiklack wollen wir zunächst übergehen und uns anschauen, was für eine Trompete sich da mit dem Katzenschwanz schmückt: Die Patenthämmerung des Bechers kennt man als Brassego-Kunde schon seit Jahrzehnten (da hieß die Firma noch Haagston) und als TrumpetScout-Leser spätestens seit dem Test der Cat. Was diese bringt, ist schwer zu sagen, dazu fehlt oft der direkte Vergleich „mit vs. ohne“. Sie soll den Ton voller machen und gewisse scharfe Frequenzen eliminieren. Doch dazu später. Die Tiger-Tail ist aber wie die Cat ein leichtes Horn (die Messung ergab lediglich 1.034 Gramm und damit sogar noch ein paar weniger als bei der Cat), verfügt über die gleiche ML-Maschine, ebenfalls ein zweiteiliges Schallstück, aber eine andere Stimmzug-Architektur – nämlich mit einem überlappenden Stimmbogen, was gemeinhin weniger Widerstand nach sich zieht.

Anders als ber Cat, ist bei der Tiger-Tail ein konventioneller Steg zwischen Mundrohr und Becher angebracht.
Anders als bei der Cat, ist bei der Tiger-Tail ein konventioneller Steg zwischen Mundrohr und Becher angebracht.

Der schweifartige Becherverlauf bringt gezwungermaßen einen weiteren Unterschied: Wo bei der „Katze“ ein direkt nach dem Ventilstock verlöteter Bügel Mundrohr und Becher stabilisiert, ist hier weiter gen Trichterdelta ein aufgebogener Steg angebracht. Nur so lässt sich der besonderen Form in puncto Schwingungsunterdrückung gerecht werden. Die Glocke vibriert hier also weniger frei. Was man nicht sieht, aber spüren kann, ist eine kleine Veränderung mit umso größerer Wirkung: Im Gegensatz zur Cat ist der Rohrverlauf bei der Tiger-Tail geändert worden – sowohl bei der Leadpipe als auch bei der Bell. Irgendwo in der Mitte (genau war das nicht herauszubekommen) ist der Trichter bei der Neukreation enger, dafür ist aber das Mundrohr irgendwo auch weiter. Das ist es wohl, was die Tiger-Tail zu einem ganz einzigartigen Modell macht: nämlich zu einem für die extreme Höhe.

Unten zugeschnürt, obenrum freizügig

Wie schön und voll die Cat in der üblichen Range auch klingt und wie frei sie sich dort spielen lässt, ganz oben lässt sie ein wenig nach. Die Tiger-Tail fängt oben erst an, richtig Spaß zu machen. Mit ihr tut man sich in der tiefen und mittleren Lage vergleichsweise schwer (man kann sich daran gewöhnen, doch es gibt Trompeten, die dort viel bessere Spieleigenschaften bieten), aber strahlt in doppeltem Sinne, wenn man dem Notensystem unter sich Adieu sagt. Der Widerstand ist hoch, aber nicht zu hoch und außerdem noch richtig verortet. Der oben verwendete Begriff „freizügig“ ist daher nicht wirklich zutreffend, aber das Spiel im oberen Register fällt leicht, da man wie auf einer Art Welle des Widerstands surfen kann.



Die Trompete empfiehlt sich deswegen auch Spielern, für die Effizienz sehr wichtig ist. Der Widerstand hilft beim langen Blasen, wenn man mit ihm umgehen kann, und der Ton ist eher wie ein Laser-Strahl, mit großer Reichweite und viel Energie vor dem Horn. Die Tiger-Tail produziert keinen Riesen-Sound um den Spieler, sondern strahlt sehr gut ab, was sie für Lead-Player in der unverstärkten Section einer Big Band sehr interessant machen dürfte. Der sanfte Aufschwung im Becher hilft da den notorischen Pult-Bläsern vielleicht zusätzlich.

