Töne treiben, biegen, ziehen – eine Übung für was eigentlich?

Treiben, biegen, ziehen – das klingt wie schwere körperliche Arbeit in einem metallverarbeitenden Betrieb. Und beim Blechblasinstrument Trompete wäre das ja gar nicht so weit hergeholt. In diesem Artikel geht es aber nicht um die Instrumentenerzeugung, sondern um die gekonnte Bedienung. Der TrumpetScout erklärt: Töne treiben oder auf Englisch: Lip Bending.

Ansatzkonfiguration X (Lippen, Zunge, Luft) + Ventilkombination X (also Rohrlänge) = Ton X

Theoretisch ist das richtig, praktisch jedoch nicht. Denn in dieser Gleichung ist nur das Instrument die verlässliche Konstante (die Trompete ist da nicht anders als das Klavier), der Mensch aber ist zumeist eine ‚Irreliable‘. Das merkt man immer dann, wenn man einen Ton zu tief anspielt, einen anderen nach oben presst oder im Piano alles ein wenig höher wird. Kurz: Wo man sich ein Einrasten der Töne wie mit einem Steck-System wünscht, stößt man doch immer wieder auf zu viel Spielraum. Dann gibt es aber auch wieder Situationen, da will man absichtlich ’neben der Schiene‘ fahren – z.B. in zeitgenössischer Musik, in traditioneller arabischer Musik und natürlich im Jazz – und kann es nicht. Also: Weder sind diese Zwischenräume zu klein, um nicht hineinzustolpern (heißt: keine intonatorische Sicherheit), noch sind sie groß genug, als dass man sie bequem betreten kann (heißt: keine ausreichende Flexibilität).

Diese schematische Darstellung entstammt dem Wikipedia-Artikel zum Thema Biegen. Er veranschaulicht, dass Kräfte wirken, gegen die man beim Lip Bending ankämpft. Passend erscheint der englische Begriff dennoch nicht, da gerade in der Metallverarbeitung ein Werkstück nach dem Biegen auch gebogen bleibt. Bei gebogenen Tönen ist das nicht der Fall. Sie wollen stets zurück.

Um die Erweiterung jener Zwischenräume geht es im vorliegenden Artikel. Er widmet sich der Beherrschung des Instruments über das Diktat der Rohrlänge hinaus. Erst diese ermöglicht das Plus an Flexibilität. Doch es geht auch um die Übung auf dem Weg dahin, die für sich betrachtet verschiedene positive Effekte hat: das Töne treiben.

Zwischen Töne treiben und Lip Bending: viele Begriffe für einen Vorgang

Als absichtliches Verlassen des Intonationszentrums, auch über die Grenze zum benachbarten Halbton hinaus, definiert sich der Vorgang, für den es viele Namen gibt: Im Englischen ist von ‚lip bending‘ die Rede (dabei kommt die blechbläserische Dimension zum Ausdruck!), ’note bending‘ oder einfach nur ‚bending‘. Auf Deutsch heißt das ‚(ver)biegen‘ oder ‚krümmen‘. Bei uns hat sich hingegen der Begriff ‚Töne treiben‘ etabliert. Beide Konzepte implizieren, dass der ‚Ton der Mitte‘ die Norm ist und nur unter Kraftaufwand aus dem Zentrum bewegt, eben ‚getrieben‘ werden kann. Für den TrumpetScout ist das Bild des Verbiegens – wenn man sich auf den Bereich Kesselblasinstrument beschränkt und nicht über gelockerte Gitarrensaiten spricht – nicht ganz treffend, weil man davon ausgeht, dass etwas Verbogenes auch verbogen bleibt. ‚Treiben‘ oder besser noch: ‚Ziehen‘ erscheint da glücklicher. Der Ton verhält sich nämlich wie an einer Feder befestigt. Mann kann ihn wegdrücken oder wegziehen – er kehrt immer zum Ausgangspunkt zurück, sobald man ihn entlässt. Noch eine Stufe anschaulicher: Dem TrumpetScout kommt es vor, als wäre der Ton ein Ball, und das Tonzentrum die Wasseroberfläche. Unter Wasser will der Ton nicht bleiben und in der Luft auch nicht. Für alle Lageveränderungen braucht es Kraft.

