Son of a Preacher Man: der relaxte Tobias Weidinger

Für viele ist er schlicht der Mann mit der Kappe. In der musikalischen Entourage etlicher Fernseh-Produktionen und in der Brass-Section hochkarätiger Pop-Acts fällt oft ein stattlicher Herr auf, dessen Basecap stets bis aufs Äußerste ins Gesicht gezogen ist. Sein Name: Tobias Weidinger. Der TrumpetScout hat den Röntgenblick aktiviert, um zu sehen, wer genau sich unter der Kopfbedeckung verbirgt.

"Sie nannten ihn Mütze." Zwar ist das Cap eine Art Markenzeichen geworden, aber an Bud Spencer erinnert Tobias Weidingers Spiel nicht, eher an die Leichtfüßigkeit eines Muhammad Ali.
„Sie nannten ihn Mütze.“ Zwar ist das Cap eine Art Markenzeichen geworden, aber an Bud Spencer aus „Sie nannten ihn Mücke“ erinnert Tobias Weidingers Spiel nicht. Eher an die Leichtfüßigkeit eines Muhammad Ali – also mit Punch, wenn es drauf ankommt.

Pastorensohn. Das ist der erste (scheinbar) wichtige Begriff, der in der Selbstbeschreibung des aus Nürnberg stammenden Trompeters fällt. Als solcher lernt er mit sechs Jahren zuerst Klavier und beginnt – relativ spät – mit 13 Trompete zu spielen. Natürlich im Posaunenchor und obwohl er eigentlich dem Saxophon zugeneigt war. Mit diesem Schicksal der teilweisen Zwangsbeglückung steht er nicht alleine da, viele große Instrumentalisten, vor allem beim Blech, erkannten eher zufällig ihre Begabung – nämlich durch sanften äußeren Druck („Wir brauchen aber gerade Trompeter.“). Das erste Jahr als Teenager ist natürlich kein Zuckerschlecken, es geht zum ersten Mal im Leben bergab, Motivation wird zum Fremdwort. Nicht anders beim jungen Tobias Weidinger, der sich zwar schon als Kind in den Big Band-Sound von Glenn Miller verliebt hat, aber mit den enervierenden Übungen zur Tonproduktion der Trompetenlehrerin doch herzlich wenig anfangen kann. Heute ist er ihr für ihre Engagement dankbar, da sie wusste, was sie tat und so ein solides Fundament für sein Trompetenspiel legen konnte.

Tobias Weidinger hat nicht studiert – zumindest an keiner Hochschule

Auch wenn in den ersten Jahren der Fokus noch klar auf der Klassik lag, übte der Studioklang der Trompetengötter der amerikanischen Westküste eine große Anziehungskraft auf den jungen Mann aus: Jerry Hey, Chuck Findley und Gary Grant sind auf unzähligen Soundtracks und Alben zu hören, ihr Phrasing und ihre Genauigkeit faszinieren Generationen von Trompetern. Es gab zwar noch ein konventionelles Lehrer-Schüler-Verhältnis in der weiteren Laufbahn des 1977 geborenen Nürnbergers, im Wesentlichen begann aber schon früh ein Selbststudium. Viel hören und natürlich viel üben, die Ohren als wesentliches Korrektiv. Diese Strategie brachte den talentierten Burschen nach fünf Jahren bereits in das LAndesJAZZOrchester Bayern und bald darauf mit 20 Jahren ins BUndesJAZZOrchester unter die Fittiche von Peter Herbolzheimer (wo er viel länger als üblich, nämlich ganze vier Jahre blieb). Es war also klar, dass Talent vorhanden ist. Der Weg zum Berufsmusiker ist oft dornig genug, da kann man familiären Zwist über die Berufswahl nicht auch noch brauchen. Der große Bruder hatte zum Glück etwaigen Diskussionen durch die Aufnahme eines Musikstudiums den Garaus gemacht. Tobias Weidinger blieb dennoch ein Revoluzzer, da er zwar Musik machen wollte, aber nicht studieren. Eine Unterstützung von zuhause wurde aber schlussendlich gewährt, sodass ohne lähmende Existenzangst zumindest ein paar Jahre das Musikerleben erprobt werden konnte.