The Triple A Horn: die Brassego Tiger-Tail

All diese Spieleigenschaften teilt die Tiger-Tail mit der wesentlich günstigeren Dizzy von Brassego. Jenes preisliche Einstiegsmodell weist die gleichen Spezifikationen auf (gleiche Bohrung, gleiches Mundrohr, gleicher Becherschnitt, ebenfalls Goldmessing-Zugbögen), verfügt aber weder über den Tigerschwanz noch über die Singing Bell-Hämmerung. Diese Add-Ons scheinen aber für die Höhen-Qualitäten nicht von Belang. Auch die Dizzy strahlt trotz geringen Gewichts sehr stark ab und lässt wie die Tiger-Tail auch den absoluten Problemton A3 noch (vergleichsweise!) einfach produzieren. Das ist extrem selten und ebenso lobenswert. Die günstigere Dizzy schneidet aber im tiefen Register schlechter ab (empfiehlt sich aber dennoch als Spezialtrompete), was eventuell an den Klangbeulen liegen kann. Wie das Video zeigt, kann man mit dem gehämmerten Tigerschwanz (trotz flachen Mundstücks) auch gut in der Tiefe spielen.

Leichte Schwäche: das Slotting in der Tiefe

Das untere Register birgt bei dieser sehr leichten Trompete die Tücke des erschwerten Einrastverhaltens. Im Testvideo wird deutlich, dass unterhalb des C1 gerne der Ton nach unten abrutscht. In der extremen Höhe tut er das zwar auch, dort kann man das aber mit ein bisschen Konzentration gut ausgleichen. Innerhalb des normalen Tonumfangs waren aber keine Probleme zu bemerken.

Verstellbarer Fingerring und "normale" Zugführung: kein Mt. Vernon-Style wir bei der Cat.
Verstellbarer Fingerring und „normale“ Zugführung: kein Mt. Vernon-Style wie bei der Cat.

Die Stahlventile sind absolut überzeugend, ebenso das Handling der Trompete. Da der Schwung im Becher nicht so extrem ausgeführt ist wie beim Ganschhorn, muss man nicht anders greifen, es hat sich eher nur der Schwerpunkt näher zum Griffpunkt verlagert, was für eine bessere Balance sorgt. Vorsorglich wurde aber die Führung des dritten Ventilzuges gedreht (bei der Cat zeigt er nach hinten wie bei alten Mt. Vernon-Modellen) und der Fingerring an gleicher Stelle verstellbar angebracht.

Die Brassego Tiger-Tail: Optik & Preis

Nach all den harten Fakten nun zu den weichen Werten. So wie diese Trompete zum Test zu Verfügung stand, zieht sie klar die Blicke auf sich: Hagelschaden, gebogene Rohre und Stützen und der Antiklack. Die Tiger-Tail wirkt wie das Negativ einer kühlen Schilke. Das führt bestimmt zu kontroversen Meinungen, aber dem TrumpetScout geht es in erster Linie um die Spieleigenschaften, und die sind absolut überzeugend. Dennoch: Nach kurzer Zeit hat man aber so an den aufgebogenen Becher gewohnt, dass man sich der normalen Trompete gegenüber beinahe entfremdet fühlt – man ist bei der Tiger-Tail eben näher am Austrittspunkt des Klangs, da die Gesamtlänge durch den Schwung kürzer ist. Nur ein Nebeneffekt: die zumindest gefühlt bessere Dämpferarbeit.

Soviel Eigenart hat aber ihren Preis: 4.700 Euro in der Deluxe-Variante und immerhin noch 4.100 Euro, wenn man sich auch mit dem Tigerschwanz ganz ohne Lackierung anfreunden kann. Wem es nur um die Höheneigenschaften geht, dem sei aber noch einmal der kleine Bruder ans Herz gelegt, die Dizzy für „nur“ 2.200 Euro.

Kurz: Eine Spitzentrompete mit Spitzen-Design und spitzem Sound zum Spitzen-Preis. Ah ja: Das A3 gehört zum Lieferumfang.

TrumpetScout dares an educated guess
What is she offering? Bent bell, but perinet valves, easiest upper register
Your new girl friend? Yeah! Wenn der Bausparer ausläuft… 9/10
Preis? 4.700 Euro. Irgendwie das Geld wert!
Dauerbeziehung? Definitiv. High notes are addictive!

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