Töne treiben auf der Trompete – wie geht das?

Hier soll nun keine anatomisch detaillierte Anleitung für etwas gegeben werden, was die meisten Spieler – zumindest tendenziell – intuitiv beherrschen. Das kann manchmal mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Kommen wir also über die Praxis: Wohl alle Trompeter haben schon einmal einen Ton am Ende ‚abschmieren‘ lassen. Dasselbe wird beim Bending exerziert. Diao – einfach nachsprechen, denn ein solches Artikulationsmuster hilft enorm. Was dabei physisch passiert? Grob gesagt: Die Lippenöffnung vergrößert sich und der Unterkiefer senkt sich leicht, die Zunge etwas stärker ab. Beim Töne treiben geht es im Endeffekt darum, auf der ‚Schmierskala‘ Töne zu finden und diese zu fixieren. Di-aaa. Nicht das Glissando ist das Ziel der Übung, sondern das Halt finden im Fluss und sich dabei möglichst weit vom regulären Ausgangston wegzubewegen.

Lip Bending: erst kleine Schritte…

Das fühlt sich zunächst vielleicht so an, als würde man Posaune lernen und die richtigen Zugpositionen noch nicht kennen. Aber den Ton fallenzulassen, ist kein Hexenwerk und es stellt sich schnell Erfolg ein. Erst ein Viertelton, dann ein Halbton. Dabei leidet natürlich die Klangqualität enorm. Man bewegt sich beim Ziehen der Töne nicht nur aus dem Intonationszentrum, sondern auch aus dem Tonzentrum, das an die Rohrlänge gekoppelt scheint. Mit besserer Beherrschung des Ziehens wird der Sound allerdings wieder besser.

Vor lauter ‚Zwischentönen‘ verliert man beim Üben manchmal das Gefühl für die Referenz. Dann spielt man am besten den reinen Ausgangston und mit Ventil den Halbton darunter. Dann probiert man das gleiche Intervall mit nur einem Griff. Als Beispiel: G – Fis mit 0 und 2 und dann mit 0 – 0.

Klappt das gut, geht es weiter mit dem Ganzton, also der großen Sekunde: G – Fis – F mit 0 – 0 – 0. So kann es natürlich weitergehen. Anscheinend gibt es auch Trompeter, die eine ganze Tonleiter mit nur einem Griff spielen können und somit der Trompete trotz vehementer Widerrede ihren Willen aufzwingen. Leider war dafür kein Beweis-Video auffindbar.
Schnell gerät man aber an eine Art Schallmauer, an der man sich (fast buchstäblich) die Zähne ausbeißt. Lässt man einen Ton in der Mittellage langsam abgleiten (quasi als Glissando ohne Ventilaktivität), biegt er sich solange, bis er gewissermaßen umfällt und man beim nächstgelegen Ton in der Naturtonreihe darunter – eher unsanft – landet. Beim TrumpetScout ist von C2 aus mit 0 fast ein A darunter möglich (also eine kleine Terz), dann platzt aber das G1 heraus.

In höheren Lagen, wo die Naturtöne näher beieinander liegen, hat das Treiben logischerweise schneller ein Ende: A2 und G2 trennen zwar eine kleine Sekunde, doch beide Töne rasten mit 1-2 ein.

…und dann die invertierte Übung

Eine populäre Spielart des Treibens von Tönen ist das sogenannte ‚reverse bending‘. Dabei geht es eigentlich gar nicht um das Biegen der Töne, sondern um das Halten. Man beginnt dabei mit einem Ausgangston und greift dann die Kombination eines Tons darüber – ohne dass sich die Höhe aber verändert. Klingt komplizierter als es ist: Z.B. G1 mit 0, dann mit 2-3 (As), dann mit 1-2 (A). Im untersten Register kommt man da weiter (bzw. verharrt leichter!). Ein kleines G ist bald mit fast allen Ventilkombinationen spielbar.