„Für die Lead-Stimme braucht es Erfahrung.“

Bekannt ist Tobias Weidinger in erster Linie für sein äußerst kraftvolles Lead-Spiel. Dazu braucht es natürlich die Voraussetzungen auf der Ansatzseite, jedoch noch sehr viel mehr: nämlich das Gefühl für die richtige Time, das richtige Phrasing und damit den richtigen Stil. Dieses Gefühl hat man nicht einfach, sondern erarbeitet man sich, durch hören wie durch spielen – viel spielen. „Zehn Jahre habe ich eigentlich nur Lead und nur Big Band gespielt.“ Es geht auf dieser wichtigen Position um Erfahrungen, auf die man zurückgreifen kann. Höhe und Power sind eher Gaben, mit denen der Mützenträger natürlich ausgestattet ist, hier gab es nie Probleme.

Nicht nur der Ansatz ist natürlich, auch die Karriere verläuft organisch.

Gefragt nach Schlüsselsituationen und großen Schritten in der Karriere, muss Tobias Weidinger überlegen. „Eigentlich gab es keine Sprünge, ein Job führte zum anderen, eine fruchtbare Bekanntschaft zur nächsten.“ Der schon genannte Peter Herbolzheimer spielte für den heute zweifachen Vater natürlich eine fast väterliche Hauptrolle: Er protegierte ihn wie auch unzählige andere Hochkaräter (z.B. auch Till Brönner), das BUJAZZO war ein Pool sehr begabter junger Musiker, die man gut kennenlernt, und fungierte so als Netzwerk-Generator, und auch seine eigene Band Rhythm Combination & Brass hat wohl das eine oder andere Talent in seine Dienste genommen. In diesen Kontext fällt auch die Bekanntschaft mit amerikanischen Posaunisten Ed Partyka, der wiederum in Wien bei Matthias Rüeggs Vienna Art Orchestra engagiert war. Als der etatmäßige Lead-Player des VAO, Thorsten Benkenstein, 2004 hin und wieder substituiert werden musste, fragte man bei Weidinger nach. So kam es nach der Rückkehr Benkensteins nach Norddeutschland zur Verschiebung des Lebensmittelpunkts nach Österreich, wo also der nächste Deutsche von 2005 bis zur Auflösung der Big Band 2008 das erste Pult in bester Benkenstein-Tradition übernahm. Bereits zuvor spielte der Mann mit der Mütze mit und für Thomas Gansch, in dessen Band Gansch and Roses er die Lead-Parts stemmte.

TV statt Big Band für Tobias Weidinger: „Dann hat es mal gereicht.“

Bereits 2006 zog Weidinger von Nürnberg nach Köln (wenn auch mehr auf Achse als zuhause). Kurz und bündig: wegen einer Frau, heute seiner Frau. Das traf sich aber ganz gut, da er zwischen 2007 und 2010 festes Mitglied der „Deutschland-such-den-Superstar“-Band war – bis man sich gegen Live-Musik entschieden hat. Das Leben als Roadcat zwischen den Konzertsälen Europas, abonniert auf die Leadstimme in einer Big Band, hat natürlich seine Reize, irgendwann braucht es aber doch etwas Neues. So hat sich der Neu-Kölner mehr auf das konzentriert, was er sowieso schon immer, nur eben eher im Verborgenen gemacht hat, nämlich elektronische Musik, oder wie er selbst sagt: „Beat-Schrauben“.

Weidinger ist nicht nur live eine Wucht, sondern auch ein versierter Studiomusiker.
Weidinger ist nicht nur live eine Wucht, sondern auch ein versierter und gefragter Studiomusiker.

