Zirkularatmung und die Trompete: Chronik eines Selbstversuchs - TrumpetScout

Zirkularatmung und die Trompete: Chronik eines Selbstversuchs

Einatmen während man ausbläst, das klingt wie ein Widerspruch in sich. Dass das geht, ist jedoch hinlänglich bekannt. Nur, wie funktioniert diese Technik und wichtiger noch: wie schwer ist sie zu erlernen? Vor allem letzteres hat sich der TrumpetScout lange Zeit gefragt und vor einem Jahr das Projekt Zirkularatmung in Angriff genommen. 

Zirkularatmung kommt nicht vom Zirkus – auch wenn die Technik beim prononcierten Einsatz definitiv Entertainment-Qualitäten hat (siehe Troy Andrews‘ Festivalauftritt unten ab Minute 2) und auch wenn sowohl die Atemtechnik als auch die Show im Zelt etymologisch natürlich auf den Kreis zurückgehen. Die Wurzel dieser nicht gerade intuitiven Atemweise ist unklar, klar ist nur, dass sie alt ist und auch abseits der Musik verwendet wurde – vornehmlich im Handwerk, so z.B. in der Glasbläserei.

Für den Blasmusiker ist die auch als Permanentatmung bezeichnete Technik (wobei man sowieso permanent ein- oder ausatmet, wenn man nicht gerade bewusst – und das ist sehr selten – die Luft anhält) primär ebenfalls ein Mittel zum Zweck, ein Notbehelf: Die Musik lässt eine Unterbrechung des Tons durch einen gewöhnlichen Luftschnapper eigentlich nicht zu, weshalb auf einen Alternativplan gesetzt werden muss. Wäre diese Notwendigkeit nicht gegeben, würde man nie auf diese Ersatztechnik zurückgreifen, da sie andere Abläufe erfordert, die – zumindest beim Blechbläser – eine Störung oder zumindest Beeinträchtigung der erlernten Tonerzeugung und des im Idealfall stabilen Spielsystems zur Folge haben. Kurz: Zirkularatmung schränkt das Leistungsvermögen ein. Kreisend atmet man also nur, weil es nicht anders geht oder zum Selbstzweck, wenn die Technik zu einem eigenen Punkt des Show-Programms wird (siehe oben). Eine gleichwertige Alternative zum regulären Atmen ist sie nicht.

Der Ansporn für den TrumpetScout

Das Thema dieser für den TrumpetScout unvorstellbar schweren Technik geisterte schon lange in seinem Kopf herum. Stein des Anstoßes dafür, aus einer ungefähren Idee den konkreten Wunsch des Erlernens zu machen, war ein Facebook-Video, das Christoph Moschberger postete. Im Kick off-Clip zur von ihm ausgerufenen „Arban-Challenge“ gab er den ersten Teil der ersten von Arbans „14 Studien“ zum Besten. In einem Atemzug? Nein, mit mehreren, jedoch ohne Unterbrechung. Das erinnerte den TrumpetScout an eine persönliche Arban-Albtraum-Nummer, nämlich Studie 2:

Deren erster Teil (also bis in die Zeile 5) ist ohne Zirkularatmung kaum zu bewältigen. Wenn die Technik hier auch schwerer anzuwenden ist, da es keine langen Töne gibt – eine Motivation, ein wenn auch noch so fernes Ziel war gegeben. Ab jetzt wurde das Einatmen bei simultanem Ausblasen (nicht Ausatmen!) geübt. Das war im Januar 2017.

Wie erlernt man die Zirkularatmung?

Es gibt unzählige Youtube-Tutorials, die einem die Kreisatmung schnell näher bringen sollen. Auch denkt jeder sofort an das Wasserglas und den Strohhalm, von denen er irgendwo schon einmal gehört hat. Aber wie stellt man es nun am besten an? Dafür sollte man zunächst das Prinzip und die Abläufe im Körper verstehen.

Im Bild zu sehen ist die Phase des Einatmens über die Nase, während die Luft in der Mundhöhle durch die Backenmuskulatur und die Zunge herausgedrückt wird. Foto: Wikipedia.

Ziel ist, über die Nase einzuatmen, während der Mundraum zur Lunge hin durch das Gaumensegel abgedichtet ist, sich gleichzeitig verengt und dadurch Luft durch die Lippen herausdrückt wird, und dann unbemerkt wieder auf Luftnachschub aus der Lunge umzuschalten. Eben der unbemerkte ständige Wechsel zwischen Luft aus dem Mundreservoir und Luft direkt aus der Lunge macht den Erfolg aus und stellt die wahre Herausforderung dar.