Die Königsdisziplin: nach oben treiben – bending upwards

Es macht den Anschein, als wirke beim Treiben die Schwerkraft. Denn nach unten geht es viel leichter als nach oben. Einen Ton nach oben zu ziehen geht – zumindest beim TrumpetScout – nur bis zu einem Viertelton, je nach Lage und Griff maximal bis zu einem halben. Dann springt der Ton entweder zur nächsten natürlichen Stufe oder zu der nach unten gedrückten Ausgabe dieser Stufe. Aus Hochziehen wird dann blitzschnell wieder fallen lassen. Auch Könner Ihres Fachs haben hiermit ihre Probleme. Der Grund für diese Asymmetrie dürfte seinen Ursprung in der Physik des Instruments haben.

Effekt und Nutzen: Was bringt das Töne treiben?

Einige (Profi-)Trompeter vertreten die Meinung, dass Bending-Übungen zur Entspannung der Lippen beitragen. Möglicherweise entspannt sich ein Teil der Gesichtsmuskulatur auch wirklich, dafür dürften sich jedoch andere Bereiche stärker aktivieren. Beim Öffnen der Lippen und des Gebisses manipuliert man seine gewohnte Ansatzmaske, um gegen die Rohrlänge die Schwingungsfrequenz zu verändern. Hier muss viel gegengesteuert und kompensiert werden. Wie im Sport, wenn man eine Routine-Übung plötzlich variiert, merkt man: Das kostet viel Kraft. Deshalb empfehlen alle Experten unisono, dass das Töne treiben nur etwas für einige Minuten am Tag sei, nichts für eine halbe Stunde! Ein Haupteffekt deshalb: Stärkung der Ansatzmuskulatur. Ob man Höhe gewinnt, vermag der TrumpetScout entgegen vieler so lautender Stimmen nicht zu bejahen. Auf die Ausdauer dürfte sich das Training aber sicher positiv auswirken.

Natürlich verbessert das Verlassen der angestammten Räume die anfangs angesprochene Flexibilität. Man fühlt sich durch das ‚Expander‘-Work out auch außerhalb der Komfortzone wohl – was eine Anwendung auf der Bühne erst ermöglicht. Die Beherrschung der Technik erweitert also die musikalische Ausdruckspalette.

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Flexibilität heißt in diesem Fall aber auch ganz eindeutig Kontrolle. Es ist wie beim Ski- oder Eislaufen bzw. anderen Sportarten, die eine besondere Körperbeherrschung verlangen, besondere koordinative Fähigkeiten und eine Art Balance-Gefühl: Man schult die ‚kleine Muskulatur‘ (auch wenn im Gesicht nichts sehr groß ist) und kalibriert seinen Ansatz. Deshalb berichten viele US-amerikanische Trompeter auf Youtube, das tägliche Lip Bending „makes them feel great“.

Daneben hilft die Übung wahrscheinlich auch dabei, die Tonqualität zu verbessern. Gerade die gebogenen Töne klingen erst einmal nicht gut, obwohl die Lippenöffnung weit ist. Man muss sich (von Hals über Mundhöhle bis zum Luftaustritt) hier sehr öffnen, damit dennoch ein akzeptabler Sound generiert wird. Kehrt man dann zu den ’normalen‘ Tönen zurück, profitieren auch diese qualitativ vom Spagat der Grenzüberschreitung.

Ob das Intonationsgefühl besser wird, wie manche behaupten, zweifelt der TrumpetScout an. Nur weil man besser ‚daneben‘ spielen kann, hört man nicht besser bzw. kann besser den Ton im Zentrum anblasen. Gegenstimmen sind wie immer zulässig!

Fazit

Töne treiben ist keine frustrierende Übung, man kann nicht viel falsch machen und muss pro Einheit auch nicht viel Zeit investieren. Dafür gewinnt man einiges – es spricht also rein gar nichts dagegen, das Lip Bending ins tägliche Übeprogramm zu integrieren.