Nebenbei hat sich durch die DSDS-Bekanntschaft mit dem Pop-Tausendsassa aus Stuttgart Lillo Scrimali ein ganz Neues Betätigungsfeld aufgetan. Dieser managt nämlich Live-Bands für unter anderem Die Fantastischen Vier, aber auch für Fernseh-Shows wie „The Voice of Germany“. Folge des fruchtbaren Zusammenspiels des Nürnbergers mit dem Schwaben – Weidinger schreibt nämlich selbst die Bläser-Arrangements – sind Konzerte mit Freundeskreis, Joy Denalane und Max Herre. Das Musizieren mit letzterem führte wiederum zu Aufnahmen mit Weltstars wie Gregory Porter. Außerdem tourt Weidinger beständig mit dem Dancehall-Act Seeed, was bei großen Festivals gute Stimmung vor, auf und natürlich auch hinter der Bühne garantiert: „Das sind immer tolle Klassenfahrten.“ Man sieht: Ein Türchen schließt sich, zwei andere gehen auf.

Ein kleiner Auszug der Diskografie Weidingers zwischen deutschem Hip Hop und österreichischer Big Band

Beim Geburtstagsalbum der Fantastischen Vier...
Beim Geburtstagsalbum der Fantastischen Vier…
…und sogar bei der Weihnachtsplatte von Carla Bley.
…bei den letzten Big Band-Alben des legendären Vienna Art Orchestra…

 

Fit durch ein „System für Faule“

Wer meint, nach dem Ende der reinen Big Band-Ära habe Tobias Weidinger seine alten Stärken gegen neue getauscht, der irrt. Ein satter Strahl im hohen Register und dominantes Lead-Spiel zeichnen ihn noch immer aus. Wie das geht? Das hat er sich selbst gefragt, als er den Entschluss fasste in der Big Band kürzer zu treten, denn verlieren wollte er seine Fähigkeiten natürlich nicht. Mit Lennart Axelsson, dem früheren Lead-Trompeter der NDR-Big Band, bei der Weidinger auch ab und zu aushalf, wurde gemeinsam ein „System für Faule“ erdacht, das mit möglichst wenig Aufwand die beim Spielen involvierte Muskulatur so trainiert, dass die Chops auch ohne ausdauerndes Proben und Konzertieren nicht nachlassen. Die richtigen Impulse dafür setzt ein 45minütiges Programm, in erster Linie bestehend aus Bindeübungen, das jeden Tag absolviert wird. Der mittlerweile zum Allrounder gewordene Weidinger ist nämlich davon überzeugt, dass es wie im Sport auch bei Musikern (und speziell bei Kesselbläsern) um die beständige Prägung eines Muskelgedächtnisses gehe. Ist durch eine lange Trainingsphase im Leben ein gewisses Level erreicht, lässt sich dieses durch geringen Aufwand halten – vorausgesetzt das Training ist effizient.

Tension & Release: die Muhammad Ali-Strategie

Was Weidingers Geheimnis hinter seiner Kraft ausmacht, konnte er zum Teil durch Beobachtung von anderen Trompetern erkennen, denen das Spiel schwer fällt. Sie seien oft die ganze Zeit angespannt und wenn es dann darum geht, viel Leistung abzurufen, sind sie bereits erschöpft und nicht mehr fähig, den Bogen zu spannen, also Energie zu speichern und sie auf einmal und im richtigen Moment freizulassen. Dieses wichtige Wechselspiel benennt er englisch mit „Tension and Release“. Weidinger ist sogar während des Spielens recht locker, was man auf diversen Videos sehen kann. Er benutzt nur die Muskeln im Körper, die er auch wirklich braucht. „Mir gefällt das Bild von Muhammad Ali. Er ist locker im Ring herumgehüpft, hat aber im richtigen Moment mit der vollen Härte zuzuschlagen gewusst.“

Tobias Weidingers Vorliebe: Sterlingsilber

Das Equipment des vielseitigen Spielers, der nicht mehr nur das brachiale Repertoire beherrscht, besteht mittlerweile aus mehr als einer Trompete und einem Flügelhorn. Gerade die viele In Ear-Arbeit bei TV-Produktionen hat Weidinger dazu veranlasst, mit seinem Nürnberger Trompetenbauer Christoph Endres eine leichtere und kleinere Trompete als die bisher ausschließlich gespielte Endres 6L zu bauen, die sich allerdings noch im Prototypen-Status befindet. So viel sei verraten: Sie hat eine ML-Bohrung, keine Stützen, eine reversed leadpipe und soll das Klangideal von Miles Davis auf seiner Martin Committee verfolgen.