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4 Schritte und viel Zeit: (s)ein Weg zur Zirkularatmung

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Zuerst sollte man also sicherstellen, dass der Mundraum isoliert werden kann und der Weg von den Nasenlöchern bis in die Lunge frei ist (mit einem Schnupfen geht das nämlich wirklich nicht!). Dazu bläst man die Backen auf wie ein Frosch und hält die Lippen verschlossen. Anschließend atmet man durch die Nase. Die Mundhöhle hält nach ‚hinten hin‘ von ganz alleine dicht. Das ist sehr leicht und dürfte niemandem Probleme bereiten.

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Im zweiten Schritt geht man weiter, ‚bunkert‘ zunächst aber wieder Luft im Mund. Hat man dann über die Nase die Lungen entleert, holt man auf diesem Wege wieder Luft, versucht aber simultan die eingelagerte Luft aus der Mundhöhle herauszudrücken. Das geht auch ohne Wasserglas. Man hört, wie man einatmet und kann sich auch die Hand vor den Mund halten, um zu spüren, wie die Luft über die Lippen entweicht. Wer den Sprudeltest mit Strohhalm machen möchte – nur zu! Im Video blubberte es aber nur für die bessere Visualisierung.

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Im dritten Schritt kommt nun das Umschalten hinzu. Hierzu sollte wirklich das Wasserglas zur Überprüfung herhalten. Wer mit ‚vollem Mund‘ beginnt, kommt sehr rasch in die Transitphase, in der Luft aus der Lunge nachfließt, nachdem der Raum zwischen den Backen erschöpft ist. Je nach dem, wie dick der Strohhalm ist und wie tief er im Wasser steht, ändert sich der Widerstand. Ist er zu groß, ist die Luft aus den Wangen sofort weg und auch mit der Luft aus den Lungen kann man kein neues Reservoir für die Zeit des nächsten ‚Nasenschnaufers‘ bilden. Hier muss man einfach experimentieren. In dieser sehr wichtigen Phase darf man aber nicht verzagen. Die Freundin des TrumpetScout konnte vom Fleck weg das Glas sprudeln lassen, der TrumpetScout brauchte 14 Tage, bis erste Erfolge zu sehen waren. Hier gibt es, wie überall, unterschiedliche Begabungen. Wie man im Video sieht, werden die Backen hier nicht wahnsinnig aufgeblasen, auch wenn es sich anders anfühlt. Das sollte auch für Später eine Maßgabe sein. So behält man eher die Kontrolle.

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Der vierte und letzte Schritt ist die Übertragung auf das Instrument, hier natürlich auf die Trompete. Bis das zum ersten Mal funktionierte, dauerte es Monate (wenngleich das Blubbern im Glas zuvor wochenlang weiter geübt, wurde um den Körper richtiggehend zu prägen). Das Füllen der Mundhöhle bereitete Probleme, weil hier ein Teil des Körpers locker werden muss, der bislang beim Spielen immer sehr angespannt war. Neben dem anderen Widerstand der Trompete ist nämlich vor allem der Eingriff in die Spannung der Ansatzmaske eine Herausforderung. Die wird mit dem Strohhalm weitestgehend aus der Rechnung subtrahiert. Obwohl der erste Ton, der stehen blieb, auf dem Flügelhorn gelang, merkte der TrumpetScout schnell: Ein tiefer Ton verlangt eine zu große Lippenöffnung und der Widerstand reicht nicht aus, um mit dem bisschen ‚Mundluft‘ den Ton zu halten. Ein sehr hoher Ton verlangt zu viel Lippen- und Gesichtsspannung, die durch die ‚Blähung‘ und die gleichzeitige Kompression im Mundraum nur schwer aufrechtzuerhalten ist. Am besten funktionierte im Selbstversuch der Bereich zwischen D2 und G2. Außerdem ließ sich auf einem flacheren Mundstück der Ton leichter halten. Wichtige Erkenntnis auch: Es darf nicht im Übeeifer zu oft Luft geholt werden. Wenn der Tank leer ist, geht das Einatmen über die Nase schneller vonstatten und der ganze Prozess läuft geschmeidiger ab.

Mission accomplished? Not yet (at all)!

Das Projekt Zirkularatmung begann im Januar 2017. Nach zwei Wochen konnte der TrumpetScout zwar blubbern (was er übrigens im Laufe des Übens mit dem Instrument wieder ein bisschen verlernte), aber nach einem halben Jahr noch immer nicht auf der Trompete auf Abruf Töne halten. Sogar jetzt nach einem ganzen Jahr funktioniert das noch nicht zuverlässig und unter Druck. Darüber hinaus schwanken Lautstärke und Intonation noch merklich. So sollte es nicht sein. Dennoch gab es Erfolge. Hier und da konnte die Technik n der Section in einem Stück angewandt werden. Gerade Triller (siehe Christoph Moschbergers Video) bieten sich übrigens als ‚Ort der Tarnung an‘.

Auch wenn bis zur Sicherheit eines Wynton Marsalis noch ein weiter Weg ist – auch ein Zwischenerfolg ist ein Erfolg und Herausforderungen tun jedem gut.