Im Bild ist die Endres 6L, die eigens für Weidinger entworfene Lead-Trompete aus Nürnberg.
Im Bild ist die Endres 6L, die eigens für Weidinger entworfene Lead-Trompete aus Nürnberg.

Das frühere Hauptwerkzeug und auch heute noch die Weapon of Choice für den unmikrofonierten und Big Band-Einsatz ist eine Large Bore-Trompete mit zwei Stützen beim Stimmzug und großem Sterlingsilber-Schallstück. Sterlingsilber verleiht dem Ton viel Dunkelheit, Tragfähigkeit und klangliche Substanz, wie es gemäß Weidingers (durchaus von Thorsten Benkenstein geprägtem) Ideal zum Leadtrompeten-Sound gehört. Gelbmessing höre sich im Power-Einsatz sehr schnell schreiend und zu hell an. So war auch die zuvor gespielte Bach mit einem Sterling-Becher ausgestattet. Wichtig ist dem Franken außerdem ein sicheres Rasten im oberen Register und eine saubere Trennung. Diffuse Trompeten kann man jenseits des C3 nicht gebrauchen.

Die Krux mit dem A3 und neuen Mundstücken

Als Mundstück kommt dagegen seit 20 Jahren nur ein und dasselbe zum Einsatz: ein einst sogar bereits gebraucht gekauftes Schilke 13A4. Zur Sicherheit wollte Tobias Weidinger schon weitere dieses Typs kaufen, doch keines spielte sich so wie seines. Ob seines im Schilke-Originalzustand an ihn kam, bleibt spekulativ. Er schätzt an seinem Modell die nicht besonders scharfe Innenkante und den guten Luftdurchsatz.

Bei der Frage nach der allgemeinen Schwierigkeit ein A3 sauber hervorzubringen gibt Weidinger unverhohlen zu, dass er selbst wohl bis ans Lebensende mit diesem Ton kämpfen werde. Das habe aber auch physikalische Gründe. Die Länge der Trompete sei so, dass man eigentlich nur bis zum Gis3 spielen könne. Darüber sind die Abstände gering und man spiele nur noch über die Ohren. Da das A am Scheidepunkt zwischen regulärem und Quasi-Falsett-Register liege, sei es besonders hart umkämpft. „Drunter geht’s besser, aber auch drüber!“

Die Zeichen stehen nicht schlecht

Durch das Engagement für Workshops musste Weidinger reflexiv mit den eigenen Fähigkeiten umgehen, was ihm persönlich zugute kam, aber natürlich auch den Schülern, die er sporadisch empfängt. Vor allem beim Thema Stütze könne er sehr viel helfen. Ein Lehr-Engagement im Fach Technik an der Musikhochschule in Graz hatte er in den letzten Jahren inne, der Reiseaufwand wurde aber schlicht zu groß. Zur Zeit des Interviews arbeite Weidinger gerade an Aufnahmen für ein MTV-Unplugged eines deutschen Rappers, viele weitere Engagements sind fix. Und als T-Funk tritt Weidingers „other side“ zum Vorschein. Oder sollte man besser sagen: seine dritte Seite? Sorgen machen braucht man sich um den Nach-wie-vor-Power-Player jedenfalls nicht. Die Zeichen stehen nicht schlecht.

Da steht er. Ganz sicher aber nicht mit dem Rücken zu Wand. Es geht beständig weiter, wenn auch ohne konkreten Plan. Auch das hat bei Tobias Weidinger Methode.
Da steht er. Ganz sicher aber nicht mit dem Rücken zu Wand. Es geht beständig weiter, wenn auch ohne konkreten Plan. Auch das hat bei Tobias Weidinger Methode.